ORK CITY – 08/15 Noir + Fantasy. Temporreich, aber auch klischeelastig.

Manche Texte wollen originell sein und greifen dabei immer grad ein kleines bisschen daneben, so dass das Ganze unfreiwillig komisch wirkt. Wobei originell sicher relativ ist. Fantasy mit düsterer Großstadtzenerie zu verknüpfen, das ist spätestens seit Bright auf Netflix ja auch Mainstream. Und das Rezensionsexemplar zu Ork City habe ich mir auch zugelegt, weil der Klappentext letztendlich das absolute Klischee aller Noir-Filme aufruft (eigentlich beschreibt er in etwa die Eingangsszene von „Chinatown“), aber dann typische Fantasygestalten darunter mischt. Das könnte zumindest amüsant werden, also warum nicht mal lesen?

Der Autor gibt sich alle Mühe, sowohl modern-filmisch als auch organisch aus seiner Welt heraus zu erzählen. Den Text eröffnet ein geheimnisvolles Intro, in dem eine Figur aus noch nicht wirklich klaren Gründen verfolgt wird. Dann wechselt die Perspektive. Ein Ich-Erzähler nimmt uns mit in eine finstere Halbwelt. Und schon da fällt auf, dass irgendetwas einfach nicht richtig klappt. Also: rein textlich. Es wird mit Fantasy-Begriffen um sich geschmissen, Waffen tragen fantastische Namen, Geld heißt “Orgo”, Privatdetektiv “Dormhur Sul”, und so weiter und so fort. Man kennt das und es klingt leider oft, so auch hier, als habe ein Autor zwanghaft nach ungewöhnlichen Buchstabenkombinationen gesucht, um seiner Welt einen fantastischen Touch zu verleihen. Einerseits ist es konsequent, dass nicht alles gleich erklärt wird, sondern die Figuren ihre Begriffe so benutzen, wie sie sie eben benutzen und ihre Welt als ihre eigene wahrnehmen und nicht als etwas, das sie wie Reiseführer den Lesern präsentieren (wie das leider immer noch zu viele fantastische Romane machen). Positiv auch, dass der Autor seine Welt nicht in Infodumps ausbreitet, sondern sie genauso entfaltet, wie man das in einem Roman machen würde, der in New York spielen würde. Da gibt es ja auch nicht ständig Exkurse zum politischen System und zur Geographie der Vereinigten Staaten. Nur: Auch diese Erzählweise birgt Fallstricke, und sie ist hier nicht durchweg überzeugend umgesetzt. In jeder zweiten Zeile steht ein unverständliches Wort, andererseits ist der Text offenkundig ansonsten in gut verständlichem Deutsch verfasst. Natürlich, sonst könnte man ihn nicht lesen. So aber wirkt das um sich Schmeißen mit unbekannten Wörtern sehr aufgesetzt, wie gewaltsam erzwungene Local Color mit einer Sprache, die sich leider nicht so glaubhaft ins Film-Noir-Setting fügt wie etwa die Fetzen des “Southern” in Mark Twains Mississippi-Welt. So etwas ist ein Balanceakt, gewiss, aber Ork City stolpert leider von Anfang an. Und das setzt sich fort. Das Szenario liest sich einfach die ganze Zeit, als habe ein Autor einen klassischen Film-Noir geschrieben und sein Kollege dann in jeder dritten Zeile ein fantastisches Element eingefügt. Etwa hier:

“Bunte Farbspritzer, die sich auf dem nassen Asphalt spiegelten und den Rest in gnädiger Dunkelheit versinken ließen, den Dreck, das Elend, das Verbrechen. Zu sehen war nur, was die Lichtkegel der Fahrzeuge im Vorbeifahren aus der Finsternis schnitten: Obdachlose an den Straßenecken, Huren, die ihre Haut zu Markte trugen, Gnome, die unreines Q’orz vertickten.”

Das heißt nun nicht, dass man Ork City nicht lesen kann. Das Erzähltempo stimmt, die Krimigeschichte ist ordentlich erzählt, obschon sie kaum ein Klischee auslässt, und mit der Zeit beginnt man den Overkill an erfundenen Worten zu ignorieren. Soweit, dass sich das Ganze anfühlt, als werde man mit der Sprache einer realen Welt konfrontiert, kommt der Roman leider nie. Das Ganze wirkt durchweg eher, als habe ein Autor, der die Technik beherrscht, spannend für ein größeres Publikum zu schreiben, sich gesagt “Orks und Film Noir, das hat noch niemand gemacht. Also mache ich das”, und das Ergebnis ist durchaus lesbar. Ich würde gerne sagen, man könnte mehr aus diesem Thema machen, doch da bin ich gar nicht so sicher. Denn Fantasy + Film Noir klingt einfach von Anfang an zu sehr nach Crossover, nach Kombination von etwas, das nicht unbedingt zusammengehört, um des Spektakulären Willen. Ob so ein Stunt auch wirklich literarisch überzeugend gelingen kann? Ich zweifle… Am ehesten vielleicht mit ironischer Brechung, wie schon in Discworld Noir. Nur: Allzu oft ist die ironische Brechung eines Themas ja auch das Eingeständnis, dass man mit diesem Thema ernsthaft nicht zurande gekommen ist.

Bild: Pixabay

2 Gedanken zu “ORK CITY – 08/15 Noir + Fantasy. Temporreich, aber auch klischeelastig.

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