Archetypische Geschichte der beginnenden Moderne. „Der Himmel vor hundert Jahren“ von Yulia Marfutova.

„Der Himmel vor hundert Jahren“ von Yulia Marfutova ist der 8. Roman unter den Kandidaten für den deutschen Buchpreis, den ich gelesen habe und der erste, mit viel Wohlwollen der zweite, den ich für halbwegs preiswürdig oder überhaupt shortlist-würdig halte.

Es handelt sich um die dicht erzählte Geschichte eines russischen Dorfes an einem Fluss vor etwa hundert Jahren, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Der Stil lässt das Dorf sehr lebendig werden: Ein indirekt freier Stil, der von Figur zu Figur springt, mit der Familie des alten Ilja im Mittelpunkt, der mittels eines „magischen“ Gegenstandes, den man als Thermometer erkennt, das Wetter vorhersagen kann, seiner Frau Inna und der Enkelin Anuschka, die den Kosenamen ab der Mitte des Buches ablegt als Zeichen, dass sie jetzt erwachsen sei und sich fortan Anna nennt. Die Erzählung ist durchsetzt von Sprichwörtern, Neologismen, Gedankenströmen und anderen Merkmalen fingierter Mündlichkeit bzw. fingierter Gedankenwiedergabe sowie von Erinnerungen sowie Motiven aus Märchen und weiteren Elementen der Folklore. So wirkt das Dorf sehr glaubhaft, es wird eine sehr überzeugende Atmosphäre vermittelt und der Text liest sich sprachlich durchweg überzeugend.

Marion von Schiefgelesen hat in ihrer Besprechung bemängelt, dass von der Handlung wahrscheinlich nicht viel in Erinnerung bleiben wird. Ich kann mir das vorstellen, doch glaube, dass das nicht an einer schlecht erzählten Handlung liegt. Vielmehr ist die Handlung so prototypisch, dass man glaubt sie schon zu kennen (ich hatte teilweise das Gefühl, das Buch schon gelesen zu haben und tatsächlich ist etwa der erste Teil von Gusel Jachinas „Wolgakinder“ sehr ähnlich) und womöglich könnte diese spezifische Handlung sich in der Erinnerung rasch in dem größeren Komplex in der folgenden prototypischen Geschichte auflösen:

In einem der Weltgeschichte scheinbar entrückten Dorf werden dennoch deren Auswirkungen subtil spürbar. Jemand von außen kommt herein und fungiert als Katalysator. Ein junger Mensch, oft eine junge Frau, wird davon besonders affiziert und emanzipiert sich aus der Enge des Dorfes, ohne unbedingt komplett die von außen herangetragen Denkweise zu übernehmen.

Ja, diese Geschichte ist ein moderner Archetyp, aber was soll’s. Ich sagte es schon einmal: Es gibt sowieso nur eine Handvoll Handlungen, die in der Literatur immer wieder variiert werden. Auf die Ausführung kommt es an. Und die ist im Großen und Ganzen wirklich gelungen. Die Figuren wirken plastisch, man wird sie nicht so schnell vergessen. Das Dorf wie gesagt: sehr überzeugend. Und der Text insgesamt: kurz genug um nicht zu langweilen oder zu zerfallen. Eine Schwäche vielleicht: Wadik, die Figur, die von außen kommt, ist am wenigsten plastisch realisiert. Das sorgt dafür, dass die Schlussphase eher auf der Stelle zu tritt. Die Beziehung vom Outsider zum Insider, die Flucht des Outsiders von der Außenwelt, aus der er kommt, die Grümde dafür und die Implikationen für die Dorfgesellschaft, das ist etwa bei Jachina konkreter und deutlich mitreißender inszeniert. Auf der anderen Seite verliert sich „Wolgakinder“ dann allerdings in so vielen Nebenhandlungen, dass ich im Großen und Ganzen „Der Himmel vor 100 Jahren“ doch vorziehe.

Bild: Pixabay

7 Gedanken zu “Archetypische Geschichte der beginnenden Moderne. „Der Himmel vor hundert Jahren“ von Yulia Marfutova.

  1. schiefgelesen sagt:

    Mich hat es tatsächlich sehr an „Baba Dunja“ erinnert – hatte ich das schon gesagt? Es bleibt eine diffuse Erinnerung an ein überaltertes aber charmantes Dorf in Osteuropa. Gut, dass wir nochmal darüber reden – ich weiß tatsächlich nicht mehr, worum es ging, außer Revolution. Aber gerne gelesen hab ich es, das weiß ich noch.

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    1. soerenheim sagt:

      Baba Dunja, wollte ich schreiben, kenne ich noch nicht… Aber nach googlen glaube ich, ich habe es doch schon gelesen. Aber da ging es mir so. Gar nicht so schlecht gefunden und trotzdem wieder weitgehend vergessen. Die archetypische Geschichte & diese Atmosphäre findet sich zB auch schon (als eine von vielen Erzählungen) in Melnikovs Wälzer „In den Wäldern“ (https://soerenheim.wordpress.com/2019/11/13/ein-in-deutschland-fast-vergessener-grosser-russischer-roman-in-den-waeldern-von-pawel-iwanowitsch-melnikow/)
      Und ich glaube wenn man in der Erinnerung gräbt finden sich weitere Beispiele… Ich war nur einen Monat in Russland, aber verstehe schon dadurch gant gut, woher dieses Szenario kommt. Selbst Kursk (2009) mit seinen 300 000 Einwohnern hat sich gewisserweise isolierter angefühlt als Bingen. Alle Elemente unserer Zeit waren irgendwie da, aber auch seltsam verzerrt. Eine „Mall“ als Stadtzentrum, ein Theater, das dann eben das Theater ist, ein Kino, teure Mode, aber meist aus den ca 20 Second-Hand-Läden und „moderne“ Pop-Musik, u.a. erschreckend oft Modern Talking. Die nächste Stadt 3 Stunden mit dem Zug, keine Dörfer dazwischen. Internet instabil und quälend langsam und wir, die Studentischen Gäste einfach wirklich auffällig als „Fremde“…

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