„Ein Sommer in Niendorf“ von Heinz Strunk ist ein weiterer mittelmäßiger „Misanthrop erzählt uns, wie er die Welt sieht“-Roman.

Dass Heinz Strunk auch dieses Jahr wieder auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, ist für mich schwer verständlich. Letztes Jahr, in dem schwachen Feld, fiel er mit seiner schlechten Houellebecq-Imitation nicht weiter auf. Dieses Jahr ist er mit „Ein Sommer in Niendorf“ dabei, der wohl bereits öfter mit „Der Tod in Venedig“ verglichen wurde. Ich hoffe nicht in positiver Weise. Denn am Ende ist auch dieser Roman wieder vor allem eine schlechte Houellebecq-Imitation.

Roth, von dem wir nie wirklich erfahren, was er sonst macht, verbringt den Sommer, nun ja, eben in Niendorf, um seine Familiengeschichten zu schreiben. Das beginnt zumindest ganz ordentlich, wenn auch ohne sprachlich oder thematisch Herausragendes. Der Möchtegern-Autor kommt nicht so richtig in Fahrt, denkt über die Gruppe 47 nach, die Beziehungen zu der Ortschaft hat, und muss sich halb seinem Vermieter und Nachbarn Breda erwehren, einem heftigen Trinker, halb fühlt er sich, seiner selbst gesetzten Aufgabe ausweichend, zu ihm hingezogen. Aber es dauert nicht lang, da erfahren wir, wie gut der Erzähler bei Frauen ankommt (natürlich) und eine ältere Affäre will ihn unbedingt besuchen, bettelt ihn geradezu darum an. Er derweil „verliebt“ sich in eine Bedienung, die gut 30 Jahre jünger sein dürfte als unser Erzähler. Die Ex-Ehefrau derweil ist natürlich schrecklich, so eine Art born again Christian geworden, was zur Trennung geführt hat und zwischendurch dem Erzähler Raum gibt für die dümmste Form des Atheismus, den, der der Bibel mit Mathematik und Faktenhuberei entgegentritt.

Während es Anfangs immerhin noch wirkte, als könnte „Ein Sommer in Niendorf“ eine zwar nicht brillante, aber sich doch auf mittlerem Niveau haltende Auseinandersetzung mit all diesen Nazi-Aufarbeitungs-Familiengeschichten werden, die deutsche LiteratInnen so gerne verfassen (denn der Erzähler merkt, dass auch seine Geschichte genauso eine zu werden droht), sind nun Beobachtungen zu Frauen und Beziehungen deutlich wichtiger.

Und ich weiß, was ihr jetzt wieder einwenden werdet: Wir sollen doch den Protagonisten gar nicht sympathisch finden. Der ist doch absichtlich so gezeichnet. Schon klar, aber habt ihr nicht auch das Gefühl, dass es von diesen Büchern mittlerweile genug gibt, und dann auch noch viele deutlich bessere? Welchen Gewinn bringt das hundertste „Misanthrop erzählt uns, wie er die Welt sieht“-Buch denn noch?

Auch in ästhetischer Hinsicht. Ich bitte euch, Tod in Venedig? „Ein Sommer in Niendorf“ enthält nicht einen schönen Satz, den man sich zum Zitieren markieren möchte. Nicht eine längere Passage, die so richtig in die Welt des Romans hineinzieht. Es ist reine Gebrauchsprosa, zusammengezimmert, damit Protagonist und Erzähler Roth zu uns sprechen kann. Das Feld des Buchpreises ist wie gesagt dieses Jahr deutlich stärker, so dass es absolut unverständlich ist, dass Strunk mit diesem Roman schon wieder unter den besten 20 steht.

Bild: Pixabay.

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