Kürzestgeschichten mit Ungeheuern aus der Tiefe. „Balaton“ von Noémi Kiss.

„In Deutschland wird sie als eine der wichtigsten ungarischen Nachwuchsschriftsteller angesehen”, heißt es bei Wikipedia über Noémi Kiss. Das gibt doch etwas Hoffnung. Kiss ist 1974 geboren und ich fürchtete schon, selbst für mich (1984) dürfte das Siegel “Nachwuchs” langsam nicht mehr passen.

Nun denn. Balaton heißt ihre im Frühjahr beim Europa-Verlag erschienene Textsammlung. Den Untertitel „Novellen“ schenkt man sich lieber, denn das Buch versammelt kurze bis sehr kurze Erzählungen aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die alle am Balaton (Plattensee) spielen. Die Vermischung zwischen ungarischen, DDR- und westdeutschen Urlaubern, die der Klappentext herausstellt, spielt derweil nur eine untergeordnete Rolle und ist nur für einen oder zwei der Texte wichtig. Immer dagegen steht eine junge Ich-Erzählerin im Mittelpunkt, immer ein Familienleben. Und selbst, wenn das Buch niemals so weit geht, diese Texte in einen Kosmos zu ordnen, hat man doch das Gefühl, dass sie zusammengehören. Der See fungiert dabei als Leitmotiv, als etwas, das überquert werden will (in der Geschichte von Opa), als ein Fluchtpunkt (eine der jungen Erzählerin taucht gern bis zum Grund, weil sie das Gefühl hat, sich dort verstecken zu können), aber auch als etwas, worin Ungeheuer hausen könnten. An der Oberfläche geht es in den Texten etwa darum, wie man als ehrgeizige atheistische Schülerin das Christentum der Mutter erträgt und verbirgt, es geht um Mauscheleien von Parteibonzen oder einst erfolgreicher Sportler, um Familien, die nicht der Norm entsprechen und denen deshalb die Kinder entzogen werden, um Kinder- und Jugendfreundschaften und ihr Zerbrechen. Man könnte also sagen: Diese Ungeheuer aus der Tiefe, sie kommen immer wieder an die Oberfläche.

Auffällig ist, wie oft zum Ende eines Textes hin eine Figur verschwindet. In insgesamt 14 Erzählungen werden immerhin fünfmal Personen ins Krankenhaus abtransportiert, viermal davon als Schlusspunkt. In einer weiteren Erzählung kommt der Bruder ins Kinderheim und im ersten Text verschwindet die beste Freundin in den Westen. Auch in der Geschichte Stella verschwindet die alkoholkranke Mutter der Hauptfigur Stella irgendwann ins Sanatorium und das Mädchen auf eine andere Schule. Jede zweite Erzählung also handelt in ähnlicher Weise von jähem Verlust, doch wird der Umgang damit nie gezeigt, denn schon beginnt ein neuer Text. Mancher mag die häufige Wiederholung einer solchen Entwicklung als störend empfinden, meines Erachtens funktioniert sie hier gut, wie ein bittersüßer Refrain, ehe eine neue Strophe beginnt und das Thema des vergangenen moderat variiert.

Balaton ist ein lesenswerter Band mit Kürzestgeschichten. Wer Literatur nicht wie Schinken betrachtet und ungeachtet der Qualität möglichst viel davon für sein Geld haben möchte, sollte einen Blick riskieren.

Bild: Pixabay

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