Pamuk Wochen I – Das schwarze Buch – genial bis misslungen

Wie Haruki Murakami wird auch Orhan Pamuk eher gefeiert oder gehasst als kritisch besprochen (und wenn ist die Kritik oft politisch motiviert) . Auch das Werk Pamuks ist deutlich durchwachsener, als man es von einem Autoren von Welt und Literaturnobelpreisträger erwarten würde. Nicht ganz in der gleichen Breite wie im Falle Murakamis möchte ich in den folgenden Wochen den Werken Pamuks auf den Zahn fühlen, die es regelmäßig schaffen, zuerst zu begeistern und dann doch zu enttäuschen. Geradezu paradigmatisch das meisterhaft anhebende, dann zerfallende Das schwarze Buch, in dem sich bereits viele Muster andeuten, die für das spätere Werk prägend bleiben werden.

Bereits besprochen: Das Museum der Unschuld

Das Problem der Krimi-Dekonstruktion

Diesen Roman zu bewerten fällt schwer. Es ist das Werk, wegen dem ich phasenweise einsehen kann, dass Pamuk als einer der bedeutendsten Schriftsteller unserer Zeit gehandelt wird. Das trostlose Haus, aus dem Rüya verschwindet, der Nachtspaziergang Galips durch das verschneite Istanbul, einige der wunderbar dichten Kolumnen Celals: Das ist geradezu herausragend.

Doch mit der Zeit verheddert sich Pamuk in seinem Bestreben, den Text symbolisch aufzuladen und bloß keine klassische Geschichte zu erzählen. Dass die Welt nicht zu enträtseln sei wie in Rüyas Krimis, das ist das Leitmotiv des Romans. Allein: Darüber einen Roman zu schreiben stellt vor das Problem, wie man ihn überhaupt zu Ende bringen kann und was man eigentlich zwischen Anfang und Ende tut. Denn wie viele ungelöste Rätsel, welche, usw., dafür gibt es keine textimmanente Motivation mehr. Und so verfadet Das schwarze Buch dann auch immer weiter und wird irgendwann selbst fad.

Sehr viel genießbarer ist die gekürzte Hörbuchversion, die die gleiche Idee mit ein paar Schlenkern weniger vermittelt. Es ist ja, hat uns der Roman gelehrt, eigentlich auch egal. Dass dafür alle Kolumnen Celals gestrichen werden, ist allerdings ein Nachteil. Wenigstes einmal sollte man Das schwarze Buch ganz lesen und sich die besseren Kolumnen zur gelegentlichen Rückkehr markieren.

Pamuks Sehnsuchtsfrauen, die Erste

Rüya übrigens markiert Pamuks Abkehr von „realistischen“ Frauenrollen, die als gleichberechtigte Figuren agieren, hin zu Sehnsuchtgestalten, auf die Männer ihre unerfüllten Wünsche projizieren. Das gereicht noch nicht Das schwarze Buch zum Nachteil (hier charakterisiert es vor allem Galips Unfähigkeit, sich auf seine Frau als Mensch aus Fleisch und Blut einzulassen), aber dadurch, dass es zum Muster wird, fast allen späteren Romanen Pamuks. Zumal die Projektion zusehends nicht mehr als Schwäche, sondern als romantisches Ideal dargestellt wird.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

4 Gedanken zu “Pamuk Wochen I – Das schwarze Buch – genial bis misslungen

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