Bemerkungen zu Dylans „Masked and Anonymous“

Dylans Masked and Anonymous kann man sich durchaus mal ansehen. Nicht nur wegen der Live-Auftritte und einer coolen japanischen Version von My Back Pages. Es ist tatsächlich die nachvollziehbarste Version dessen, was Dylan mit seinem Mythen-Mashup spätestens seit den 90ern künstlerisch versucht, von Heinrich Detering im 5. Kapitel seiner Stimmen aus der Unterwelt einzigartig dechiffriert.

Ein Mysterienspiel mit typenhaften Charakteren, die popkulturell überformt die immer gleichen Szenen des Glaubes, der Liebe, der Hoffnung in einem erbarmungslosen Spiel durchspielen, eine Einladung zur heiteren Resignation oder zum bedingungslosen sich dem absurden Dasein in die Arme werfen. Wobei Dylan so gesehen der einzige ist, der seine Rolle richtig, nämlich brechtsch-verfremdend spielt, während das restliche Starensemble sich das Konzept zerstörend naturalistisch gibt.

Kennt man weder Detering noch das Skript, steht man allerdings recht verloren vor einem mittelmäßigen bis trashigen Film. Schon allein weil die meisten sprechenden Namen aus dem Skript fehlen und aus dem Verhalten der Figuren wenig abzulesen ist, kann der Subtext von Masked and Anonymous auch bei genauerem Hinschauen kaum entschlüsselt werden. Das Problem mit den literarischen Weihen fast aller Songtexte Dylans wiederholt sich in deutlich augenfälligerer Weise: Auch wenn jede einzelne Banalität Weltliteratur und kulturellem Mythenschatz abgeschöpft ist gibt es keine textimmanente Möglichkeit von der Oberfläche zu Tiefenstruktur durchzudringen. Und die Oberfläche ist andererseits nicht derart künstlerisch durchgearbeitet, dass sie von sich aus das Angepeilte zu leisten im Stande wäre.

In der Musik überbrückt Dylans Vortragsweise oft spielend die Lücken zwischen den beiden Ebenen. Am Film treten die Schwächen deutlicher zu Tage.

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