Ein Strom kompakter Bilder, durch den sich eine tragrische Erzählung zieht. „Aline“ von Charles Ferdinand Ramuz.

„Aline“ ist der erste veröffentlichte Roman des laut Wiki bedeutendsten Schweizer Autors in französischer Sprache, Charles Ferdinand Ramuz. Dessen Roman „Derborence“ habe ich hier schon einmal sehr positiv besprochen. Von „Aline“ heißt es im Nachwort, der Text unterscheidet sich sehr stark von den anderen Romanen, für die Ramuz bekannt sei. Vor allem sei er sprachlich/formal einfacher, weniger schwergewichtig in seiner Themenwahl und vielleicht gerade deshalb erfolgreich, weil er nicht so zwanghaft versuche, bedeutend zu sein (ich fasse natürlich sehr stark zusammen).

Im Vergleich mit „ Deborence“ kann ich das nicht bestätigen. „Aline“ ist ganz ähnlich wie dieser ein kurzer dichter Text, dessen Handlung in einem Schweizer Bergdorf, obwohl bestimmte Umstände sicher einer gewissen Zeit geschuldet sein mögen, sowohl im Absehen von jeglicher historische Verortung als auch in der sprachlichen Gestaltung, sehr zeitlos wirkt. Noch stärker als „Derborence“ schnürt der Roman eine Reihe von kompakten Bildern, durch die sich die Handlung zieht. Abseits der oft wortarmen Dialoge ist praktisch jeder Absatz ein elaboriertes Bild. Etwa, als der Protagonist Julien Damon eingangs des Romans vorgestellt wird:

“Als Julien an den Sträuchern vorbeikam, flogen die Spatzen alle zusammen heraus, wie wenn ein Stein zerspringt. Langsam schritt er voran, es machte ihm warm, auch war es ihm nicht ums Eilen zumute. Er rauchte einen Zigarrenstummel und ließ den Kopf zwischen seinen eckigen Schultern hängen. Ab und zu blieb er unter einem Baum stehen; der Schatten drang in sein offenes Hemd; er rückte den Hut nach hinten und trocknete mit dem Arm die Stirn ab. Dann machte er sich wieder auf den Weg, trat aus dem Schatten , und seine Sense blinkte in der Sonne wie eine Flamme. Gleichmäßigen Schrittes zog er aus. Er schaute nicht nach rechts und nicht nach links, denn er kannte ja den letzten Stein auf dem Weg, er kannte alles in dieser Landschaft, wo sich nichts verändert außer den Jahreszeiten, die im reifenden Gras oder in den fallenden Blättern sich anzeigen. Er dachte nur, das Mittagessen werde bereitstehen und er habe Hunger.”

Dieser Julien wirbt bald erfolgreich um die junge Aline, die sich nach einem ersten Kuss erst widersetzt, dann aber von sich aus wieder die Nähe des jungen Mannes sucht. Es entwickelt sich eine Affäre, doch Julien langweilt sich in der Beziehung zusehends und es wird deutlich, dass er wenig Lust hat, Aline auch zu heiraten. Grob folgt die Entwicklung der Beziehung dabei dem Jahresverlauf, mit dem Beginn im Frühling und einem tragischen Ende wiederum im Frühling. Früh deutet sich, wiederum in Bildern, an, dass nicht schön bleibt, was im ersten Moment schön wirken mag:

“Jeden Abend trafen sie sich. Sie folgten dem Weg bis zu der Stelle, die sie sich ausgesucht hatten. Es war ein einsamer Ort; eine Hecke grenzte die Böschung gegen die Straße hin ab; auf der andern Seite stiegen sanft die Felder an; unten floss ein kleiner Bach; ein großer Birnbaum umgab sie mit seinen tief hängenden Zweigen, das Gras war weich wie ein Bett. Die Sterne schauten auf sie herab. Es sind so viele, man kann sie nicht zählen. Einige sind gelb, andere grün, und wieder andere sind rot. Die einen flackern wie Kerzen im Wind; die andern sind unbeweglich wie Nägel in einem Brett. Es gab auch solche, die wie Staub waren. Der Mond stieg hinter dem Hügel auf; er wurde langsam größer, und unten war er wie eine Säge gezackt, wegen der Tannen; dann stieg er ganz und rund und ruckweise den Himmel hinan. Um ihn herum sah man einen trüben Schein wie einen Kranz. Sein herabfallendes Licht warf einen kalten Schatten von den Zweigen, und plötzlich waren keine Sterne mehr am Himmel.”

Die fehlenden Sterne werden in der Folge zum wiederkehrenden Motiv:

„Und auch die Jahreszeit meinte es nicht mehr gut mit ihnen. Die Tage wurden kurz, die Nächte wurden kalt. Aline suchte mit ihren Augen die Sterne, und sie fand sie nicht mehr. Das Emd war gemäht . Der zunehmende Mond war wie ein zerbrochener Ring. Wenn man die Kühe auf die Matten treibt, kommen alle miteinander heraus und schwenken ihre Glocken. Sie bringen den Herbst, und er läutet auf Weg und Steg mit den Glocken. Man liest die ersten Äpfel ab.“

Alles kommt, wie man es erwarten muss: Aline wird schwanger, Julien zieht sich endgültig zurück. Die Mutter überwirft sich so halb mit der Tochter, dennoch will man das Kind bekommen und es dann eben größtenteils verstecken, wie es gewissermaßen „Brauch“ ist:

“Aber die Kinder , die keinen Vater haben, wagt man nicht zu zeigen. Man behält sie zu Hause; man bringt sie zum Schweigen, wenn sie schreien; sie werden groß und gehen zur Schule, die andern Kinder spielen nicht mit ihnen, man gibt ihnen Übernamen. Aline dachte: «Nicht nur ich allein bin gestraft, auch es ist gestraft.» Warum? Und warum wurde Julien nicht bestraft? Sie spürte, dass es im Leben Dinge gibt, die schwer zu begreifen sind.”

Das Kind kommt kränklich auf die Welt, und wird noch kränker. Aline ist zusehends mit ihrer Rolle als quasi Ausgestoßene und Mutter überfordert und tötet das Kind und kurze Zeit später sich selbst. Der ehemalige Liebhaber heiratet derweil eine „gute Partie“, das einzige, was er und auch die Eltern sich für ihn vorstellen können. Kein Happy End, keine poetische Rache an Julien, der Aline verlassen hat. Nur ein ganz leises Umdenken bei der Mutter, die nun doch um die Tochter trauert und insofern bei der Gemeinde, als dass die Erzählung mit einem Leichenzug schließt, der Aline in geweihte Erde bettet. Allerdings auch ein Hinweis, wie stark das Bedürfnis ist, über alles irgendwie Negative im Dorf den Mantel des Schweigens zu breiten. Wie die Affäre totgeschwiegen wurde, die Herkunft des Kindes, so nun auch noch, dass sich Aline das Leben genommen hat, was eine solche Beerdigung dem konservativen Dorf eigentlich verbieten müsste.

Aus dem Nachwort lässt sich entnehmen, dass der Autor lang an dem Roman gefeilt hat, und viele explizite soziale Themen herausgestrichen hat. Ursprünglich enthielt Aline wohl noch längere Exkurse darüber, dass es die besondere soziale Stellung der Familie Damon sei, die es dem Sohn erlaubt, vollkommen ohne Probleme aus der Affäre hervorzugehen. Und die Mutter rächte sich brutal an dieser sozial höher stehenden Familie. Eine gute Entscheidung, beides zu streichen. Ersteres steht immer noch im Text, aber deutlich weniger aufdringlich. Es ist etwas, das man verstehen muss, das man sich erdenkt, statt dass man es wie vom Pfarrer von der Kanzel hingeworfen bekommt. Und zweiteres hätte dem Roman viel Kraft genommen. Poetische Rache, ausgleichende Gerechtigkeit, das passt nicht in eine Geschichte über das Leben in einem abgelegenen Dorf, in dem eben nicht eine Person lebt, die überhaupt den Gedanken denken könnte, dass Aline Ungerechtigkeit widerfahren ist. Im vorliegenden sozialen System gilt das Geschehen im Gegenteil als gerecht. Ja, nicht mal die Mutter kann das, und nicht mal Aline selbst. Und genau dadurch macht der Roman Lesende die Ungerechtigkeit wirklich spüren.

Die literarische Meisterschaft des Textes liegt definitiv darin, mit wenigen Worten viel zu sagen und den Lesenden das Denken zu überlassen, während gleichzeitig die Opulenz der Bilder anfangs in ihrer rustikalen Schönheit und später sich reibend an der tristen Geschichte ihre Arbeit tun.

Es wäre sicher interessant, noch den ein oder anderen Roman von Ramuz zu lesen, einmal, da der Autor sprachlich wirklich herausragend ist und dann, um zu prüfen, ob die anderen Texte so stark von „Aline“ abweichen, dass der Hype um den Erstling als ganz anders gerechtfertigt sein könnte. Im Vergleich mit „Derborence“ sehe ich wie gesagt deutlich mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede auf der sprachlichen und formalen Ebene.

Bild: Pixabay.

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