Bakshis „Herr der Ringe“. Das Meisterwerk, das hätte sein können. Filmfreitag XV.

Nach Ewigkeiten habe ich endlich zwei Filme geschaut, deren Ruf nicht der Beste ist, die allerdings doch immer mal wieder als Geheimtipps empfohlen werden und aufgrund ihrer bekannten Unbekanntheit eine gewisse Anziehung ausüben. Ralph Bakshis Herr der Ringe von 1978 und Rankins Hobbit-Verfilmung aus dem Vorjahr. Vor allem dieser Herr der Ringe ist tatsächlich einer Schande, weil er hätte so unglaublich gut werden können, wenn man mehr Detailarbeit in den Ansatz gesteckt hätte. Der Hobbit dagegen könnte der Grund sein, warum ich als Kind, ehe ich die Bücher dann doch irgendwann lesen konnte, bei Tolkien immer an so eine Art düster psychodelische Bilderwelt (was psychodelisch bedeutet wusste ich natürlich auch nicht) gedacht habe, mit einem Magier, der mit rauchigen Ringen jongliert. Das ist, ohne die Jonglage, relativ nah an der Szene, in der Gandalf vor dem Kamin raucht. Vielleicht hatte ich die irgendwann ja einmal aufgeschnappt.

Zu den Filmen: Der Hobbit ist für Tolkien-Fans denke ich gar nicht so schlecht. Für einen Fernsehfilm sind besonders die Landschaftszeichnungen beeindruckend in so einem düsteren, oft nach einer Seite verzogenen Stil, als wehe ein steter Wind darüber. Und auch die Figuren passen ganz gut. Alles wirkt ein bisschen, wie aus Wurzeln geschnitzt, wie aus der Erde gestiegen, man hat sich nicht darauf verstiegen, die Hobbits süß, die Zwerge irgendwie edel zu gestalten, um nur ja keine Zuschauer abzuschrecken. Die Männer von Esgaroth wirken etwas platt dagegen. Wer allerdings das Buch nicht kennt, dürfte dem Film wenig abgewinnen. Er ist zu hastig erzählt, mehr eine illustrierte Version der Geschichte, die man im Kopf hat, als dass er allein funktionieren würde. Dafür präsentiert er mit seinen Bildern, den vielen Liedern und Gedichten eine Ästhetik, die mehr von dem hat, was ich mir vor aller ernsthaften Berührung mit dem Genre unter Fantasy vorgestellt habe als sowohl Hobbit (zu putzig) und der Herr der Ringe (zu typisch romanhaft, halt doch mehr grünes England als fantastisch entrückte Welt) in Buchform.

Das gilt auch und mehr für Bakshis Der Herr der Ringe. Das ist in der optischen Gestaltung genau das, was man sich vorstellt, wenn man als Kind/junger Jugendlicher von diesen Dingen schon gehört hat, aber Bücher wie Der Herr der Ringe, oder was auch immer sonst noch nicht gelesen hat (Man bedenke: Ich komme vom Dorf, als ich Mitglied der Stadtbücherei in der Nachbarstadt wurde, gab es dort Der Herr der Ringe noch nicht, es hat also gedauert, bis ich irgendwo eine Ausgabe ausleihen konnte). Die Hintergründe wirken wie etwas, das bei vielen anderen Animationsfilmen eher als Concept-Art am Anfang gestanden hätte und dann für die Verfilmung gefälliger gemacht worden wäre. Wo Bildkomposition und Farbgebung perfekt gelingen, ist das Ergebnis atemberaubend, unvergesslich, auch verstörend. Etwa als vor Bruchtal die Ringgeister Frodo jagen, während dieser den Ring trägt. All das findet statt vor bläulich-schwarzen Hintergründen und ist ansonsten eigentlich recht minimalistisch gestaltet, aber genau deshalb von unglaublicher Kraft. Oder: Die zur Abwechslung einmal leuchtenden Farben während Gandalfs Erzählung von seinem Kampf mit dem Balrog gegen Ende des Filmes. Oder auch: Die Schönheit Bruchtals, wenn aus der Totalen in den Rat gezoomt wird. Allerdings: Oft ist das Ganze leider zu düster, selbst wenn die Zeichnungen an sich gelungen sind. Erde ist braun, Wälder sind braun, Hobbits und Zwerge sind braun, Elben sind ein bisschen heller braun. Ihr könnt euch vorstellen, was am Ende dabei herauskommt: Eine große Matsch-Zeichnung, wie so ein verblasster Schinken im Museum, wo man nur noch schwer ausmachen kann, was im Bild eigentlich geschieht.

Bei Zooms und Schwenks offenbaren sich weitere Schwächen des Films. Sie sind einfach hakelig. Als hätte man an Frames gespart oder tatsächlich nicht wirklich Ahnung vom Handwerk (oder eine kaputte Kamera?). Oft fährt die Kamera auch einfach in ein Bild hinein, um dann überhaupt nicht zu verharren sondern so hastig wie willkürlich auf ein anderes zu schneiden, das in der Komposition nichts mit dem ersten zu tun hat. Überhaupt ist der Schnitt erschreckend oft einfach nur ein Mittel, um zur nächsten Szene zu hüpfen.

Doch all das wäre wahrscheinlich zu verschmerzen, wäre da nicht die vielkritisierte Rotoskopie. Ich weiß nicht, ob es wirklich günstiger ist, einen Film auf diese Weise zu erstellen, immerhin lag das Budget je nach Quelle zwischen 4 und 12 Millionen Dollar. Das Budget des gleichzeitig entstandenen Bernard und Bianca lag bei 7,5 Millionen. Und: Ist das Ziel, glaubwürdigere Bewegungen zu erstellen, so gelingt es nicht durch die Rotoskopie. Warum? Erstens: Menschen sind Menschen und Figuren in einem Zeichentrickfilm sind Figuren. Dadurch, dass sie eben nicht menschlich wirken, wirken zu menschliche Bewegungen an ihnen unnatürlich. Wir Menschen bewegen uns nämlich oft ziemlich langweilig, abrupt, ungrazil. Dann: Unsere Bewegungen sind in einem anderen Sinne fließend, es gibt keine „natürlichen“ (natürlich-künstlichen) „Key Frames„. Wenn man aber nicht jede einzelne Position abzeichnet, entsteht so eine Art Uncanny-Valley-Effekt. Natürlich ganz besonders bei den Gesichtern.

Aber mit all dem könnte man glaube ich noch ganz gut leben. Man sieht es mit der Zeit einfach als Teil eines etwas strangen Kunststils, der aber dadurch noch nicht hässlich wird. Was aber alles kaputt macht ist die Behandlung unterschiedlicher Detailgrade. Menschen im Close-up, ganz besonders Nebendarsteller, sehen aus wie schlechtes CGI aus Computerspielen der 90er Jahre. Sie wirken nicht mehr gezeichnet, sondern abgefilmt und verpixelt. In mittlerer Distanz dagegen haben wir typische Zeichentrickfiguren und in größerer Distanz diffuse Schatten, was oft sogar ziemlich gut aussieht. Teilweise wird sogar zwischen Zeichentrick und Pixel-Figur gesprungen und Figuren sehen in einer Einstellung dann einfach ganz anders aus als in der nächsten. Das hätte man wirklich unbedingt vermeiden müssen, es tut beim Zuschauen weh. Weniger Details in den Zeichnungen. Weniger Kosten. Besserer Film. Ich weiß wirklich nicht, wie man da nicht von selbst hat drauf kommen können.

Ach ja, und Gollum hätte man vielleicht auch besser gezeichnet statt rotoskopiert. Oder wenigstens nicht einen so steifen Schauspieler benutzt. Diese Figur ist einfach ein Klotz.

Dennoch: Ich finde es unglaublich schade, dass Bakshis Herr der Ringe Fragment geblieben ist. Der Film ist eigentlich ganz gut erzählt, auch wenn er natürlich viele Lücken mit VoiceOver füllen muss. Anders als beim Hobbit glaube ich, man könnte folgen, auch wenn man das Buch nicht gelesen hat. Wo die Bildgestaltung einmal über eine oder mehrere Szenen hinweg funktioniert, wie gesagt: Wow! Ich denke selbst ein fehlerbehafteter Zwei- oder Dreiteiler davon, der die Geschichte abschließt, hätte Chancen, noch seine Fans zu haben, wenn der Hochglanz-Herr der Ringe von Peter Jackson längst vergessen ist. Aber vielleicht baut auch gerade die Unabgeschlossenheit weiter am Nimbus des Films. Bakshis Herr der Ringe hat allen Schwächen zum trotz künstlerischen Anspruch.

Bild: Pixabay.

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