Ein möglicherweise starkes Langgedicht – Wie ist eine solch verkorkste Ausgabe möglich?

Requiem von Sead Mahmutefendic macht eine Besprechung wirklich nicht leicht. Nicht, weil der Text per se unglaublich schwierig wäre. Nein: Die Übersetzung ist einfach zum Haare raufen. Es tut mir leid, aber es sieht aus, als wären Vorwort und Langgedicht einfach einmal durch Google Translate gejagt worden. Das ist für das Vorwort noch unproblematisch. Man sieht eindeutig, dass etwas nicht stimmt, doch man versteht, was gesagt werden soll. Aber solche Sätze häufen sich dennoch auf den beiden Seiten:

„In dieser Existenz reflektiert das Spektrum zwischen dem Wunsch nach einer sinnvollen und erfüllten Lebensweise und einer ironischen Erfahrung der Welt, bis hin zur ständigen hinterfragen des Zustands des menschlichen Daseins.“

Das ist, wie gesagt, „nur“ ärgerlich. Aber auch im Gedicht finden sich dann immer wieder Stellen, von denen man kaum glauben möchte, dass sie so im bosnischen Original stehen. Ich konnte das nur bedingt prüfen, denn die einzige slawische Sprache, die ich leidlich beherrsche, ist Russisch, doch scheint mir der bosnische Text nicht in radikaler Weise absichtliche Fehler in Satzbau und Zeichensetzung zu enthalten. Der deutsche strotzt davor, etwa:

Um mich herum
fühle ich die Salzigkeit der Minerale.
Meiner Zunge lasse ich zu
dass auf ihr, schön die Liebe träumt.

Oder:

Du bist erledigt, mein Stadtmensch
verstehst du das nicht?
Wozu brauchst du die Geistesfüße?
Das was ist, ist eigentlich nicht mehr was war.
Nun drehe dich nicht um sich herum.
Schiebe die Handfläche rein
und hole die Sünde aus dem Gebet heraus.
In jedem Fall wird man dir die Stimme
nicht hören bist du nicht so hart wie das Quarz wirst.

Was ist da noch poetisch beabsichtigte Eigentümlichkeit, was Fehler? Dass es sich teils um Fehler handeln muss, liegt auch deshalb nahe, weil der Text noch weitere Fehler enthält. Insbesondere werden oft mehrere Wörter zusammengeschrieben, als sei etwas bei der Textkonvertierung schiefgegangen.

Die Umsetzung ist vor allem schade, weil es sich bei Requiem tatsächlich um ein interessantes Gedicht handelt. Ein Abgesang, der Altersmelancholie anklingen lässt, doch diese auch stets auf Gesellschaftliches ausbreitet. Ein Requiem auf die letzten Zuckungen der Moderne, das sich oftmals faszinierend religiös liest, ohne dass Religion affimiert wird, das „heidnische“ (altgriechische), atheistische und einfach anarchisch-ausschweifende Impulse verbindet und keine Angst hat vor dem hohen Ton, den die westeuropäische Lyrik so zu scheuen gelernt hat (wahrscheinlich, weil die Verbundenheit schlechter pathetischer Lyrik mit Nationalsozialismus und anderen Faschismen den Affekt gezeitigt hat, sich lieber vom Pathos ganz fernzuhalten, als die Existenz ästhetisch wertvollen Pathos anzuerkennen und solche Schreibweisen auch für das Heute zu finden.)

Requiem liest sich, wenn ich einen Vergleich bemühen darf, als hätte der späte Rilke entdeckt, dass es tatsächlich auch eine Welt gibt, von der sich anders als durch Aussparung sprechen lässt. Eine Welt voller Eisenbahnen und Automobile, später mit Internet und Sex für Geld. Aber in der Form, in der das Werk bei Shaker Media vorgelegt wurde, ist es nur sehr bedingt genießbar. Dabei wurde zumindest vorbildlicherweise das bosnische Original mit beigegeben. Meines Erachtens sollten Lyrikübersetzungen ja durchweg als zweisprachige Ausgaben herausgegeben werden. Nur so kann man sich wenigstens die Klangcharakteristik des Originals anschauen, auch wenn man die Sprache nicht beherrscht.

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