Ein schwächlicher Hool…

Nein, auch Hool von Philipp Winkler überzeugt mich nicht. Leider. Ist nicht so, dass ich per se gern verreiße. Es tut durchaus weh, wie viel Mittelmaß gerade im Bereich der von Anfang an als „hohe Literatur“ vermarkteten Werke sich tummelt. Generell fallen viele Texte auf, die auf der Ebene des klassischen Handwerks, sprachlich im Kleinen, in der Werkanlage, also dramaturgisch im Großen weit weit hinter geschmähter Genreliteratur zurückbleiben. Also zB weder eine saubere (interne) Drei/Fünf oder vivielauchimmer-Akt-Struktur aufweisen, die das Ganze trägt, ein ordentliches Hinschreiben auf die Klimax oder Ähnliches aus dem Krimi&Abenteur 101 hinbekommen, die allerdings auch nicht ernsthaft nach einem eigenen, autonomen tragenden Organisationsprinzip (etwa nach musikalischem Muster, über Leitmotivik oder von mir aus auch rein klanglich, was auf Romanebene mE noch nie gelungen ist, aber den Versuch wäre es wert) suchen. So eben auch Hool. Das ist eine Aneinanderreihung von mehr oder minder interessanten Erlebnissen und Rückblenden, bei denen in vielen Fällen noch nicht einmal ersichtlich ist, warum sie in dieser Reihenfolge erzählt werden. Da gibt es keinen roten Faden, kein Ziel, aber auch nichts im Text was die Abwesenheit des roten Fadens zum „Feature“ machen würde. Ein Roman, der sich darin gefällt wie eine knallharte Millieustudie rüberzukommen, der dabei allerdings vor allem plätschert. Plätschert! Und der nicht nur als Roman nicht funktioniert sondern eben auch als Milieustudie: Denn einem Studiencharakter steht wiederum das aufs Besondere gebürstete Ensemble entgegen. Einfach nur Alltag unter Hooligans, das ist wohl nicht genug. Und so kauft der Vater des Protagonisten zB uA ernsthaft einen Tiger…

Voll und ganz stimmt auch was David Hugendick in der Zeit kritisierte:

„Denn so genau die Milieuechtheit des Ich-Erzählers auf den ersten Blick auch wirkt: Oft lässt Winkler Heiko Sätze sagen, in denen er so etwas wie Schönheit erzwingen möchte, die nicht so recht hineinpasst. Auf Stellen wie „Im Zapfhahn schütten wir uns noch schnell ein Bier vom Fass in die Hälse“ kommen aufgespreizte Beschreibungen: „Der weichgezeichnete Umriss der Stadt baut sich im bläulichen Morgenlicht vor uns auf.“ (…) Da stehen Volvos im „fahlen, indirekten Lichtschein“ an „langen baumüberspannten Feldwegen“ (…)“

Das ist alles ganz hübsch. Aber: Wer spricht hier? Heiko, der meistens Worte wie „affenfotzenverhurte Pissscheiße“ für das findet, was um ihn herum vorgeht? Oder nicht doch der Autor dahinter, den der Kunstwille ergriffen hat?“

Für gewöhnlich spricht nichts dagegen, das Banale oder das Hässliche mit morbider Schönheit zu überformen. Aber aus der sonst höchst naturalistisch präsentierten Ich-Perspektive funktioniert das nunmal nicht, wenn man nicht irgendwie etabliert wie der Erzähler zeitweise zu solchem Stilgefühl und Wortschatz kommt.

Bild: Kill von Hooligan. cc-by-2.0, zugeschnitten

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