Melodram, das in der Luft hängt. „Indiana“ von George Sand ist noch nicht, was ich mit von der Autorin erwartet habe.

(aber es kommt noch besseres)

Ein wenig hatte ich mir von einer Autorin wie George Sande, die doch zumindest ab den 40er Jahren des 19. Jhdt dezidiert als sozialistische Autorin galt, politischere Texte erwartet. Nicht zwingend Pamphlete, dann hätte es mich überhaupt nicht interessiert, aber doch Texte wie etwa die von Zola oder Hugo, die soziale Fragen der Zeit aufgreifen und vielschichtig hin und her wälzen. Mit sehr viel Wohlwollen mag man in „Die kleine Fadette“ davon Keime gesehen haben. Sands berühmtester Roman dagegen, „Indiana“, ist ein von sozialen Fragen praktisch unbelecktes Melodram. Klar kann man sagen: Allein, dass eine Frau in eine solche Situation gerät, ist ein politisches Thema. Doch wird es im Roman noch viel stärker als etwa in „Effi Briest“, „Madame Bovary“ oder „Anna Karenina“ als rein persönliches verhandelt. Und klar kann man darauf abstellen, dass die Tatsache, dass Indiana aus „den Kolonien“ stammt, irgendwie auch politisch ist. Aber: siehe oben.

Die Situation, das ist eine Dreiecks-, nein eigentlich sogar eine Vierecksgeschichte. Indiana wurde mit ihre deutlich älteren Ehemann zwar nicht gerade zwangsverheiratet, doch die Heirat wurde, wie damals im Bürgertum üblich, doch sehr dringend nahegelegt. Zu Beginn des Romans dringt ein junger wagemutiger Mann in das Anwesen ein, eigentlich um seine Affäre mit der Bediensteten fortzusetzen. Doch er verliebt sich in Indiana und beginnt um sie zu werben. Beinahe zusammen mit dem Ehepaar lebt auch noch der Jugendfreund Richard. Er warnt vor dem Eindringling, den der Ehemann nicht ernst nimmt. Alles kommt, wie es kommen muss. Der Eindringling spielt mit der Bediensteten und der Dame des Hauses, die Bedienstete tötet sich, die Dame des Hauses verliebt sich. Irgendwann muss das Ehepaar zurück auf sein Kolonialanwesen, die Ehe ist da längst zerrüttet. Indiana flieht zurück nach Frankreich in der Erwartung, in die Arme des Geliebten zu fliegen. Doch der hat sich mittlerweile verheiratet. In dieser Stunde des Schreckens ereilt Indiana auch noch die Nachricht, dass ihr Mann an einem Schlaganfall gestorben ist. Mit ihrem Jugendfreund Richard schließt sie einen Selbstmordpakt, den die beiden in der alten kolonialen Heimat umzusetzen planen. Auf der Reise dorthin aber enthüllt Richard, wie sehr er Indiana immer geliebt habe, und während der scheinbare Schluss noch klingt, als hätten die beiden ihren Selbstmord doch durchgeführt, erfahren wir in einem Epilog, dass sie nun zurückgezogen in einer Hütte leben. Hier wird dann als Nachgedanke doch noch ein politisches Element in die Handlung gedrückt dafür. Mit ihrem Geld, das, schätze ich, aus der Erbschaft stammt, setzen die beiden sich nämlich für die Sklavenbefreiung ein.

Ich will nicht sagen, dass das Ganze keine kurzweilige Lektüre ist. Und immerhin, der Twist zum Schluss, der der Protagonistin entgegen der Konventionen so etwas wie Glück erlaubt, ist gelungen. Die alte Beziehung der beiden ist auch in einer Weise aufgebaut, dass es nicht wie ein Deus-ex-Machina-Manöver wirkt. Aber all die Beziehungen im Roman sind so unverbunden zum drumherum, zur breiteren Gesellschaft. Das Ganze wirkt wirklich wie ein im luftleeren Raum ausrangiertes Melodram. Eine soziale Einbettung, die der Geschichte Gewicht verleihen könnte, kommt nicht vor. Man könnte unzählige Beispiele bringen, aber das augenfälligsten ist vielleicht die Sklaverei. Die war zuvor im Roman nicht wirklich Thema. Wir erfahren nichts über die Haltungen Indianas, Richard und ihres Mannes dazu. Entsprechend aus heiterem Himmel kommt zum Schluss das soziale Engagement. Nun, „Indiana“ ist ein Roman aus der Zeit, bevor George Sand die Politik für sich entdeckt hat. Werden Autoren auch normalerweise nicht unbedingt stärker, wenn sie sich einer Sache verschreiben, denn allzu oft wird dann das Erzählen vergessen, in diesem Fall hoffe ich, dass es den späteren Romanen vielleicht mehr gesellschaftliche Erdung verleiht. „Die kleine Fadette“ war dahingehend schon etwas stärker als Indianer, und noch liegen in meiner Sammlung ja doch einige Texte vor mir.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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