Lyrisches Kurzepos in Prosa. „Derborence“ von Charles Ferdinand Ramuz erzählt zeitlos von einem Unglück im Gebirge.

Man muss nur wenige Seiten von Derborence lesen, um sich klar zu werden, dass man einen besonderen Roman in der Hand hält. Einen dieser Texte, die man wird mehrfach lesen wollen. Ein Text, der nicht geschrieben ist, sondern komponiert. Ein Text, nicht um Zeit totzuschlagen, sondern auf der Suche nach Transzendenz. Keine Angst, liebe Atheisten, das hat nichts mit Religion zu tun, zumindest nicht im naiven Sinn. Es geht um ein sprachliches Überschreiten eines rein Faktischen hin auf ein ästhetisches Erlebnis, das aus dem Ganzen, doch auch schon aus jedem Absatz, jeder Zeile spricht.

Der laut Wikipedia bedeutendste Schweizer Autor in französischer Sprache (von dem ich zuvor noch nie gehört hatte), Charles Ferdinand Ramuz, bedient sich eines erlesenen Stils aus meist kurzen Sätzen, starken, wenn auch zugleich oft etwas diffusen Bildern und eine Art des Bezeichnens, die geradezu nach den Dingen zu greifen scheint. Sprache wie ein ständiges Schwanken zwischen festen Konturen und treibendem Nebel. Nicht „es war ein Wiesengrund“. Oder „man befand sich auf einem Wiesengrund“. Sondern: „Ein Wiesengrund ist das hier. (…) Einer Art Ebene war das.“ Tatsächlich ist eine Auffälligkeit des Stils in der deutschen Übersetzung, dass Ramuz regelmäßig bestimmte Artikel benutzt, wo man unbestimmte erwarten würde. Das mag ein wenig der Übersetzung geschuldet sein, da man die Wiederholung von Konstruktionen wie c’est/c’était natürlich auch schwächer übersetzen könnte, aber ich glaube es greift die vermittelte Stimmung ganz gut (Vergleich der Ausgaben s.u.).

Auch ansonsten schreibt Ramuz in einem Stil, der es einem als Dozent für literarisches Schreiben schwer macht, zu unterrichten. Denn solche Bücher legen einem SchülerInnen, die es (noch) nicht in dieser Weise beherrschen, mit Vorliebe vor, um zu beweisen, dass man doch so schreiben kann wie sie nur leider eben noch nicht schreiben, es aber nicht merken. Man kennt das, man war ja selbst auch einmal so. Was macht Ramuz? Er springt wild in den Zeiten. Nicht, wie ein Autor, der eine Handlung auf verschiedenen Zeitebenen erzählt und dafür unterschiedliche grammatische Zeitformen verwendet. Ramuz springt teils mehrfach innerhalb eines Absatzes, teils sogar innerhalb eines einzelnen Satzes. Etwa in dieser Passage, die auch die Schönheit der Erzählung illustrieren mag:

„War Antoine unruhig? Das weiß man nicht, aber neugierig war er. Séraphin war aufgestanden, er steht auch auf. Séraphin geht voraus. Séraphin macht die Tür auf. Wirklich schien der Mond ganz hell; sein Licht liegt weiß und glänzend vor ihnen auf dem festgetretenen Boden. Ein Wiesengrund ist das hier, ein flacher Grund mit ein paar Hütten. Eine Art Ebene war das, aber eng umschlossen von den Felsen, die man rings sich auftürmen sah. Die beiden Männer schauen zuerst nach Süden, dorthin, wo der Mond erschienen war: hinter vielen Zacken hervor , die dort stehen; dann kehren sie sich nach Westen und sehen, wie dort die Bergwände anfangen, hoch sind sie noch nicht, und im Halbkreis von rechts nach links weitergehen.“

Auch das ist auf französisch möglicherweise „erlaubter“, ich habe im Original stärker das Gefühl, dass dadurch ein subtiles Zeitgefüge der Wahrnehmungen und Handlungen erstellt wird.

„Est-ce qu’Antoine avait été inquiet ‘On ne sait pas, mais il était curieux ; et, comme Séraphin s’était levé, il se leve. Séraphin va devant, Séraphin ouvre la porte. On a vu qu’il faisait, en effet, un beau clair de lune qui s’est découpe blanc et brillant sur le sol de terre bamle derriere eux. C’est un fond d’herbe, c’est un fond plat avec quelques chalets. C’était une espace de plaine, mais qui était étroitement fermée, a cause des roches qu’on voyait, tout autour de soi, faire leurs superpositions. Car, d’abord tournés vers le sud, les deux hommes ont vu d’ou était sortie la lune (…)“

Doch in beiden Versionen entsteht auf diese Weise in Verbindung mit dem gehobenen Sprachstil zugleich der Eindruck einer seltsamen Zeitlosigkeit. Als lese man anstatt einer realen Geschichte über einfache Leute eine alte Legende, die etwas Ewiges ausdrückt. Oder vielleicht besser noch: Als lese man die alte Legende einer wahren Geschichte über einfache Leute, die etwas Ewiges ausdrückt. Welche Geschichte ist das? Das verrät fast vollumfänglich der Klappentext:

„Nach seiner Heirat mit Thérèse geht Antoine wie die anderen Männer des Dorfs auf die Alp Derborence. Dass seine Frau schwanger ist, weiss er nicht. Dann begräbt ein gewaltiger Bergsturz Weiden, Tiere, Hütten und Menschen unter sich, keiner der Männer scheint überlebt zu haben. Im Dorf wird verängstigt gemunkelt, dass der Teufel seine Hand im Spiel habe und die unruhigen Toten ohne christliche Bestattung nun als Gespenster durch Derborence irrten… Zwei Monate später taucht Antoine im Dorf auf. Er hat in einer halbzerstörten Berghütte überlebt und konnte sich befreien. Kaum erkennt ihn seine Frau Thérèse, das Dorf hält den abgemagerten und verwirrten Mann für einen Geist, einer schiesst auf ihn. Aber Thérèse lässt sich davon nicht abschrecken. Als Antoine sich erneut in die Berge zurückzieht, folgt sie ihm, um ihn zu den Lebenden zurückzuholen.“

Die Grundlage für diese Handlung lieferte ein realer Bergsturz aus dem frühen 18 Jahrhundert. Aber so abgeschnitten wie die Region erscheint, ist eine genaue, ja selbst eine ungefähre, Zeit kaum festzumachen. Ob Derborence im frühen 18. Jahrhundert spielt, 100 oder 200 Jahre später oder selbst heute in einem abgelegenen Alpental ohne Internet – das dürfte genauer nur bestimmen können, wer die geographischen Gegebenheiten sehr gut kennt. Für alle anderen LeserInnen ist Derborence eine zeitlose Prosadichtung der edelsten Sorte, die sich gut hält neben anderen Meisterwerken des dichten Erzählens in Prosa. Ich würde dafür den paradoxen Begriff des lyrischen Epos in Prosa prägen wollen. Wie schade, dass man heute leider tot sein muss, um so schreiben zu dürfen, will man seine Werke in einem halbwegs reichweitenstarken Verlag gedruckt sehen.

Bild: Eigenes. Fotografie, bearbeitet.

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