Tolstoi, der Sportreporter und Prediger.

Nach (wiederholter) Relektüre: ich kann mich gar nicht entscheiden, was mir an Krieg und Frieden am meisten auf den Nerv geht.

– Das ständige „Unsere Truppen“, dass man einem Sportreporter vielleicht noch gerade verzeihen würde, nicht aber einen großen Schriftsteller?

– Die absolute Unfähigkeit Tolstois mit Idealen umzugehen?

Tolstoi und das Ideal

Tolstois erklärtes Ziel ist es ja, zu dekonstruieren, dass Geschichte die Geschichte großer Männer sei. Er geht allerdings dabei so vor, dass er regelmäßig aus der Tatsache, dass etwa Schlachten ganz anders verlaufen sind, als auf dem Papier vorgezeichnet, schließt, ein Schlachtplan habe gar keine Bedeutung(und so analog auch in anderen Situationen). Dass die Nichterfüllung des Ideals nicht per se gegen das Ideal spricht, sondern bereits im Begriffe des Ideals liegt, will ihm nicht in den Kopf. Als Schlösse man daraus, dass man ein Fußballspiel nicht Zug um Zug vorausplanen kann, es sei besser ganz ohne Taktik oder gar Mannschaftsaufstellung das Feld zu betreten.

– Das magische Denken, in das sich Tolstoi regelmäßig flüchten muss um dann doch Strukturen im Chaos auszumachen?

Denn gerade weil Tolstoi von Idealen und Begriffen nichts wissen will, wimmelt es bei ihm von „Geistern des Heeres“ und des Volkes und Charisma usw. Ausgerechnet seine absoluter Unfähigkeit „Größe“ nüchtern zu analysieren treibt ihn zur Glorifizierung charismatischer Führer.

Tolstoi und die Frauen

– Oder das Frauenbild… ?

Aber nein… all das fällt ab gegen die unsägliche Rolle der Frau (nicht nur) in Krieg und Frieden. Da wird uns Natascha als Ideal hingestellt, die sich dem Mann wie eine Sklavin unterordnet, mit Helene der Prototyp des verworfenen Weibes entworfen, und ansonsten gibt es fast nur devote Nebenrollen.

Gemeinhin weist man Tolstoi die Rolle des Progressiven in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts zu und Dostojewski die des Reaktionärs. Nun, Reaktionäre sind sie beide, aber Tolstoi ist es in viel größerem Maße auch als Literat. Zwar zielen alle Werke Dostojewskis am Ende auch auf Restauration, Aussöhnung, Volk, Christentum. Doch als großer Schriftsteller steht für Dostojewski die Erzählung im Mittelpunkt, seine Figuren werden zuerst von ästhetischen Anforderungen bestimmt, die sich wiederum aus der polyphonen Werkstruktur ergeben. So gewinnen Sie ein Eigenleben dass oft die divergenten Momente im Werkverlauf interessanter macht als das Denoument. Tolstoi ist dagegen phasenweise eigentlich Prediger. Die Erzählung ordnet er der Botschaft unter, und das nicht erst im unsäglich platten Auferstehung.

Am besten lässt sich das wieder an den unsäglich platten Frauenrollen (auch im Vergleich mit Dostojewskij, der ein ähnlich reaktionäres Frauenbild vertritt, aber dennoch Frauen mit eigenem Kopf und eigener Agenda zeichnet!) ablesen. Was macht denn Helene in Krieg und Frieden groß anders als Anna in Anna Karenina? Dennoch fliegen Ersterer die Herzen der Gesellschaft zu, die zweite wird ausgegrenzt. Tolstoi legt es sich wie er es braucht. Am Beispiel Annas soll die Frau erzogen werden (Anna Karenina ist kein gesellschaftskritischer Roman, sondern sozusagen ein „frauenkritischer“ Roman, Anna ist nicht als tragische Heldin angelegt), am Beispiel Helenes soll Pierre erzogen werden, und mit ihm der progressiv denkende Mann zum guten russophilen Alexanderjünger. Als Belohnung bekommt er dann die unterwürfige Natascha.

Und hier lässt sich der Bogen zurück zur ersten Beschwerde schlagen. Wer so denkt und einen Roman als Werk in erster Linie zur Volkserziehung anlegt, muss natürlich auch von „unseren“ und „ihren“ Truppen reden. Das ist immerhin ehrlich, wie könnte ein Tolstoi Neutralität heucheln?

Tolstoi und die Kürzungen

Nun ist es natürlich nicht so, dass man Tolstoi überhaupt nicht lesen kann. Wo er sich seinen Sportreporter-Habitus verkneift ist auch er ein großer Erzähler (und auch Dostojewski kommt bekanntlich nicht ganz ohne Parteinahme aus). Aber: im Gegensatz zu der heute verbreiteten Haltung der neuen Genieästhetik, nach der ein Werk immer in der Fassung am gelungensten sei, die als endgültige vom Autor freigegeben wird, lagen die Übersetzer, die Krieg und Frieden kürzten, damit gar nicht so falsch. Zumindest wer eine ästhetische gelungene und keine historisch-kritische Fassung lesen möchte, gewinnt relativ wenig durch die hunderten Seiten bauchgefühliger Historien- und Nationalcharakter-Auslegung, die sich durch Krieg und Frieden ziehen.

Bild: Wiki, gemeinfrei

5 Gedanken zu “Tolstoi, der Sportreporter und Prediger.

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