Ausgewogene Geschichte zweier kaputter Beziehungen. „Leute wie wir“ von Diane Evans.

Leute wie wir von Diane Evans ist eine doppelte Familiengeschichte. Der Schwerpunkt liegt allerdings deutlich auf Michael und Melissa. Die sind schon gut zehn Jahre zusammen, haben zwei Kinder, doch nie geheiratet. Für ihre Freunde Stephanie und Damian gelten sie als Traumpaar. Aber Melissa liebt Michael schon lange nicht mehr und führt die Beziehung eher als Verwaltungsakt, um der Kinder willen. So ein bürgerliches Leben – das hatte sie eigentlich nie wirklich ganz gewollt. Michael dagegen fühlt sich zurückgestoßen. Beide haben diese allzu typischen Streits: Du arbeitest zu viel / ja wovon sollen wir denn leben? Du bist nicht genug für die Kinder da / und so weiter, und so fort. Hinzu kommt, dass die beiden in einem gefährlichen Viertel Londons leben. Im Laufe der Handlung wird ein Kind ermordet und es wird angedeutet, dass bewaffnete Kämpfe unter Jugendlichen keine Seltenheit sind.
Auch das Haus, in dem Michael und Melissa wohnen, ist im Verfall begriffen. Und noch ein zusätzliches Problem: Beide pflegen ein recht unterschiedliches Verhältnis zu ihrer Identität als Schwarze in London. Michael nimmt das deutlich wichtiger, und einer der größten Chancen, die Beziehung zu retten, indem man gemeinsam aus London weg und in eine kleinere Stadt zieht, schlägt er aus, weil er unter Schwarzen leben möchte und nicht will, dass seine Kinder als einzige Schwarze in einer weißen Stadt aufwachsen.
Es kommt, wie es (zumindest in einem Roman) kommen muss. Michael hat eine Affäre und sein bester Freund beginnt, Melissa anzugraben, die irgendwann nachgibt. Zum Schluss mischt sich auch noch eine kleine Spukhaus-Episode in das Ganze, die allerdings ein bisschen zu wenig entwickelt ist, als dass sie wirklich überzeugen könnte.
Der Rest ist stark geschrieben. Ein relativ traditionell verfasster Roman mit auktorialem Erzähler. Dabei sehr dicht erzählt. Auf der Party zur Wahl Obamas am Anfang hat man ernsthaft das Gefühl, dabei zu sein, so überzeugend mischen sich Visuelles, Musik, Menschen, Gerüche. Musik wird auch im Verlauf der Erzählung weiter wichtig bleiben. Alle Protagonisten knüpfen Gefühle und Erinnerungen immer wieder an Lieder. Auch die Figuren sind sehr überzeugend gestaltet. Es gelingt Autorin Evans, eine doppelte Beziehungskrise so von allen Seiten zu beleuchten, dass man die Motivation eines jeden nachvollziehen kann, ihre Verletzungen und ihr Begehren. Weder Michael noch Melissa wirken dauerhaft im Unrecht. Diese Beziehung ist leider, muss man sagen, einfach kaputt. Damian… Na ja, das ist eine andere Sache. So hartnäckig an der Freundin des angeblich besten Freundes herumzugraben ist schon ziemlich dreist.
Leute wie wir ist ein wirklich ausgewogen erzähltes Romanwerk ohne „Bösewicht“. Ein starker Text, den zu lesen in jedem Fall lohnt.

Bild: Pixabay

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