Der große Streik als fesselnder Gesellschaftsroman. „Germinal“ ist ein seltenes Beispiel gelungener politischer Kuns. Émile Zola-Reihe 13.

Wenn der Verwalter der Grube Voreux den hungernden, teils v e r – hungernden streikenden Arbeitern in Germinal, die auch mit der Arbeit kaum über die Runden kommen und nach einer Lohnkürzung lebendig zu verrecken drohen, erklärt, wie sehr die B e s i t z e r unter dem kapitalistischen Konkurrenzkampf mit anderen Besitzern zu leiden haben, kann man richtig wütend werden. Das schreibe ich hier nicht als politisches Statement, sondern um zu zeigen, wie gut es Zola in diesem Roman gelingt, die Atmosphäre und die Stimmung rund um die harte, oft die mörderische Arbeit zu vermitteln und die Situation, die Anlass zu dem Streik gibt. „Germinal“ ist bisher mit Abstand der stärkste Roman innerhalb eines Zyklus, der durchaus schon einige sehr starke Werke vorzuweisen hatte. Aber hier kommt alles zusammen: Die Figuren berühren sehr intim, man leidet ihr Leid mit, doch sind es zugleich nicht einfach Geknechtete, sondern immer Menschen mit Problemen und Zielen. Kollektiven und persönlichen. Wobei der Konflikt nicht einfach platt zwischen Arbeit und Kapital verläuft, sondern Arbeiterinnen und Arbeiter sowohl politisch unterschiedliche Ziele verfolgen als auch verschiedene eigene Intrigen spinnen. Die Atmosphäre der Arbeiterdörfer rund um die Gruben ist herrlich dicht und düster gewebt. Starke Beschreibung wechseln sich ab mit glaubhaften Dialogen, wobei immer wieder poetisch-bildhafte Passagen die Atmosphäre auf den Punkt verdichten. Etwa, als der Protagonist, Etienne, das Grubendorf erstmals bei Tag sieht:

“Etienne schaute hinaus. Am meisten überraschte ihn ein Kanal, der kanalisierte Scarpefluß, den er in der Nacht gar nicht gesehen hatte. Dieser Kanal lief in gerader Linie vom Voreuxschachte nach Marchiennes wie ein zwei Meilen langes Band von mattsilberner Farbe, eine Wasserstraße, die von großen Bäumen eingesäumt war, hoch über dem Tieflande dahinfloß und sich in der Endlosigkeit verlor mit ihren grünen Böschungen und ihrem matt schillernden Wasser, in dem die rot gestrichenen Boote dahinglitten. In der Nähe der Kohlengrube befand sich ein Landungsplatz mit verankerten Lastschiffen, welche die auf die Brückenstege geschobenen Karren unmittelbar füllten. Weiterhin machte der Kanal eine Biegung und durchschnitt quer die Sümpfe. Die ganze Seele der flachen Ebene schien in diesem in geometrisch genauen Linien dahinfließenden Wasser zu liegen, das sie wie eine Heerstraße durchzog, auf der Kohle und Eisen verfrachtet wurden. Die Blicke Etiennes wandten sich von dem Kanal dem Arbeiterdorfe zu, das auf der Hochebene erbaut war, und von dem er nur die roten Ziegeldächer sah. Dann wandten sie sich wieder dem Voreuxschachte zu und blieben am Fuße des lehmigen Abhanges an zwei riesigen Haufen von Ziegeln haften, die an Ort und Stelle geformt und gebrannt wurden. Eine Abzweigung der gesellschaftlichen Eisenbahn verlief hinter einer Verplankung und diente den Zwecken der Kohlengrube. Die letzten Grubenarbeiter wurden hinabgelassen; ein einziger, von Männern geschobener Waggon rollte mit lautem Kreischen über die Schienen. Zerstoben war die Unsicherheit der nächtlichen Finsternis, das unerklärliche Rollen, das Aufflammen unbekannter Gestirne. Die Hochöfen und Koksöfen in der Ferne waren mit der Morgendämmerung erblichen. Nur die Dampfausströmung der Pumpe arbeitete fort mit ihrem lauten, langen Atemzug, dem Atem eines Ungeheuers, dessen grauen Dunst er jetzt zu unterscheiden vermochte, und das durch nichts gesättigt werden konnte.”

Die durch Etienne gefilterte Perspektive auf die Arbeit:

„Er begriff nur eins: der Schacht verschlang Menschen in Bissen zu zwanzig und dreißig und mit einem so leichten Schlucken, als fühle er gar nicht ihren Durchgang. Um vier Uhr begann der Abstieg der Arbeiter. Sie kamen aus der Baracke, barfüßig, mit der Laterne in der Hand, in kleinen Gruppen wartend, bis sie in genügender Anzahl waren. Geräuschlos, gleich dem stillen Auftauchen eines Nachttieres erschien der Eisenkäfig aus der finsteren Tiefe und setzte sich auf die Riegel mit seinen vier Stockwerken, deren jedes zwei mit Kohlen gefüllte Hunde enthielt. Auf den verschiedenen Absätzen holten Arbeiter die Hunde heraus und ersetzten sie durch andere, entweder leere oder mit Grubenholz beladene. In den leeren Hunden nahmen die Arbeiter Platz zu fünf und fünf bis zu vierzig auf einmal, wenn sie alle Abteilungen einnahmen. Eine Weisung erging durch das Sprachrohr, darauf folgte ein dumpfes, undeutliches Brüllen, während man viermal an dem Seil des unteren Signals zog, um die Ankunft dieser Ladung von menschlichem Fleisch anzukündigen. Nach einem leichten Emporschnellen sank die Schale geräuschlos hinab, fiel wie ein Stein und ließ nichts hinter sich zurück als den zitternden Lauf des Seiles.“

Und etwas später, der Überblick über die arbeitsfernen Momente des Dorflebens:

“Es schlug elf Uhr im Turm der kleinen Kirche des Arbeiterdorfes der Zweihundertundvierzig; diese Kirche war eigentlich eine aus Ziegeln erbaute Kapelle, in welcher der Abbé Joire am Sonntag die Messe las. Aus der Schule nebenan, gleichfalls aus Ziegeln erbaut, hörte man die lallenden Stimmen der Kinder, trotzdem die Fenster wegen der Kälte geschlossen waren. Die zwischen den vier Blöcken von gleichartigen Häusern sich hinziehenden breiten Straßen, eingekeilt in kleine, aneinanderstoßende Gärtchen, waren verödet; und diese vom Winter verheerten Gärtchen breiteten sich in der Trübseligkeit ihres Mergelbodens aus, in dem die letzten Gemüse wie schmutzige Höcker staken. Die Schornsteine rauchten, in den Häusern wurde die Mittagssuppe gekocht; da und dort sah man ein Weib längs der Häuser auftauchen, dann eine Tür öffnen und verschwinden. Vor allen Häusern, von einem Ende der Straße bis zum andern, tröpfelte es aus den Abzugsröhren in die davor stehenden Bottiche; zwar regnete es nicht, aber der graue Himmel hing voll feuchten Dunstes. Dieses Dorf, in einem Stück mitten in die weite Hochebene hineingebaut, von schwarzen Straßen wie von einem Trauerband eingesäumt, zeigte keinen hellen Punkt als seine roten Ziegeldächer, die von dem Platzregen unaufhörlich blankgewaschen wurden.”

Die Geschichte folgt dabei ganz grob Etienne, wie er sich einlebt und verliebt, des Weiteren im Zentrum steht die Familie Maheu, so wie einige andere Arbeiterinnen und Arbeiter und außerdem in etwas geringerem Maße die bürgerliche Grubenbesitzerfamilie Hennebeau. Nach einer Veränderung des sowieso schon prekären Lohngefüges werden die Arbeiter zusehends unzufrieden und es bahnt sich jener Streik an, im Laufe dessen sich Etienne als Anführer herauskristallisiert. Neben dem Konflikt zwischen Arbeit und Kapital bekommen dabei auch die Streits innerhalb der Arbeiterschaft viel Raum. Kämpft man einfach nur für eine Lohnerhöhung? Will man der Internationale beitreten? Ist der Streik überhaupt das richtige Mittel oder schadet er den Arbeitern mehr als er nutzt? Dabei verlaufen die Linien nicht unbedingt immer, wie man sie erwarten mag. Es ist also etwa nicht so, dass die radikalsten Kräfte zugleich auch zwingen die radikalsten Mittel bevorzugen. Und besonders ein verbitterter russischer Immigrant ist noch für eine Überraschung gut.

Erzählerisch beeindruckt dabei, wie Zola auch im sich zuspitzenden Arbeitskampf weiter in starken Bildern erzählt und Figuren als Figuren handeln lässt, statt, wie es viel zu oft in politischen Romanen der Fall ist, die Figuren nur noch als Sprachrohre für politische Essays zu verwenden. Die Versammlung im Wald etwa vor dem großen Aufruhr zB ist eine unglaublich starke Passage und beginnt folgendermaßen:

“Es war auf dem Damenplan, einer weiten Lichtung, welche ein Holzschlag erschlossen hatte. Sie streckte sich in einem sanften Abhang dahin, eingeschlossen von hohem Gehölz, prächtigen Buchen, deren gerade, regelmäßig gewachsene Stämme sie gleich weißen Säulen, mit grünen Flechten belegt, umgaben; am Boden lagen gefällte Baumriesen im Grase, während links ein Haufen Scheitholz aufgeschichtet stand. Mit zunehmender Dunkelheit ward die Kälte schneidender; das gefrorene Moos krachte unter den Schritten. Schwarze Nacht lagerte auf der Erde; die hohen Äste hoben sich scharf von dem bleichen Nachthimmel ab, an welchem der Vollmond heraufzog, um die Sterne zu verdunkeln. Nahezu dreitausend Bergleute hatte dem Rufe Folge geleistet; es war eine wimmelnde Masse, Männer, Weiber, Kinder, die allmählich die Lichtung erfüllten und selbst weithin unter den Bäumen standen; und es kamen noch immer Nachzügler, die Flut von Köpfen breitete sich – in Schatten getaucht – bis zu den benachbarten Schlägen aus. Aus dieser Flut stieg inmitten des unbeweglichen, winterstarren Forstes ein Grollen auf, einem Sturmwinde gleich. Obenan, den Abhang beherrschend, stand Etienne mit Maheu und Rasseneur. Ein Streit war zwischen ihnen ausgebrochen; man hörte ihre Stimmen in plötzlichen Ausbrüchen (…)”

Zola soll für diesen Romanen nicht nur recherchiert, sondern lange selbst unter Bergarbeitern gelebt haben. Dennoch möchte ich einmal mehr nicht behaupten, dass diese Geschichte realistisch ist. Sie ist gelungen, sie ist plausibel. Sie ist aber vor allem eben gut erzählt, gut konstruiert. Die düster-industrielle Atmosphäre der Arbeiterdörfer, die vielschichtigen Figuren, die darin leben. Und nicht zuletzt auch, wie Zola dagegen den Luxus der Bourgeoisie stellt, nicht als überwältigen Luxus, als eine Welt des Glücks gegen eine traurige Welt der Armut, sondern wie etwas, das selbst von der Finsternis der Gruben affiziert scheint, wie eine schon fast verwelkte herrliche Blume mitten im Dreck:

“Zuerst hieß der Diener sie warten und schloß ihnen die Tür vor der Nase zu; als er wiederkam, führte er sie in den Salon, dessen Vorhänge er öffnete. Ein zartes, durch die Spitzen gedämpftes Licht drang durch die Fenster herein. Als die Grubenarbeiter allein geblieben waren, wagten sie nicht, sichzu setzen; verlegen standen sie da, alle fein säuberlich mit ihren Tuchwämsern bekleidet, frisch rasiert, mit ihren gelben Haaren und Schnurrbärten. Sie drehten ihre Mützen zwischen ihren Fingern und warfen schiefe Blicke auf das Mobiliar, das ein Wirrsal aller Stile war, wie es der Geschmack für das Altertümliche in die Mode gebracht hat: Sessel im Stile Heinrichs II., Stühle im Geschmacks Ludwigs XV., ein italienisches Kabinett aus dem siebzehnten Jahrhundert, ein spanischer Contador aus dem fünfzehnten, eine Altardecke als Decke am Kamin, die Verbrämungen alter Meßgewänder, als Aufputz von Türvorhängen verwendet. All das Altgold, diese alten Seidenstoffe in den matten Farben, all der kapellenartige Luxus hatte in ihnen ein Gefühl achtungsvollen Unbehagens hervorgerufen. Die orientalischen Teppiche schienen mit ihrer hohen Wolle sie an den Füßen zu fesseln (…)”

Das alles ist so unglaublich überzeugend gearbeitet. Das hebt Zola definitiv auf eine Höhe mit den ganz großen Erzählern des bürgerlichen Romans, Dostojewski, Mann, Elliot, und zumindest für mich deutlich über den oft allzu holzschnittartigen Tolstoi. Zudem ist es natürlich eine Seltenheit, dass so unmittelbar aus der Welt der Arbeit des 19. Jahrhunderts erzählt wird. Die englischen „social novels“ etwa romantisieren viel mehr und ansonsten kommt die Arbeitswelt, die körperliche Arbeitswelt, das industrielle Proletariat, im Bürgerlichen Roman ja meist nur am Rande vor. Bis heute übrigens.

Der Roman wurde in seiner Zeit als klare Parteinahme für die Arbeiterschaft gelesen und emotional zwingt er die Leser wohl durchaus auf deren Seite. Ob er aber wirklich so gedacht war, daran darf gezweifelt werden. Zola filtert die meisten Perspektiven konsequent durch die Augen seiner Figuren, was an Wertungen mitgeteilt wird wird meist als Figurenrede, erlebte Rede oder Gedankenwiedergabe mitgeteilt. Nur selten einmal greift der Erzähler selbst ein, aber dann klingt es so:

„Die Wahrheit war, daß in diesem Kampfe das Bergwerk mehr litt als die Arbeiter. Von beiden Seiten häufte die Hartnäckigkeit Ruinen: während die Arbeit Hungers starb, ging das Kapital zugrunde. Mit jedem Arbeitsruhetage schwanden hundertausende von Franken. Jede Maschine, die stille steht, ist eine tote Maschine.“

Und an dieser Stelle überbietet der Erzähler den Gruben-Besitzer noch in seiner Unmenschlichkeit. Ja, Arbeiterinnen und Arbeiter sterben. Aber dem Bergwerk, das hier personifiziert wird, eigentlich natürlich den Besitzern, geht es noch schlechter. Denn die verlieren Geld! Was für ein krasser Zynismus, der auch heute noch gerne von Menschen vertreten wird, die offenkundig zu viel Geld haben. Denn nur mit zu viel Geld kann man sich den Zynismus leisten, den marginalen Anstieg von Spitzensteuersätzen oder eine kurzfristige leichte Mehrbelastung der Staatskasse durch Einwanderung schwerer zu wiegen als Hunger, Krankheit, Elend, Tod. Aber „Germinal“ realisiert seine erzählerische Kraft eben auch gerade durch solche Passagen. Der Roman hat kaum eine Stelle, die emotional nicht anpackt Und auch solche Stellen, die geradezu wütend machen, fesseln an den Text. Und wer weiß? Vielleicht war es ja gerade Zolas Absicht, durch einen Erzähler, der gegen die Arbeiter Partei ergreift, die Leserschaft für die Arbeiter einzunehmen.

Relevant ist die Intention letztlich nicht. „Germinal“ ist der Roman Zolas, den JedeR gelesen haben sollte.

Bild: wikiart, gemeinfrei

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