Anfangs poetischer Roman in Kurzgeschichten, der im Mittelteil langatmig wird: „Das Verschwinden der Erde“ von Julia Phillips.

Das Verschwinden der Erde folgt in jedem Fall einem interessanten Konzept. Das Ganze beginnt wie eine Kriminalgeschichte über die Entführung zweier junger Mädchen auf Kamtschatka. Allerdings sprachlich sehr dicht erzählt, mit poetischen Landschaftsbildern dazwischen. Dann weitet die Handlung sich, im nächsten Kapitel werden ganz andere Figuren eingeführt, die Entführung ist nur noch eine Hintergrundgeschichte, mit der die Mutter einer jungen Frau das Ressentiment gegen die beste Freundin dieser Frau begründet und einen Keil zwischen die beiden treibt. Dann die nächste Erzählung. Und so weiter.
Anfangs scheint es, als gelinge es Autorin Julia Phillips mit ihrem Roman, der mehr ein Kosmos verbundener Kurzgeschichten ist, so, ein breites gesellschaftliches Panoptikum zu zeichnen. Mit der Zeit stören dann aber einige Dinge. Erstens: Die kurzgeschichtenartigen Kapitel sind einfach nicht geschlossen genug, um auch für sich selbst stehen zu können. Die Verbindung mit der Entführung der jungen Mädchen derweil gerät so weit in den Hintergrund, dass sie nicht durchs Buch trägt. Die Sprache, die anfangs von selbst zum Weiterlesen animiert, wird auch immer nüchterner. Und: Die einzelnen Geschichten, die eben oft keine runden Geschichten sind, gleichen sich viel zu sehr. Immer wieder fühlt sich jemand, meist eine junge Frau, eingeengt von den auch in der Großstadt dörflichen Verhältnissen, immer wieder werden mit leichten Variationen die gleichen Motive durchexerziert. Und das mag ja durchaus beabsichtigt sein, um die Allgegenwart dieses Gefühls des gefangen Seins auf Kamtschatka spürbar zu machen, aber mit der Zeit wird es dann einfach zu viel, zu redundant. Musik, die auf das Konzept des Themas mit Variationen setzt, ist eben doch immer noch Musik, die durch Klang unmittelbar zu berühren vermag, wobei Wiederholungen und Variationen derselben dem Erlebnis Festigkeit verleihen. Phillips‘ Prosa ist leider keine solche Musik, auch wenn sich zumindest zu Beginn des Buches die Möglichkeit dazu erahnen lassen.
Zum Schluss werden drei bis vier der Geschichten bzw. Kapitel dann doch wieder mit der Entführungsstory verknüpft, was das in der Luft hängen der andere aber nur spürbarer macht.
Ein interessanter Versuch, und ich bin bekanntlich überzeugt, dass das Schreiben in verbundenen Kurzgeschichten eine Möglichkeit ist, der zersplitterten Welt zu Leibe zu rücken, ohne den künstlerischen Imperativ zur Geschlossenheit aufzugeben und sich der romantischen Nachlässigkeit der Glorifizierung des Fragmentes in die Arme zu werfen. Hier gelingt das am Ende jedoch nur halb, da das spürbare Kunstwollen zum Auftakt mit Fortschreiten des Werkes mehr und mehr der Routine weicht.

Bild: Pixabay.

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