Potter-Vorspiel: Heinleins Katze

Anmerkung zu Texten, die mit der Viele-Welten-Theorie operieren

„Es begann damit, dass ein Mann an meinem Tisch ermordet wurde, wie in einem schlechten Roman. Es führte dazu, dass ich wenig später von einer Frau vergewaltigt wurde, die zweihundert Jahre älter war als ich und darauf bestand, mich zu heiraten. Und beide wurden wir dann von einer Katze adoptiert, die durch Wände ging. Sie war noch sehr klein, und sie wußte es nicht besser.“

Dem Klappentext nach zu urteilen könnte dies ein mindestens kurzweiliger Roman sein, womöglich sogar ein anspruchsvolles Stück Science-Fiction. Und knapp das erste Drittel von Robert Heinleins Die Katze, die durch die Wände geht liest sich dann auch durchaus sehr interessant. Weniger wegen der titelgebenden Katze, als weil Heinlein darin wie so oft präzise und kompromisslos seine libertäre Vision entfaltet, die heute noch Libertäre und Anarchokapitalisten inspiriert. Darin gibt es keine Staaten und kein Recht auf Leben, das menschliche Überleben regelt der Markt. Ein von Heinlein ja mit den besten Absichten entworfene Szenario für den idealen Zustand der Menschheit. In dem die Ansprüche an die Selbstzurrichtung des Einzelnen durch und durch faschistisch sind, „Konzerne“  Territorien kontrollieren und Armeen und Polizei besitzen, der Staat ist also keinesfalls verschwunden. Insgesamt zeigt Heinlein die zu erwartende Refeudalisierung der Gesellschaft, die das zu Ende Denken jeglicher libertärer Vision mit sich bringt. Der ganz und gar entfesselte Markt: das ist Mittelalter mit Laserkanonen und Hoverboards. Das ist zugleich der Antimarkt: das bestellte Feld für den reinen Kampf ums Dasein, mit Bandenbildung und gesellschaftlicher Erstarrung als Folge.

Wenn nach etwa einem Drittel des Textes der Protagonist die Titelkatze trifft verliert Die Katze, die durch die Wände geht leider abrupt an Fahrt. Die Gründe dafür sind so einfach, wie sie bis heute von zahlreichen Science-Fiction-Autoren regelmäßig verdrängt werden. Die Katze nämlich ist ein Wesen aus einem Paralleluniversum (und macht „irgendwas mit Quanten“, uhuhu), und nimmt den Protagonisten mit auf eine Reise durch die Universen, auf der allerlei Abenteuer bestanden werden müssen und ein mächtiges Komplott aufgedeckt. Doch je weiter man liest, desto mehr stellt sich die Frage: Warum sollte mich das interessieren? Nach der von Heinlein ausgebreiteten Variante des Viele Welten Modells spaltet jede Entscheidung unseres Protagonisten (oder vielmehr jeder Moment in jeder Welt usw.) das Universum in einer Weise auf, nach der für jede Möglichkeit ein neues Universum entsteht. So faszinierend diese philosophische Spielerei insbesondere auf pubertierende Denker wirken mag, so kontraproduktiv ist sie in einem Roman, der davon lebt, dass ich mich für das Schicksal zumindest einiger der Charaktere interessiere. Ein Show-down etwa, der in einem Wild-West Szenario spannend sein kann wird belanglos, wenn nach der Schießerei unzählige unterschiedliche Dimensionen existieren, in dem mal der eine, mal der andere Kontrahent, mal mehr, mal weniger verletzt überlebt. Das Viele-Welten-Modell ist nicht kunsttauglich.

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