Von vielen anderen deutschen Erzählern unter scheidet sich Theodor Storm darin, dass er, nun ja – erzählen kann. Ich glaube es ist in Auslöschung, da behauptet Thomas Bernhards Erzähler, Goethe sei zwar der größte deutsche Literat, aber in keinem der einzelnen Genres selbst führend. Bernhard nennt dann aber ausgerechnet den Schwätzer Musil als den größten Prosaisten, und so stürzt der spannende Gedanke in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Hätte er besser mal Storm genannt. Zumindest was kürzere Texte betrifft ist Storm ein Großer. Hat man eine seiner Erzählungen oder Novellen gelesen, vergisst man sie nicht mehr. Das lässt sich etwa für die einzelnen Texte der ob ihrer Gesamtkonstruktion durchaus zu lobenden Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter kaum sagen.

Allerdings: Ausgerechnet der berühmte Schimmelreiter gehört sicher nicht zum Besten Storms. Die Novelle erzählt einen klassischen Konflikt: Mensch gegen Natur oder Wissenschaft gegen althergebrachte Überzeugungen. Zugespitzt wird das ganze auf menschliche Hybris oder eine „Dialektik der Aufklärung“, die sich vor allem auf dem Feld des Technischen abspielt. Der junge Hauke Haien nutzt seine Bildung und eine geschickte Heirat, um Deichgraf zu werden, seine teuren und wegweisende Konstruktion bringt der Küstengemeinde Schwierigkeiten und statt des erhofften Reichtums einen Deichbruch.

Allerdings: Bis all das in Fahrt kommt vergehen gut die Hälfte bis zwei Drittel der etwa hundertseitigen Novelle. Ausgiebig werden vorher das Verhältnis zum Vater, die Familiengründung, Hochzeit, ein Kind, durchgearbeitet. Und das wiederum ist Storms Stärke nicht. Hier hätte er gut noch einige Zeit beim Herrn Goethe in die Schule gehen können. Zumal auch der Hauptkonflikt nicht funktioniert. Nicht der neue Deich ist Ursache des Übels, sondern die Weigerung nun auch noch den alten auf Vordermann zu bringen. Tatsächlich ist der Schimmelreiter nicht eine Erzählung menschlicher Hybris wie etwa Moby Dick, sondern eine davon, welches Leid althergebrachtes Ressentiment und Sturheit anrichten können. An sich: Eine interessante Volte. Aber im Aufbau, der gänzlich auf die Tragik des Helden Hauke Haien zuläuft, wiederum nicht konsequent. Wer Storm auf seiner Höhe erleben möchte erhalte sich lieber an die kleineren Erzählungen, … Lesenswert ist der Schimmelreiter dennoch, schon allein wegen der detaillierten Beobachtungen rund um das Funktionieren einer friesischen Gemeinde im 19. Jahrhundert.

Dass nun der Re-Image Publishing das Buch als E-Book neu auflegt ist sicher ganz nett, ich bin gespannt mit welchem Erfolg, denn natürlich ist das Werk Theodor Storms längst gemeinfrei. Zumal die Neuauflage sich tatsächlich rein auf den Text beschränkt, und nicht mal mit einem einordnenden Nachwort aufwartet.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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