Kurz, dicht, herausragend. „Alles glänzt“ von Jacqueline Woodson.

Es ist eine Freude, ein solches Buch in die Hand zu bekommen. Besonders: Eine Neuerscheinung! Denn die wirklich stilistisch und kompositorisch durchgearbeiteten Werke, die, die gleichzeitig am Puls der Zeit und für die Ewigkeit sein wollen, die ganz intensiv mit Sprache arbeiten statt Themen abzuhaken, sie sind selten. Alles glänzt von Jacqueline Woodson ist so eines.

Der Text hebt geradezu symphonisch an. Es beginnt auf der Coming-of-Age-Feier von Melody, deren Name durchaus als Hinweis auf das Kommende gelesen werden darf. Die letzten Vorbereitungen, Begegnungen mit Mutter und Vater und den Großeltern, das Treten unter die Gemeinde: Das gibt Gelegenheit, rasch von Kopf zu Kopf zu springen und ein noch grob skizziertes Bild der Familie aufzuspannen. Wenn die Verlagswerbung das Drama zwischen Mutter und Tochter in den Mittelpunkt stellt (siehe Klappentext), ist das wirklich nur ein kleiner Aspekt des Ganzen. Und man darf sich sogar streiten, ob Melody wirklich die Protagonistin des Buches ist. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich eher behaupten, es sei Iris, die Mutter. Die wurde schon als Teenager schwanger, galt als verlorener Fall, bis sich die Mutter des Vaters des Kindes ihre pädagogische annahm. So ging Iris als erste der Familie aufs College. Dumm für den Kindesvater. Denn für beide war es tatsächlich Liebe und er bleibt ihr treu ergeben. Sie aber verliebt sich auf dem College in eine Frau, es kommt zur Krise, als diese erfährt, dass Iris Mann und Kind hat und mit ihr den Vater des Kindes betrügt. Auch die Stimme des Vaters, Melodys Großvaters, wird natürlich Teil des Gewebes und schließlich wird sogar noch eine Generation weiter zurück gegriffen.

Dabei geht Woodson weiter konsequent musikalisch vor, indem sie nach dem symphonischen Beginn mit den wie durcheinander redenden Stimmen ihre Bögen immer weiter spannt. Man könnte man sagen, jede Figur bekommt einige oder mehrere Soli, bis alles auf der Party zum Schluss wieder zusammengeführt wird.

Eine solche Verfahrensweise ist natürlich nicht mehr neu. Die größten der modernen Romane verwenden sie, angefangen von Virginia Woolf To the Lighthouse und Mrs. Dalloway. Aber es muss nicht immer alles neu sein, um gut zu sein. Ach, im Gegenteil: in 99 von 100 Fällen beschränkt sich Neu doch auf irgendeine Art von Tabubruch, der kurz fasziniert und dann anödet. Das heißt nicht, dass diese 99 den Hundertsten nicht wert wären. Aber eine solche klassisch moderne Kompositionsweise, beinahe zur Perfektion gebracht, wie es nur wenigen Autorinnen vorher gelungen ist (Woolf nannte ich schon, eine Kritik sieht auch zu Recht Bezüge zu Morrison), werde ich diese 99 immer vorziehen. Man will ein Buch ja nicht nur einmal lesen.

Und das alles auf knapp 200 Seiten! Alles glänzt ist wirklich ein Meisterwerk. Ich habe es in der Übersetzung gelesen, werde mir aber wohl das Hörbuch dann noch einmal auf englisch zulegen. Und mir auf jeden Fall, sobald ich die Zeit finde, andere Romane der Autorin ansehen.

Bild: Pixabay

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