Verwirrspiel um Familie, Leben und Tod. „Freudenberg” von Carl-Christian Elze ist auch sprachlich stark.

“Freudenberg” von Carl-Christian Elze beginnt als relativ starker Roman über einen jungen Mann im Konflikt mit seinem Vater, der noch einmal mit der Familie in Urlaub fährt. Freudenberg selbst hat keinen Plan, was er mit seinem Leben anfangen will, der Vater will ihn in die Metallverarbeitung schicken. Direkt im polnischen Urlaubsort angekommen, zieht Freudenberg auf eigene Faust los und entdeckt einen Bunker im Meer. Auf diesen ersten 20 bis 30 Seiten merkt man bereits, dass Metall, als Gegenstand, als Geschmack im Mund und so weiter, leitmotivisch an entscheidenden Momenten eingesetzt werden wird. Der Konflikt wirkt nicht gerade wie etwas Neues, doch die sprachliche Gestaltung weicht ab vom gewöhnlichen Literaturschulen-Einerlei.

Ginge der Roman nun seine erwartbare Bahn, hätten wir es vielleicht mit einem halbwegs überdurchschnittlichen Text zu tun. Aber Freudenberg wird zu etwas ganz Anderem. Der junge Mann wird im Bunker von einer Welle erfasst. Es geht ihm aber danach relativ gut, und er entdeckt am Strand einen Toten, laut Portemonnaie „Marek“. Aus einem Impuls heraus vertauscht er seine Kleider mit dem Toten und versteckt sich im Wald. Er lernt eine junge Frau namens Maja kennen und findet dort eine erste Liebe.

Irgendwann kehrt Freudenberg zurück zu den Eltern, nach einer Mofa-Odyssee durch Polen und Deutschland. Anfangs versteckt er sich, denn er wurde ja bereits beerdigt. Dann, noch versteckt, versorgt ihn die Mutter mit Essen. Als ihm klar wird, dass beide Eltern von seiner Existenz wissen, zeigt er sich. Diese Episode wird relativ früh erzählt, viel von der Maja-Geschichte erfahren wir dann erst in späteren Kapiteln.

Und auf diese Weise wird der Text sehr kompliziert. Lesen wir hier einfach Erinnerungen Freudenbergs? Und wie wurde das Problem seines „Todes“ gelöst? Wie ist er überhaupt zurückgekehrt? Auf diese Antworten, wenn wir sie überhaupt bekommen, warten wir lang. Oder lesen wir vielmehr Erfindungen? Hat Freudenberg sich seinen Sommer größtenteils ausgedacht? Lebt Freudenberg überhaupt noch? Vieles, was geschieht, etwa dass der Junge sich so brav in die Metallarbeit fügt, liest sich dann sogar eher wie eine Fantasie der Eltern. Oder fantasiert doch Freudenberg, aber nicht als Rückkehrer, sondern im Sterbebett? So richtig beantworten lassen sich all diese Fragen nicht, der Roman hält uns im Status eines ständigen Zweifels.

Ab hier, falls das überhaupt denkbar ist, größere Spoiler.

Allerdings gibt es doch ein paar interessante Hinweise, die bei einer Entschlüsselung helfen könnten. So erfahren wir spät den Vornamen Freudenbergs. Maik. Das klingt schon ziemlich ähnlich wie Marek, oder? Überhaupt, je mehr man darüber nachdenkt, und je mehr darüber gesprochen wird: die Ähnlichkeiten zwischen Maik und Marek, bis hinzu einer älteren Narbe am Körper, sind doch sehr frappierend. Und ist es nicht interessant, dass sowohl Freudenbergs Heimatstadt als auch der Urlaubsort eine Kopernikusgasse haben, die beide dann auch noch sehr explizit erwähnt werden? Maik-Marek-Maja… Selbst die Sommerliebe klingt an die Namen des „echten“ und des „falschen“ Toten an.

Auch sprachlich hält der Roman das Niveau, und überschreitet seine Beschreibungen immer wieder mit stark komponierten Bildern, die die Befremdlichkeit des Szenarios noch verstärken. Ein wirklich gelungener Text. Lasst euch nicht von anderen Kritikern aufschwatzen, „Freudenberg“ hätte seine Fragen nach einer definitiveren Antwort hin auflösen müssen. Im Gegenteil, es ist das bis zum Schluss Rätselhafte, aus dem der Text seine Stärke zieht. Dies ist kein realistischer Roman (wäre er es, man müsste sich zB fragen, warum Freudenberg und Maja nicht auf die Idee kommen, auf Englisch miteinander zu kommunizieren. Immerhin, die Sprache wird doch in beiden Ländern gelehrt). Und wenn wir ehrlich sind: jede „Auflösung“, die eindeutig wäre, würde das gesamte Werk zerstören, indem sie zwänge, die Konstruktionen nun auch auf ihren Realismus hin ab zu klopfen.

Ein gelungener Roman abseits ausgetretener Pfade, der nüchtern betrachtet „Eine Liebe in Pjöngjang“ den ersten Platz unter den bisher besprochenen Buchpreis-Titeln streitig machen könnte. Letzterer liegt für mich persönlich allerdings noch knapp vorne.

Bild: Pixabay

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