Ultranüchterne Biografie eines jüdischen Flüchtlings. „Der versperrte Weg“ ist ein Roman, weil es auf dem Titelblatt steht.

Der versperrte Weg“ von Georges-Arthur Goldschmidt. Ich weiß wirklich nicht, was dieses Buch überhaupt sein will. Es wirkt irgendwie, als habe der Autor den Beweis antreten wollen, die Behauptung, man könne über moderne Themen nur formal und stilistisch modern schreiben, sei Quatsch, und als sei er damit heftig auf die Nase gefallen. Auf der anderen Seite: Auch wenn Goldschmidt seine Geschichte heruntererzählt, es habe das 19. Jahrhundert nie geendet – das stimmt nicht ganz. Es fehlt jegliche literarische Ausschmückung, jeglicher Versuch, sprachliche Bilder zu schaffen, alles, was den Roman vom bloßen Bericht einer Biographie distanzieren könnte.

Der versperrte Weg“ erzählt die Geschichte von Erich. Jude in Deutschland, allerdings ohne jegliche religiöse Verbindung zum Judentum. Stattdessen als Kind und Jugendlicher sehr begeistert von Militär und Fahneneid. Er merkt, dass für ihn kein Platz mehr ist, als er nicht zur Hitlerjugend darf und auch von weiteren Aktionen immer mehr ausgeschlossen wird. Die Eltern schicken ihn zuerst mit dem kleinen Bruder nach Italien, dann nach Frankreich. Die Deutschen rücken vor. Er schließt sich der Resistance an. Der Krieg ist vorbei. Das Buch auch. Etwa so, wie ich das hier erzähle, ist es im Buch auch erzählt, nur mit ein paar Worten mehr. Ein Beispiel aus der ersten Hälfte:

“Er hatte sich rasch eingelebt, das Internatsleben schien ihn wenig zu stören, die Zeiteinteilung war ein Rahmen , in dem er sich einrichten konnte. Vom Krieg merkte man nichts, es wurden sogar Ausflüge ins Gebirge unternommen, er sah den Mont Blanc, den riesigen, schneebedeckten Berg, der den gleichen Namen trug wie der ersehnte Füllfederhalter. Sie wurden beide mehrmals in das Chalet der reichen Kusine eingeladen, wobei er seinen Unmut zeigte und dem kleinen Bruder die Freude vergällte. Aber schon mit den ersten Maitagen entstand im Internat eine sonderbare Unruhe, es kamen neue verstörte Kinder an und andere waren plötzlich nicht mehr da. Immer wieder hörte man die Kurbel des Telefons und oft unbekannte Stimmen, die im Büro der Direktorin irgendeine Pariser Telefonnummer verlangten, wie SEG O7 15 oder ODE 27 12. Erich stellte sich Paris vor mit der Metro, dem Eiffelturm, den großen Hotels, da wollte er hin.”

Und folgendermaßen wird auf etwa einer Seite die Wandlung von einem glühenden deutschen Nationalisten zu einem, der jetzt anscheinend das französische Militär für unfehlbar hält und dann sofort zum Resistance-Kämpfer wird, abgefrühstückt:

“Erich war ein wenig erstaunt, als man ihm nicht das ewige »Ihr habt den Heiland getötet« präsentierte. Pater Ravanel verschwieg keineswegs die Verantwortung der katholischen Kirche, die jahrhundertelang, seit 1306, den Juden den Aufenthalt in Frankreich verboten hatte. Erst 1791 wurden sie Staatsbürger und konnten alle Berufe ergreifen und auch Beamte werden. Rasch wurden sie Franzosen wie alle anderen. Wenn sie so sehr auf Profit aus seien, sagte er, dann wegen der Verfolgung seit Jahrhunderten. Das Geld sei der einzige Ausweg zum Überleben gewesen, da sie nur Geldgeschäfte machen durften, was den Christen von der Kirche verboten war, so hatte man die Schuldigen gleich zur Hand. Erich wunderte sich, solche Worte aus dem Mund eines katholischen Priesters zu hören: »Aber Dreyfus war doch schuldig, oder?« So hatte er es immer gehört. Der Pfarrer, der aber sehr viel Charles Péguy gelesen hatte und auch dem Verlauf von dessen Rehabilitierungsprozess beigewohnt hatte, bewies ihm die Unschuld des Kapitäns Alfred Dreyfus. Irgendwie, fast unbewusst, hatte Erich seine Schuld vermutet. Es konnte doch nicht sein, dass sich die große Französische Armee geirrt oder dass man sie durch irgendeine Machenschaft betrogen hatte. Alles in ihm war überdeutlich, klar, massiv und durchsichtig, er stellte sich mit ganzer Kraft der Résistance zur Verfügung, er wollte unbedingt zur Befreiung Frankreichs beitragen und doch war er ein Feind, einer von denen, die man loswerden musste, zu denen gehört er von vornherein –als Jude, und hier als Deutscher.”

Ich mach das am besten nochmal ganz klar: Beide Textstellen sind nicht etwa böswillig herausgegriffene zusammenfassende Passagen in einem sonst plastischer erzählten Roman. Das ganze Buch von 1924 bis 1945 plus ein kleiner Ausblick, der bis 2011 reicht, ist genau so erzählt.

Wie gesagt. Ich weiß nicht, was dieses Buch soll. Soll diese absolut nüchterne Berichts-Stil irgendwie die Grausamkeiten adäquat fassen? Soll er einer Figur angemessen sein, die sich bis zu einem gewissen Grad stets mit den Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft identifiziert? Thematisch ist derweil in „Der versperrte Weg“ nichts neu. Für einige Leserinnen und Leser vielleicht, dass es Juden gab, die sich auf sehr radikale und nationalistische Weise mit Deutschland identifiziert haben und vielleicht sogar gern beim NS mit getan hätten, wenn er nicht gegen Juden gerichtet wäre. Wer sich aber ein wenig mit NS-Geschichte beschäftigt hat, weiß das.

Erich etwa hegt stark antisemitische Vorstellungen, die er allerdings nur auf die sogenannten „Ostjuden“ projiziert. Dass er selbst kein Jude ist, zumindest nicht „so einer“, bleibt ihm lange wichtig. Aber ich glaube, auch dass es solche Handlungen geben konnte und gab, dürfte sich langsam herumgesprochen haben. Und erzählerisch macht „Der versperrte Weg“ eben nichts, um diese Haltung interessant zu gestalten. Wir bekommen von Erich kein Innenleben präsentiert, keine Konflikte. Immer nur: Erst ist das passiert. Dann ging er dorthin. Mit ganz viel Glück einmal: Dann hat er das und das gedacht, gefühlt. Einige Dinge werden trotz der Kürze des Buches schmerzhaft oft wiederholt. Ich denke, dass es Erich enttäuscht hat, dass er nicht zur Hitlerjugend durfte, dürfte im Roman fünf bis zehn Mal erwähnt werden, ohne dass die weiteren Erwähnungen einen erzählerischen Mehrwert haben. Kaum denkbar, dass jemand das über die knapp 100 Seiten vergisst.

Nein „Der versperrte Weg“ ist definitiv kein guter Roman. Ähnlich wie im Fall von „Vater und Ich“ könnte man den Text ebenso gut als einfache Biografie lesen, doch während „Vater und Ich“ dabei so klug komponiert ist, dass man auf 100 Seiten erzählerisch dicht vermittelt bekommt, was andere Texte auf 300 nicht vermitteln, hat man das Gefühl, dass „Der versperrte Weg“ noch immer 70 Seiten zu lang ist für das, was wirklich erzählt wird.

Bild: Pixabay.

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