Tiger und Opium – Life of Pi

Life of Pi – Es fasziniert, wie sehr man im Allgemeinen doch noch immer bereit scheint, Erzählerintentionen (oder gar Autorenintentionen) ohne kritische Prüfung für die Aussage eines Textes zu nehmen. So bescheinigt etwa Ilja Trojanow Life of Pi (Schiffbruch mit Tiger) zwar eine „postmoderne Remix-Religiosität“, aber doch eben Religiosität und niemand anderes als Barack Obama frisst Pi’s Köder ganz, und nennt das Buch „an elegant proof of God, and the power of storytelling.“

Wir erinnern uns. Ein junger Inder wird mit verschiedenen Tieren schiffbrüchig und dressiert einen Tiger um nicht von ihm gefressen zu werden. Später im Buch erzählt er eine alternative Geschichte:

„Auf dem Rettungsboot befinden sich nun neben Pi ein französischer Koch, ein Matrose, der sich beim Sturz ins Rettungsboot ein Bein gebrochen hat, und Pis Mutter. Der Koch amputiert das Bein des Matrosen, um es als Köder für die Fische zu verwenden. Langsam stirbt der Matrose, und der Koch isst das Fleisch des Matrosen. Nachdem der Koch auch Pis Mutter umgebracht hat, wird er bei einem Streit mit Pi schließlich ebenfalls getötet. In der Einsamkeit, die nun beginnt, wendet sich Pi Gott zu.

Am Ende seiner Erzählung lässt Pi den Erzähler entscheiden, welches die wahre und bessere Geschichte sei. Als dieser zugegeben hat, dass er die Wahrheit nicht erkennen könne, die Geschichte mit den Tieren aber wohl doch die bessere sei, antwortet er ihm: „Und genauso ist es mit Gott“.“

Der Gottesbeweis (bzw das „im Zweifel für Gott – Argument“) soll nun darin liegen, dass man sich bei zwei gleichwertig unüberprüfbaren Geschichten doch aus pragmatischen Gründen für die schönere (weniger schmerzhafte) entscheiden könne. So hält es denn auch der Erzähler zweiter Instanz, der Pis Geschichte aufnimmt und in einem Buch verpackt.

Aber ist es wirklich so einfach? Sollte man dem Leser nicht zumuten, die Tigergeschichte mit der zweiten zumindest Abzugleichen und auf Ungereimtheiten zu prüfen? Warum schmeißt Pi Richard Parker (dem Tiger!) einen Rettungsring zu? Wieso wird der durch diesen ermutigt? Warum gibt Pi die absolut vernünftige Idee, auf dem Floß zu verharren und den Tiger verhungern/verdursten zu lassen (ewig wird der nämlich von Salzwasser auch nicht leben können) so schnell auf? Warum spricht der Tiger mit dem französischen Akzent des Kochs aus der zweiten Geschichte? Yann Martel hat, obwohl seine andren Veröffentlichungen nahelegen, dass er ein gläubiger Mensch sein könnte, durchaus einige Hinweise darauf gestreut, welche der beiden Geschichten die plausiblere ist.

Damit aber verschiebt sich der Bewertungsrahmen des Buches. Jene Geschichte, die uns Gott näher bringen soll wäre dann nur noch das falsche Alibi eines Menschen, der den Mord an der eigenen Familie miterlebt hat und den Mörder selbst zur Strecke gebracht. Während Pi so tatsächlich viel Verständnis weckt für die Bedeutung einer Gottesvorstellung in einer schlechten Welt, sagt er über die Existenz Gottes nichts, vor allem aber nichts positives aus. Religionsphilosophisch ist Life of Pi also wohl im besten Sinne marxistisch, mit einem kleinen, aber weitreichenden Twist: Religion mag das Opium des Volkes sein, aber damit sie sich ohne Drogen ertragen ließe, müsste die Welt eine andere sein.

Bild: Bengal Tiger yawning, von Karthik Easvur, CC-BY-4.0, zugeschnitten

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