Grazia Deleddas reduziertester (auf deutsch erschienener) Text. „Das Geheimnis“.

Grazia Deledda ist für mich die Neu- bzw. Wiederentdeckung des Jahres. Verantwortlich dafür ist der Manesse Verlag, der ihr Meisterwerk „Schilf im Wind“ in einer sehr schönen Neuauflage mit überarbeiteter Übersetzung wieder auf den Markt gebracht hat. Und ebenso das Blog Lesestunden, dessen Rezension mich auf den Text aufmerksam machte. Ich habe mich bereits in ausführlichen Besprechungen „Schilf im Wind“ und des gemeinfrei verfügbaren „Bis an die Grenze“ angenommen, und möchte nun noch etwas kürzer zumindest auch auf das ebenfalls frei verfügbare „Das Geheimnis“ und „Die Flucht nach Ägypten“ hinweisen. Das sind die vier der insgesamt über 60 Romane und Erzählbände Deleddas, die ins Deutsche übersetzt wurden und bis heute zugänglich geblieben sind. Man findet sie alle auf Projekt Gutenberg.

„Das Geheimnis“ ist sowohl was die sprachliche Opulenz betrifft als auch was die Breite, in der sardische Natur und Gesellschaft behandelt werden, noch einmal etwas zurückhaltender als „Bis an die Grenze“, das bereits ein reduzierterer Text war als „Schilf im Wind“. Das bedeutet nicht schwächer, sondern erzählerisch konzentrierte auf einen einzelnen Sachverhalt. „Schilf im Wind“ ist ein Familien/Gesellschaftsroman mit breitem Blick auf die Gesellschaft, Glauben und Konventionen. „Bis an die Grenze“ vor allem ein Familienroman mit den Träumen und Konflikten einer jungen Frau im Zentrum. „Das Geheimnis“ erzählt in erster Linie die Geschichte eines einzelnen Mannes, der sich in eine von Obstbäumen umwuchertene Hütte in einem besonders abgelegenen sardischen Dorf am Meer zurückgezogen hat, das nun allerdings erste Anzeichen der touristischen Erschließung zeigt. Das Grundstück nebenan wird verkauft und dem Mann bereitet das sichtlich Sorgen. Da könnten ja Menschen ein Haus bauen! Oder noch schlimmer: Kinder mitbringen. Und er will Abgeschiedenheit, Einsamkeit. Sein einziger menschliche Kontakt bisher ist die junge Bäuerin Ghiana. Und bald kommt es, wie er befürchtet hat. Erst tummeln sich Arbeiter, dann zieht eine relativ junge Frau mit ihrem kranken Mann ein. Und doch merkt der Einsiedler, dass er sich der Freude über Begegnungen mit der verhassten Nachbarin nicht wirklich erwehren kann…

Wir erleben die Welt dabei durchweg durch die Augen dieses Protagonisten, auch wenn der Text in der dritten Person erzählt ist und in einem klassischen Erzählton gehalten, der doch eher einen auktorialen Erzähler erwarten lässt. Dass dem nicht so ist wird rasch kenntlich: Informationen werden von uns zurück gehalten, und es sind immer Dinge, die der Protagonist selbst vor sich nicht ansprechen möchte. Die tatsächliche Erzählperspektive ist also deutlich eine personelle. Und damit arbeitet Deledda meisterhaft. Nur ganz langsam, in Interaktionen und Reflexionen, wird uns preisgegeben, wovor sich dieser Protagonist eigentlich zurückgezogen hat. Selbst, dass er von gehobenem Stand ist, enthüllt sich erstmals erst nach einem guten Viertel des Buches. Wie schon in den zuvor besprochenen Büchern zeigt sich wieder, dass Deledda eben nicht einfach nur eine atmosphärische Schönschreiberin ist, sondern auch Geschichten zu konstruieren versteht, die spielend durch diese Atmosphäre tragen. Und: ganz unterschiedliche Geschichten. „Schilf im Wind“ erzählt die Geschichte eines alten Konfliktes innerhalb einer Familie, eingebettet quasi in eine doppelte Kolonialgeschichte zwischen Tradition und Moderne. „Bis an die Grenze“ die einer Befreiung aus dem dörflichen religiösen Umfeld, die doch nie wirklich gelingen konnte, weil die Protagonistin selbst dieses Umfeld verkörperte, das sie so einengte. Und „Das Geheimnis“ nun im Gegenteil die Geschichte eines rätselhaften Rückzuges, der Dämonen, die wir in uns tragen und dem doch oft großen Drang auch der einsiedlerichsten Menschen, nicht alleine zu sein.

Dass alles mit mehr Tempo und in einem etwas reduzierteren sprachlichen Stil erzählt wird, bedeutet aber nicht, dass die große sprachliche Klasse Deleddas, die auch immer direkt mit Geschehen verknüpft ist, Handlungen verdeutlicht und Emotionen unterstreicht, hier nicht zum Tragen käme. Etwa an dieser Stelle, als der Protagonist als Vorschein des Einzugs der neuen Nachbarn zuerst mit deren später leitmotivisch auftretendem Hund konfrontiert wird:

Es war ein warmer, farbentrunkener Abend. Im Westen war der Himmel in ein leuchtendes Orangerot getaucht und auf der anderen Seite verschwamm der große gelbe Mond im rosablauen Dunst der Heide. Die Dinge ringsumher, das Häuschen, die regungslosen Bäume, der Brunnen, das Gras der Wiese – alles schillerte metallen im bunten Widerschein des Himmels.

Christian beugte sich über den Brunnen, um den Eimer in die Tiefe hinabzulassen, richtete sich aber gleich wieder erschrocken, mit einem kalten Schauder auf. Ihm war, als töne die Stimme eines Ungeheuers ihm aus dem Brunnen entgegen.

Es war der Hund. Lautbellend, mit goldgefleckten Augen kam er hinter dem Hause hervorgestürzt; und er hätte sicher Christian angefallen, wäre nicht eine weißgekleidete Frau mit Sandalen an den nackten Füßen, wie ein schönes Trugbild, herbeigeeilt, ihn am Halsband fassend.”

Und einmal mehr zeigt sich Deledda auch in ihren Bildern auf den zweiten Blick als sehr moderne Autorin, die einen sanften sprachlichen Impressionismus mit expressionistisch-grotesken Schlaglichtern mischt, ohne dass sich die beiden Momente beißen würden:

In diesem Jahr wurde es noch früher Herbst als sonst. Auf einen trüben, stürmischen August folgte ein kalter, regnerischer September. Über den Bäumen und Sträuchern lag es schon wie ein Hauch von Alter und von Tod. Aber an den schönen Tagen schienen sie sich aufzulehnen gegen den Gedanken, daß alles nun zu Ende sei, und prangten in den freudigsten Farben, in leuchtendem Gold und Rot. Des Menschen Auge sieht sie, ohne sich täuschen zu lassen durch den schönen Trug. Dort wirbelt ein Blatt von einem Baum herab, sich schimmernd im Kreise drehend wie ein bunter Falter, aber es hat den Boden kaum berührt, da taucht es schon sterbend unter im feuchten Dunkel.

Und bei seinem Rascheln geht es wie ein leises Stöhnen durch den ganzen Baum, und dieses Stöhnen pflanzt sich fort von einem Ast zum andern. Der ganze Garten gerät plötzlich in Bewegung, und es ist fast, als rüttele nicht der Sturm an seinen Bäumen, sondern eine innere Gewalt: Furcht und zornige Empörung. Fort mit dem welken Laub! Wozu noch länger seine Bürde tragen, wenn es nicht mehr lebendig ist? Und mit den Blättern fällt da und dort auch eine Frucht zu Boden. Der Pinienzapfen birst, die Samen kollern ins Gras, wie Zähne aus dem Munde eines Greises. Die obersten Zweige, die noch voll grüner Blätter sind, ringen noch mit sich selbst: die einen sagen Ja, die anderen Nein. Heftig, fast grausam peitschen sie im Winde gegeneinander, wie um sich rascher in den Tod zu hetzen. Dann tritt plötzlich wieder tiefe Stille ein: sanfte, ergebene Müdigkeit lagert über dem Garten wie zuvor.

Aber wenn die Dämmerung dann alles einhüllt, hebt das dumpfe Stöhnen und Ächzen von neuem an, als sei die Natur tatsächlich krank, als könne sie ihren Schmerz nicht länger schweigend ertragen.“

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