Warenhäuser, Monopolbildungen und Diskussionen, die man auch heute führt: Zolas „Das Paradies der Damen“. Émile Zola-Reihe 11

Ähnlich wie zuvor Balzac beginnt sich auch Zola im Verlauf des Rougon Marcquart Zyklus zur Wundertüte zu entwickeln. Waren die letzten Bände, insbesondere „Ein feines Haus“, teils so schwach, dass mir die Lust am weiterlesen gründlich vergangen war, präsentiert sich „Das Paradies der Damen“ wieder in starker Form und löst zugleich auch noch viele der Anliegen ein, an denen „Ein feines Haus“ sich so hoffnungslos ab müde.

Auch in diesem Roman ist Octave Mouret wieder eine wichtige Figur. Der ehemalige Angestellte und die Hauptfigur von „Ein feines Haus“ hat nun selbst die Leitung des Kaufhauses „Das Paradies der Damen“ übernommen und es in unerhörter Weise zu einer Art Supermarkt für Mode ausgebaut. Möglichst viele Waren zu möglichst geringen Preisen möglichst schnell umsetzen ist seine Devise. Die anderen Kaufleute schauen auf ihn herab, weil er Waren aus verschiedenen Bereichen mischt und teils sogar mit Verlust verkauft. Allerdings: Die Konkurrenz kann nicht mithalten, die Kundschaft wechselt zusehends von den Spezialisten ins Kaufhaus und der werdende Monopolist kann sogar den Stofffabriken die Preise diktieren. Mouret, der hier eigentlich nur eine wichtige Nebenfigur ist, erscheint in „Das Paradies der Damen“ so rund und überzeugend, wie er in „seinem“ Roman niemals erschien. Oder auch die Schürzenjägerei oder genereller das Suchen nach Sex, Liebe oder Partnerschaft, wird sehr viel überzeugender innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse betrachtet, statt wie in „Ein feines Haus“ als private Schrulle irgendwie einfach fieser Menschen zu erscheinen.

Hauptfigur dieses Romans aber ist Denise. Sie kommt vom Land und muss, obwohl der Onkel selbst ein Geschäft betreibt, im Paradies der Damen Arbeit suchen, da es mit dem Geschäft des Onkels ausgerechnet aufgrund dieses Paradieses abwärts geht. Denises Verhältnis zu der neuen Methode ist durchaus zwiespältig. Denn sie sieht auch den Vorteil, den Kunden durch niedrige Preise haben und besonders solche aus den unteren Klassen. Denise hat alleine einen kleinen Bruder durchs Leben zu bringen und gleichzeitig unter einem großen zu leiden, der sich ständig in Händel verwickeln lässt und ihr Geld aus den Rippen leiert. Und natürlich wirft mit der Zeit Octave ein Auge auf sie…

Als Zeitdokument ist „Das Paradies der Damen“ in jedem Fall ein hochinteressanter Roman. Meine kurze Nacherzählung sollte es gezeigt haben: wir kennen all diese Konflikte. Ja, unser Paradies der Damen ist online zu erreichen und unsere Welt kennt ein paar technische Neuerungen, die es 1880 noch nicht gab. Aber ansonsten ist wirklich nichts neu an den Dynamiken des Wirtschaftslebens und besonders den Preiskämpfen mit dem Ziel der Oligo- oder Monopolbildung. Auch die Zwiespältigkeit bleibt erhalten. Und auch wie Menschen darüber reden und sich dazu verhalten erinnert sehr an unsere Erfahrungen mit großen „Plattformen“. Anderthalb Jahrhunderte, das klingt nach einer langen Zeit und die jeweilige Zeitgenossenschaft hat die Tendenz, sich früheren Zeiten meilenweit voraus zu fühlen. In „Das Paradies der Damen“ wirken die Unterschiede zwischen 1880 und heute sehr gering und ich bin mir sicher, die Protagonistin würde nach fünf bis zehn Minuten Erklärung unsere heutigen Probleme von Monopolisierungstendenzen über Gentrifizierung bis zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz sehr gut nachvollziehen können Und dann gleich informiert in unsere Debatten einsteigen.

Auch erzählerisch ist „Das Paradies der Damen“ wieder deutlich stärker. Es wirkt, als hätten die letzten Romane einen Umbruch bedeutet, weg von den oft sehr blumigen, romantischen Beschreibungen, der bildhaft expressiven Ausdrucksweise der frühen Texte hin zu etwas, das sich noch nicht so recht austariert hatte und deshalb in Romanform nicht funktionierte. Das Paradies der Damen ist nun deutlich nüchterner, geschäftsmäßiger, ohne langweilig zu werden. Es besticht stärker durch Dialoge und Konstellationen von Figuren als frühere gelungene Texte, die durch Bilder und Atmosphäre bestachen. Das passt zum Thema,wie der frühere bildhafte Stil damals passte, und entsprechend kann man von einem runden Roman sprechen. Es wird sich zeigen, ob das nun einfach der neue Stil ist, oder ob Zola ab jetzt tatsächlich noch stärker versuchen wird, seinen Erzählstil aus den Gegebenheiten zu entwickeln.

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