Von Grazia Deledda gibt es mehr als einen herausragenden Roman. „Bis an die Grenze“ und das Versprechen der Berge.

Nach dem faszinierenden „Schilf im Wind“ und der Diskussion darüber, ob der Nobelpreis für die Autorin berechtigt sei, wollte ich unbedingt noch weitere Texte der Sardischen Nobelpreisträgerin Grazia Deledda lesen. Zum Glück wurde Deledda schon zu Lebzeiten übersetzt und die vier überhaupt von ihr auf Deutsch erschienen Romane sind heute auch in Übersetzung gemeinfrei. Man findet sie unter anderem beim deutschen Ableger von Projekt Gutenberg.

Im Fall von „Bis an die Grenze“ war ich auf den ersten Seiten unsicher. Hier kehrt eine junge Absolventin nach gelungenen Prüfungen von der Schule zurück und einige Passagen lesen sich sehr zusammenfassend, einige Übergänge brüchig. Deledda war offenkundig eine Vielschreiberin, und natürlich bestünde die Möglichkeit, dass „Schilf im Wind“ ihr Meisterwerk ist, während andere Texte eher solche zum Geld verdienen sein könnten. Ebenso die Möglichkeit, dass die alten Übersetzungen einfach holpriger gestaltet sind.

Der Eindruck währte aber zum Glück nicht lang. Das Buch findet rasch seinen Ton und erzählt dann etwas geradliniger wieder eine starke Geschichte. In Gavina, die zur kleinstädtischen Oberschicht gehört, verlieben sich der Tunichtgut Priamo und der solide Francesco. Besonders in Priamo, der eigentlich zum Priester bestimmt ist, verliebt sich auch Gavina und einmal währt sie sich nicht (ja, das ist ihr ganzes „Verbrechen“), als er versucht, sie zu küssen. Ein großes Drama besonders für die gläubige Protagonistin, aber auch für alle, denen sie davon erzählt. Ab jetzt verschließt sie sich gegen Priamo, der dann doch Priester wird, während der andere Sardinien verlässt um Medizin zu studieren. Der Priester X kommt zurück und hat sich nicht verändert. Er wirbt immer noch um Gavina, hat aber gleichzeitig eine Affäre mit deren Freundin Michela, die schwanger wird. Francesco derweil hält um Gavinas Hand an, die beiden verheiraten sich und ziehen nach Rom. Nun aber stirbt Priamo, der in einem Brief vor der Hochzeit noch Gavina mit Selbstmord gedroht hat und es wird ein alter Stehgreifdichter des Mordes verdächtigt.

Die Geschichte ist, wie man merkt, im Aufbau spannender und wird auch mit weniger Ablenkung durchgeführt als die von „Schilf im Wind“. Interessanterweise kommt die Auflösung des Hauptkomplexes wieder relativ früh im Roman, sodass das letzte Drittel vor allem der Lösung oder dem akzeptieren, dass es keine Lösung gibt, minderer Konflikte zukommt. Weniger ausführlich entwickelt ist derweil das Lokalkolorit, die religiösen und volkstümlichen Hintergründe, Landschaft, ökonomische Verflechtungen und so weiter. Das heißt nicht, dass es nicht wieder starke Naturbeschreibungen und Dorfszenen gibt, doch die Welt existiert diesmal sehr viel mehr mit Bezug auf die Protagonistin und gewinnt weniger Eigenleben. Besonders die Berge werden dabei zum Symbol für die Sehnsucht, aus der ländlichen Enge auszubrechen:

Die Nacht da draußen war rein und lind, und der Mond beleuchtete die Berge so hell, daß an den nächsten Hängen die Schatten der Felsen sichtbar waren; die entfernteren Höhenzüge zeichneten sich nur in blauen Linien auf dem Himmel von lichterem Blau ab. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehnte Gavina sich, jene phantastische Mauer zu überschreiten und in der Ferne Frieden zu suchen.”

Und später:

Die Sommernacht war lind, der Himmel tiefblau, und man hätte meinen können, man brauche nur auf die Berge zu steigen, um an die Sterne zu rühren. Aus dem Garten kam der Duft der letzten Lilien herauf, und die vom Mond beschienene Steineiche mit ihren Millionen Blüten sah aus wie ein riesiger Blumenstrauß, den die Erde ihren Freunden, den Sternen, darbiete. Doch aus dem Nebenfenster war die klagende Stimme Lucas vernehmbar, und bis hierher drang das laute Gelächter der jungen Taugenichtse. Gavina weinte vor Verzweiflung: es war ihr, als wäre sie an einem finsteren Orte eingesperrt, wo auch sie, wie den kranken Bruder, phantastische Ungeheuer überfielen. Sie mußte fliehen, die blaue Wand der Berge überschreiten, die sich im hellen Mondlicht zu öffnen schien.“

Überhaupt ist „Bis an die Grenze“ ein Text, in dem das ländliche Sardinien und sein oft enger religiöse Horizont sehr viel negativer gezeichnet wird, als in „Schilf im Wind“. Jener Roman bemühte sich um ein neutrales und möglichst vielschichtiges Bild zwischen Alltag, Repression aber auch Hoffnung. In „Bis an die Grenze“ ist die Religion vor allem ein oft brutales Korsett, das besonders das Leben junger Frauen schwer macht, doch selbst in dem geheimnisvollen Konflikt mit dem Bruder, der immer überzeugt ist, dass Gavina ihn hasse, spielt die starke Religiosität der Protagonistin aus Sicht des Bruders noch eine negative Rolle.

„Bis an die Grenze“ ist wieder ein wunderschöner Roman, wenn auch nicht ganz auf der Höhe von „Schilf im Wind“. Diese faszinierende, beinahe ans Fantastische grenzende Weltgestaltung, dieses innere Leuchten des Ganzen, das noch lange nach der Lektüre bleibt – die fehlt mir hier ein wenig. Wunderschöne poetisch dichte Passagen gibt es aber zuhauf, und die Engführung der Landschaftsbetrachtungen, die, wie in der letzten Besprechung ausgeführt, wieder zwischen spätromantischen, impressionistischen und expressionistischen Momenten schwanken, mit den Emotionen der Protagonisten, ist wieder sehr gelungen:

Aber Signora Zoseppa wollte von Priester Monnois Abenteuern nichts wissen. Und Gavina betete still, daß Priamo ein guter Diener des Herrn werden möge. In Rom, in der Stadt des Glaubens, würde er sich gewiß bekehren und das Amt, das seine Verwandten ihm auferlegten, mit Freuden annehmen. Und so begann sie in der Ferne wieder, an ihn zu denken. Abends namentlich zuckte die Erinnerung an ihn durch ihren Sinn gleich dem unsichern Schein der fernen Feuer, die in der einsamen Landschaft aufflammten und wieder erloschen. Die Nacht war dämmerhell, und die Luft roch nach Weinlaub und Haidekraut. Dann und wann ertönte die Stimme eines kleinen Hirten, der seine Herde auf die Wiesen führte, den trockenen Asphodelus abzuweiden; dann antwortete ihm die scharfe aber wohlgeübte Stimme des alten Weinberghüters, und beide Stimmen sangen Liebeslieder, die wie die Klage der von der abgeschiedenen Sonne träumenden Geholte erschienen.”

Angesichts der Tatsache, dass Deleddas vier auf deutsch erschienene Romane kostenlos zur Verfügung stehen gibt es wirklich keinen guten Grund, sie nicht zu lesen.

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