Dünne Handlung ohne rettende Sprache/Form. Wetter von Jenny Offil wirkt wie ein Tagebuch. Ohne Pointe.

Wetter von Jenny Offil ist ein kurzes Buch, das aus kurzen Sätzen besteht. Die kurzen Sätze sind in kurzen frei schwebenden Absätzen arrangiert. „Wetter“ präsentiert sich also als rechteckige diffuse graue Flecken auf weißem Papier. Man wollte sagen, als „Wolken“, aber ich fürchte, das unterstellt zu viel Intention.

Laut Ankündigung geht es um das folgende: Lizzie Benson ist Bibliothekarin. Sie kümmert sich um ihren Bruder, der auf Entzug ist, die Mutter und andere Menschen in ihrem Leben. Dann soll Lizzie als Fanpost-Beantworterin für den Podcast »Hölle und Hochwasser« arbeiten.

Im Klappentext heißt es: „So stürzt sie sich in die Auseinandersetzung mit besorgten Linken, die die Klimakatastrophe kommen sehen, ebenso wie mit den Ultrakonservativen und deren Sorge um den Untergang der westlichen Zivilisation. Wie aber, fragt Lizzie sich immer häufiger, kann sie ihren privaten Garten wässern, wenn die ganze Welt in Flammen steht?“

Allerdings dürften viele Leser Schwierigkeiten haben, diese recht stringent klingende Handlung, die auf einen klar identifizierbaren Höhepunkt zuzutreiben scheint, aus den kurzen freischwebenden Absätzen herauszudestillieren.

Denn tatsächlich liest sich „Wetter“ in erster Linie wie eine Reihe recht hastig verfasster Tagebucheinträge samt einiger eingeschalteter Witze und Lektüre-Exzerpte. Gerade das Thema „Beantworten von Mails für den apokalyptischen Podcast“, das laut Ankündigung im Zentrum des Romans stehen sollte, wirkt wie ein Nebenaspekt.

Ja: Das Thema Prepper spielt eine Rolle und gegen Ende lernt die Protagonistin sogar einen weiteren Prepper kennen. Ihr Mann ist außer Haus. Es könnte sich sogar eine Affäre anbahnen. Aber: Das ganze löst sich praktisch sofort in platonisches Wohlgefallen auf.

Problematisch: Alle Charaktere bleiben blass. Das gilt für die Hauptfigur, das gilt für den süchtigen Bruder mit Kind. Das gilt für den Ehemann und seinen potentiellen Nebenbuhler. Nie hat man das Gefühl, dass die Konflikte irgendwie aufeinander zu laufen und eskalieren könnten.

Nun könnte Wetter andere Qualitäten haben. Man sollte erwarten: So wenig Text – das müsste dann doch in einer besonderen Weise auskomponiert sein. Gerade, wo doch jeder Absatz so zwanghaft den Blick auf sich als Texteinheit lenkt. Sind die einzelnen Tagebucheinträge also vielleicht so etwas wie kleine Gedichte in Prosa? Machen Sie sich selbst ein Bild. Im Querschnitt klingt Wetter etwa so:

“Catherine ist schwanger, und sie machen eine Schnellhochzeit im Rathaus.“

„Vielleicht kann ich diesen Traum jetzt loswerden. Den Traum, in dem mein Bruder in meiner Wohnung auftaucht und sagt: Lizzie, kann ich hier sterben?“

„Denn auf einmal habe ich eine Schwägerin. »Oh, kauf das nicht«, sagt Catherine in der Bodega. »Es enthält Blau Nr. 1.« Ich sehe sie an und tue so, als läse ich den Beipackzettel. »Es ist die einzige Farbe, von der man weiß, dass sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Diese Schranke schützt das Gehirn vor Toxinen.«“


„Ich lege das Päckchen in der Hoffnung in das Regal zurück, dass das Gespräch damit beendet ist, aber sie hat noch mehr schreckliches Wissen, das sie mir mitteilen muss. »Blau Nr. 1 dringt in die Hirnflüssigkeit ein, aber die Wissenschaftler wissen nicht, was es dort anrichtet«, sagt sie mir. »Offenbar haben sie geforscht, aber es gibt noch keine Ergebnisse.« »Okay«, sage ich, »aber sie wissen ja auch nicht mal, wie Aspirin genau funktioniert, oder? Es gibt keine ›Aspirin-Theorie‹.«”

Wetter ist ein kurzes Buch, das aus kurzen Absätzen besteht. Leider macht es das noch lange nicht zum guten Buchhof. Leser, die aufgrund des spannenden Klappentexte eine ähnlich spannende Geschichte erwarten, dürften definitiv enttäuscht werden. Aber auch, wer aufgrund des ungewöhnlichen Text-Arrangements ein Kleinod voller auf die Sprachen konzentrierter Beobachtungen erwartet, bei dem man gern Abstriche auf der Ebene der Handlung macht, kommt nicht auf seine Kosten.

Normalerweise würde ich sagen: Abwarten. Vielleicht wird das Wetter besser. Aber bei diesem Wetter sollte man sich darauf keine Hoffnungen machen.

Bild: Pixabay

5 Gedanken zu “Dünne Handlung ohne rettende Sprache/Form. Wetter von Jenny Offil wirkt wie ein Tagebuch. Ohne Pointe.

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