Warten auf Godot-Zilla. Godzilla als spielender Gott im Klassiker von 1954 und im „MonsterVerse“. Movie Monday IV.

Ich muss sagen, ich mag die Idee dieser neuen Monster-Filmreihe rund um die Organisation Monarch. Also die beiden neuen Godzilla-Filme und Skull Island. Den neuesten Spross des Ganzen (Godzilla vs Kong) habe ich noch nicht gesehen.

Aber die Monster der alten Toho-Filme als Kräfte, die die Welt ausbalancieren, ohne größere Rücksicht auf menschliche Moralvorstellungen, das hat etwas. Es ist diffus genug, um alle möglichen Geschichten damit erzählen zu können und konkret genug, um den Monster-Attacken eine zeitgenössische gesellschaftliche Verortung zu geben, die über „schaut mal, ein schreckliches Monster, bringt es um“, hinausgeht. Außerdem hat man damit nicht das Gefühl, dass die Klassiker mit Füßen getreten werden. Immerhin war das Konzept darin durchaus schon implizit angelegt, und wird nun nur etwas stärker aus buchstabiert. Godzilla war ja tatsächlich schon immer eine ambivalente Figur, die nicht nur zerstört, sondern auch rettet, die mit menschlicher Hybris verknüpft ist (Atomkraft) aber auch Auswüchse menschlicher Hybris klein halten kann.

Besonders den Original Gojira von 1954 könnte man bereits so lesen. Denn der ist ja nicht nur monströse Pesonifikation der Atombombe, sondern zugleich auch Mahnung, die Finger von dieser Technologie zu lassen (eine Mahnung, die die amerikanische Fassung tilgte). Das ist übrigens wirklich ein ziemlich guter Film. Nicht nur als Monsterfilm sondern vor allem als Film über Nachkriegs-Japan & wissenschaftliche Verantwortung. Ohne Hauptcharaktere im Hollywood-Sinn, stattdessen mit einigen Fokusfiguren, aus denen sich zum Schluss ein Wissenschaftler als klassisch tragische Figur herausschält, während ein zweiter als Überlebender vielleicht sogar das üblere Los zieh. Der Film wirkt teils dokumentarisch, ohne als „Mockumentary“ angelegt zu sein und baut Spannug mit spärlicher, dadurch um so effektiverer Musik und sehr durchdachter Cinematographie unglaublich effektiv auf. Nichts von dem absichtlichen Trash späterer Godzillas. Unbedingt im Original mit Untertiteln schauen!

Der erste Film der neuen Reihe war trotz ordentlicher Idee noch ziemlich erbärmlich, weil er sich nicht auf eine Geschichte konzentrieren konnte und die interessantere Hauptfigur nach einem Drittel des Filmes beiseite schafft, um sich auf die schlecht ausgeführte Figur von dessen Sohn zu konzentrieren. Der zweite Godzilla funktionierte schon ganz gut. Skull Island, der dazwischen kam, ist noch ein Stückchen stärker. Godzilla vs. Kong habe ich wie gesagt noch nicht gesehen und zweifle an der Idee: Beide Figuren wurden in ihren eigenen Filmen als Balance-Kräfte aufgebaut, die Menschheit vor sich selbst zu schützen und Hybris zu strafen. Warum ausgerechnet diese beiden gegeneinander stellen? Aber schauen wir mal, was daraus wird.

Ich möchte nun wirklich nicht sagen, dass es sich hier um großartige Filme handelt. Und für jemanden wie mich, der Actionszenen schnell langweilig findet, wenn sie nicht mehr eng mit der Stoßrichtung der Handlung verknüpft sind, ist jeder dieser zweistündigen Filme zwischen einer halben und einer ganzen Stunde zu lang. Aber im Bereich Action gibt es viel Schlechteres, und im Bereich des Monsterfilms sowieso.

Ich las kürzlich, in Godzilla manifestiere sich die Sehnsucht nach starker Führung, einem rettenden und strafenden Gott, der Wohlverhalten belohnt. Auch der Name God-Zilla zeige das an. Ich denke, das ist zu kurz gesprungen, obwohl es einen Teil der Topoi ausmacht, die in diese Figur projiziert werden. Denn die Monster des Originals und der neuen Filme stehen ja auch immer teils einfach als Materialisation sowieso schon entfesselter Kräfte (Nuklearkatastrophe, Klimawandel, Hybris der technischen Beherrschbarkeit der Natur, letzteres besonders exponiert in dem Anime-Dreiteiler, der leider unglaublich schlecht erzählt ist, obwohl er das Potential zu einer der besseren Godzilla-Reihen gehabt hätte). Man könnte da leicht auch in die Gegen-Richtung interpretieren & sagen „Godzilla ist Dialektik der Aufklärung als Monster-Faustkampf“. Und selbst, wem Godzilla hilft, hat eine gute Chance, dabei zerquetscht zu werden. Die „Götter“ des „MonsterVerse“ sind spielende Götter, eher wie die griechischen, bloß mit mehr romantischer Naturmystik drumherum.

Ich glaube auch nicht, dass das mit God in Godzilla von Anfang an beabsichtigt war… Das ist ja letztlich nur die Anglisierung des japanischen Originals, und die amerikanische Synchro tilgte ja gerade alles, was die ambivalente Göttlichkeit ausmachen könnte.

Dennoch steckt ein God im Zilla, und eine moderne Becket-Adaption a la „Warten auf Godot-Zilla“ wäre vielleicht das Werk, das die Zeit bräuchte. Denn der ersehnte Retter-Zerstörer kommt eben nur im Film. Hier draußen muss die Menschheit beides selbst besorgen.

Bild: Pixabay

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