Dylan parodieren: Wie?

These: Gut parodieren oder sogar recht stilgetreu imitieren lassen sich Autoren, bei denen zumindest von Zeit zu Zeit eher eine Form einen Text hat als ein Text eine Form.

Formen, die einen Inhalt haben

Was meine ich? Beispiel: Rilkes Sonett “Die Fensterrose” mit den sich über mehrere Verse entwickelnden Gedanken, den Zeilensprüngen, der zweifachen Spiralstruktur und der plötzlichen Übertragung des Kreis-und-Greif-Bildes (Die Katzen, der Blick) auf die Fensterrose zum Schluss, wobei man nicht ganz sicher sein will ob das heiligt oder profanisiert, “besitzt” seine Form ganz. Obwohl die Sonett-Hülle zu dem Zeitpunkt gut 600 Jahre alt ist.

Über manch anderes Sonett aus den neuen Gedichten wirkt die Form gewaltsam gestülpt. Die Form hat ein Gedicht, nicht andersrum. Es könnte fast jedes Gedicht sein. An Rilkes größte Texte heranreichen ist ein gewaltiges Unterfangen. Ihn halbwegs glaubhaft oder parodierend nachzuahmen ist allerdings recht einfach. Nur muss man das Arbeitsschema kennen.

Das Dylan-Schema:

Heinrich Deterings “Die Stimmen aus der Unterwelt“ hat mir jetzt erstmals das Arbeitsschema des verehrten Bob Dylan nachvollziehbar enthüllt. Den hielt ich in meinen späteren Teens für unerschöpflich tief, habe ihn immer gern gehört, doch mit zunehmendem Verdacht, dass er vor allem ein geschickter Spieler mit Bedürftigen sei, die gern an komplexen Formulierungen und Literaturverweisen herumknabbern. Ein 75jähriges Wahlross, coo coo cachoo !

(Eine längere Arbeit dazu ist in der Mache, mal sehen ob sie auch nach draußen dringt)

Aber eine Imitation oder auch Parodie zu schreiben fiel mir bisher schwer. Warum?

1)Stringenz! Immer habe ich versucht die einzelnen schillernden Bilder zu einem sauber geschlossenen Ganzen zu komponieren.

2) Dann: Wo er die Bilder nehmen? Wie fallen einem ständig absurde Dinger ein wie “You have many contacts / Among the lumberjacks / To get you facts / When someone attacks your imagination”?

3) Ehrfurcht (zuerst)/Herablassung (später). Wenn du wie Bob schreiben willst, musst du dein Bestes abliefern. Oder: Das ist ja alles so konfus, damit sollte man sich gar nicht mehr abgeben. Beides macht das Schreiben unnötig schwierig.

Lass den Leser (Hörer) arbeiten…

Detering hilft, weil er zeigt wie exzessiv Dylan, grade wo er am originellsten wirkt, obskure Zitate zusammenklaubt, und ebenso, weil er den idealen Hörer darstellt, den Dylan so gern verarscht. Detering findet immer Bedeutung.

Und so habe ich mich denn nach Lektüre von “Die Stimmen aus der Unterwelt“ mal wieder an ein Songwriting-Experiment gemacht. Von 5 Freunden (yeah, da steckt schon mal Blyton drin) ließ ich mir je eine Zahl zwischen 1 und 300, zwischen 77 und 3000, und zwischen 1 und 142 schicken. Ein Lieblingslied, zwei Tiere, einen Beruf, ein Getränk, eine Speise oder etwas, das man unter der Motorhaube eines Autos findet, sowie ein historisches Ereignis.

… und die Crowd

Die Zahlen waren Seiten aus dem Shahnameh, meiner Shakespeare-Gesamtausgabe und je eine Zeile aus Howl. Aus den Liedern habe ich wahlweise Zitate, Charaktere oder Titel entnommen, einige der Tiere haben Sprechrollen bekommen, der Rest wurde für bekloppte Bilder ausgeschlachtet. Aus Ozelot wird zb Dwarf-Leopard, Leopard-Dwarf, Leprous Dwarf. Und wenn gar nichts mehr ging zog ich mir eine Wendung aus dem Hintern oder habe direkt bei Dylan geklaut (er wirds verkraften). Ganz vergessen habe ich übrigens, meinen Bibelzitate-Generator einzusetzen…

Das entstandene Lied heißt „Floating all Night“, Schreibzeit ca 1 Stunde. Über etwaige Rhythmusschwierigkeiten kann man sich durch krächzend-nasalen Gesang und Improvisationen auf Gitarre oder Mundharmonika hinweghelfen… je nachdem wie man die Titelzeile intoniert, die auch einen Mini-Refrain darstellt, überbrückt man den Raum zwischen den Strophen.

Floating all night

Floating all night, submarine flight
to her place by the river
Jack grew as tall as a cypress tree
drew an arrow from his quiver

and we where sipping rhubarb juice
in the gloomy sparkplug-light
shivering, listening to the news
St. Gregory had died

your mothers time of anxiety
and sorrow is still to come
said the raccoon to the leprous dwarf
with a petrochemic frown

lets leave this town when the neon’s down
the leprous dwarf replied
(but its alright)

            … floating all night!

***

mouth-wracked and with battered beaks
the ducklings met the day
the gentle brute rose to a lucky streak
in the ides of may

I don’t know who’s controlling you
but i think there’s blood on the track
don’t lose your head for the sake of your heart
the plumber called out to jack

no, none of us will deny to dance
the bees were teasing the bear
but we wont lie, we are not ok
drained of brilliance in the drear

and I said to jack, yes, your lady is here,
why don’t you sit down, have a bear?
(its all right)

            … floating all night…

***

from holy laughter the river rang
They saw it with their wild eyes
a guitar wept in the distant past
and du fu was cooking rice

the crayfish and the unicorn
were chattering noisily
an Suzanne was tooting her own horn
while jack was insulting me

is there no gentleman of name
to lift this awful plight
and why did hamlet grow so weird?
the ducklings fled in fright

and on dargui’s plain in poring rain  
burned khomeinis angry beard
(its alright)

             … floating all night!

***

Now I took off my green glasses
and had some ginger tea
jack was hunting asses
in the Arabian Sea

Children, under stairways
were writing silly songs
Suzanne dancing naked
jack had run of with her thong

yes, death seems quite romantic
and wild metaphors quite lame
but over Prosperos antics
you are laughing all the same

mad kittens roaming negro streets
harvard scholars yawn..
red kite greeting the morning light
the violet hour has come
(it’s all right)

           Floating all night.

Rep. Ad infinitum in a more and more joyous tune

Bild: Xiart.at. CC-BY-3.0, zugeschnitten

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