„Ein simpler Eingriff“ von Yael Inokai ist ein gelungener Roman im Schwebezustand zwischen Psychiatriekritik und Persönlichem.

„Ein simpler Eingriff“ von Yael Inokai ist bisher einer der interessanteren Texte unter den Longlist-Kandidaten zum Deutschen Buchpreis. Zu Beginn erwartet man, einen typischen Psychiatrie Roman in den Händen zu halten. Auch der mal wieder eher irreführende Klappentext legt das nahe:

„Meret ist Krankenschwester. Die Klinik ist ihr Zuhause, ihre Uniform trägt sie mit Stolz, schließlich kennt die Menschen in ihrem Leiden niemand so gut wie sie. Bis eines Tages ein neuartiger Eingriff entwickelt wird, der vor allem Frauen von psychischen Leiden befreien soll. Die Nachwirkungen des Eingriffs können schmerzhaft sein, aber danach fängt die Heilung an. Daran hält Meret fest, auch wenn ihr langsam erste Zweifel kommen.“

Und tatsächlich steht im ersten Teil das Verhältnis von Meret zu einer Patientin dieser experimentellen Behandlung, die psychische Krankheiten nicht gerade heilen, sondern eher stillstellen soll, im Mittelpunkt. Normalerweise würden wir jetzt weitere Behandlung miterleben und irgendwann würde die Protagonistin ins Grübeln kommen, ob das alles so richtig ist, was man da macht. Das wäre wahrscheinlich langweilig.
Doch tatsächlich führt uns der zweite Teil erstmal auf einen radikal anderen Weg. Meret bekommt eine neue Mitbewohnerin, und nachdem die beiden sich aufgrund ihres harten Dienstes als Krankenpflegerin wochenlang nicht über den Weg gelaufen sind, entwickelt sich vorsichtig eine Liebesgeschichte. Doch über die besondere Arbeit von Meret zerstreiten die beiden sich, denn die Mitbewohnerin erinnert das stark an eine alte Freundin. Hier fällt dann auch eine entscheidende Satz:

“Würden sie das nicht über uns beide sagen? Dass das eine psychische Störung ist?”

Im dritten Tag kehren wir zurück zur Patientin aus dem ersten Teil und erfahren, dass diese und Meret schon ein älteres Verhältnis verbindet. Der Eingriff ist schiefgegangen, und nun lebt die Patientin zwar noch, hat aber kaum noch Bewusstsein.

Der Roman hält uns in einem seltsamen Schwebezustand zwischen Psychiatriekritik und Persönlichem, und zugleich zwischen unserer Welt und möglicherweise Science-Fiction. Denn es bleibt ziemlich unklar, in was für einer Welt der Text eigentlich spielt. Das meiste scheint wie bei uns zu sein, und entsprechend liefern die Lebensumstände der Protagonistin auch noch eine nicht scharf formulierte, aber deutliche Kritik am Zustand der Pflege in Deutschland. Aber es gibt eben auch deutliche Abweichungen. Leben die Pflegerinnen in und um die Klinik, werden ihnen Zimmer Genossinnen, immer andere Pflegerinnen, zugeteilt? Oder bringen mich missverständliche Formulierungen der Protagonistin auf diesen Gedanken? Wird Homosexualität tatsächlich noch immer als zu heilende psychische Störung angesehen? Oder ist das nur eine scharfe Formulierung der Freundin, um Meret von ihrer Haltung zur Psychiatrie zu überzeugen? Es gibt noch ein paar solcher kleiner Abweichungen mehr, die, zusammen natürlich mit dem experimentellen Heilverfahren, das ohne ernsthafte Absicherungen durch Vorstudien durchgeführt zu werden scheint, auf die Idee bringen, wir könnten es mit einem mild dystopischen Setting zu tun haben, das sich doch stärker von unserer Realität unterscheidet.

Andere Kritiken haben bemängelt, die Autorin hätte das Thema Homosexualität und Psychiatrie ausbauen sollen, und klar machen sollen, dass die Protagonistin höchstselbst gefährdet ist. Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil: Es ist gerade dieses Dazwischen, in dem der Roman seine LeserInnen sowohl bezüglich des Hauptthemas als auch in allen persönlichen Beziehungen hält, das ins Grübeln bringt und große Lücken aufreißt, die mit eigenen Gedanken zu füllen sind. Auch „Ein simpler Eingriff“ ist bisher einer der stärkeren Buchpreistexte, und von fünf gelesenen waren vier bisher immerhin lesenswert bist stark. Das mag durch die Selektion bedingt sein, da ich die kürzeren Bücher zuerst gelesen habe, aber wenn es nur annähernd so bleibt, liegt das Feld dieses Jahr deutlich über denen der vergangenen Jahre.

Bild: Pixabay

4 Gedanken zu “„Ein simpler Eingriff“ von Yael Inokai ist ein gelungener Roman im Schwebezustand zwischen Psychiatriekritik und Persönlichem.

      1. soerenheim sagt:

        Angesichts der ausnahmsweise starken Longlist bisher enttäuschend. Blutbuch habe ich noch nicht gelesen, dass könnte toll oder katastrophal sein, nach dem was ich bisher an Besprechungen gesehen hab.
        Aydemir ist sauber-routiniert, Bilkau ebenso, aber halt auch beides nichts wirklich besonderes. Spitzweg hab ich ja schon besprochen, Dröscher ist erzählerisch auch so ein ganz klassischer Roman. „und dann und dann und dann…“
        Da wurden mal wieder viele literarisch stärkere Texte übergangen.
        Kinsky auch noch nicht gelesen, aber die dürfte erfahrungsgemäß da auch drunter fallen.

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