Disney ist nicht schuld: Der Glöckner von Notre Dame und der Kitsch.

Victor Hugos Notre Dame de Paris (Der Glöckner von Notre Dame) fängt mit der ersten Szene ein. Hier, könnte man sagen, kommt die moderne Literatur bereits zu sich selbst. Denn werden heute auch gern Spielereien, Texte mit doppeltem Boden, Texte, die sich selbst als Text begreifen usw. als zentrale Merkmale der Moderne genannt, kann man sich an solchen mindestens bis zum Quixote, vielleicht sogar bis tief ins Mittelalter zurückhangeln, von wo wiederum die Moderne im engeren Sinn sie geborgt hat.

Aber dieses gigantische Fest, mit dem Der Glöckner von Notre Dame eröffnet, wo ein Jeder durcheinander plappert, unzählige Ereignisse an unzähligen Stellen stattfinden, ein Theaterstück gegeben und gleichzeitig kommentiert wird, der Großteil des Personals der Handlung auftaucht und verschwindet, die Themen angerissen werden usw. usf, wobei alles letztendlich doch so strukturiert bleibt, dass man zwar überwältigt wird, doch nicht abgeschreckt, dieses Fest führt all die Techniken der lebendigen, unmittelbaren, Gestaltung, zusammen, die zuvor bereits hier und dort aufblitzten, aber nun erstmals vereint auftreten.

Und natürlich alles andere als unmittelbar sind. Es ist ein geradezu musikalisches Komponieren, das in dieser Szene deutlich wird, das Schaffen und Führen von Stimmen mit- und gegeneinander. Und darin, Literatur strukturell auf die Höhe avancierter Musik zu heben, dürfte ein wirksamerer Prüfstein aufs moderne Schreiben liegen, als in der Frage, wer wen zitiert. Das soll übrigens durchaus wertfrei verstanden werden: Nicht alles, was in diesem Sinne modern ist, ist gelungen, und nicht alles, was seitdem gelungen ist, muss in diesem Sinne modern sein.

Auffällt, dass hier einmal mehr der Gegenstand die Form zu gebähren scheint, und nicht ein autonomes Autorengenie. Weder im weiteren Verlauf des Glöckner, noch in seinen späteren Werken schafft Hugo noch einmal Ähnliches, die Auftaktszene des Glöckner steht allein. Der weitere Roman ist dennoch eine lohnende Lektüre, die melodramatische Geschichte um Gringoire, La Esmeralda, Quasimodo, Frollo, die Ziege und Phoibos ist zwar voller Pathos, aber zum Glück in einer Weise, die den Pathos selbst nicht ganz ernst nimmt. Ja, das Beste am Roman ist vielleicht, dass Gringoires Zuneigung zur Ziege seiner Ehefrau auf Zeit Esmeralda tatsächlich bis zum Schluss durchgehalten wird, die dick aufgetragenen Gefühle immer wieder mit Humor konterkariert werden. Das Schlimmste sind die ellenlangen historischen oder architektonischen Exkurse.

Entsprechend laufen hier auch die Vorwürfe an Disney, in der Verfilmung den Stoff verkitscht zu haben, weitgehend ins Leere. Ja, Disney hat als Bösewicht die Kirche durch das Gericht ersetzt, doch diese Ersetzung durch die optische Gestaltung der Charaktere gleich wieder durchgestrichen. Niemand, der den Film sieht, könnte glauben, dass es sich bei Claude Frollo nicht um eine Figur der Kirche handeln könnte. Aber ansonsten? Selten blieb eine Disney-Verfilmung dem Stoff so Treu. Die Wahrheit ist doch: Der Glöckner von Notre Dame ist im Großen und Ganzen Kitsch. Virtuos gestalteter Kitsch mit einer Eröffnungsszene, die wegweisend ist für die Literatur der folgenden Jahrhunderte, und neben der fast alles verblassen muss, was sonst im 19. Jahrhundert geschrieben wurde. Aber der Rest ist Kitsch plus ein halbes Geschichtsbuch.

Bild: wikipedia, gemeinfrei

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