Was ist Space-Fantasy?, oder: Die Reise zu den Türmen von Eden lohnt sich.

Eigentlich hatte ich mir „Die Türme von Eden“ von Alessandra Reß als Parallel-Lektüre zu meiner Zola-Rezensionsreihe ausgeguckt, die auf die Balzac-Reihe folgen soll (Ich weiß, zu viele Pläne parallel…). „Space-Fantasy“ klang nach leichterer Lektüre… Da hatte ich mich verrechnet. „Die Türme von Eden“ ist wirklich kein ganz einfaches Buch, es braucht die komplette Konzentration.

Zum Einstieg wird man mit mehreren Gruppen von Figuren bekannt gemacht, von denen lange nicht klar ist, ob sich eindeutige Hauptfiguren herausschälen. Auch die Welt, in der das Ganze spielt, ist durchaus komplex. Grob gesprochen gibt es ein Glaubenssystem, das von der Sekte der „Liminalen“ aktiv verbreitet wird, und in dessen Zentrum „Engel“ genannte Wesen und ein verborgener Planet Namens Eden stehen. Menschen, die sich würdig erweisen, können angeblich zu Engeln aufsteigen. Eine Art Antagonist bildet die skeptische Gruppe der „Suchenden“, die versucht hinter das Geheimnis der Engel und Edens zu kommen, jedoch nicht davon überzeugt ist, dass es sich hierbei tatsächlich um Wesenheiten im Sinne der Religion handelt.
Die Handlung fokussiert sich einerseits auf mehrere Figuren, die bei den Liminalen als Novizen eintreten, darunter Keri, die eine Schande über ihre Familie gebracht hat und Dante, der sich als Spion einschleicht. Der andere Fokus ist eine Gruppe Suchender, die sich auf einer Mission gegen die Liminalen befindet. Ich möchte zum Verlauf der Handlung nicht zu viel verraten, denn das Verwirrende zu entwirren ist sicherlich ein zentraler Teil der Lese-Erfahrung.

Hervorgehoben dagegen sei: Die zwar lose an christlichen und anderen Mythen orientierte und in den Weltraum entrückte Welt ist sehr überzeugend entwickelt. Sie wird in einer Weise ausgebreitet, die ich in Fantasy-Kritiken häufiger nahelege, nämlich im Großen und Ganzen so, als sei sie das Normalste von der Welt. Nicht wie etwas, das der Leserschaft erklärt werden muss, sondern etwas, darin sich LeserInnen selbst bewegen. Das macht den Einstieg natürlich schwerer, als wenn wie im Paradebeispiel Tolkiens erst ein weißbärtiger Zauberer und dann die Mitglieder einer Ratssitzung massig Exposition ausschütten. Es sorgt aber dafür, dass man eine Welt tatsächlich erfährt, erlebt, so, wie man ja auch, wenn man einen Roman von Mwangi liest, nicht erwartet, dass erstmal auf 50 Seiten politisches System und Geschichte Kenias erklärt werden. Eine in einer anderen Rezension geäußerte Kritik, in dem Roman werde zu viel theoretisiert, kann ich daher überhaupt nicht nachvollziehen. Ja, manche Figuren theoretisieren über die Welt in der sie leben und über die Frage, ob es etwas jenseits des rein Physischen gibt. Aber: Niemals so, dass man den Eindruck hat, das geschehe nur für die LeserInnen. Sondern eben, weil die Figuren sich im Rahmen der Handlung und ihrer Welt mit metaphysischen Spekulationen auseinandersetzen. In einem Roman über Luther würde man sich doch auch über theologische Disput nicht beschweren.

Sehr gelungen auch, dass es nicht einfach ist, in diesem Roman Seiten zu wählen. Wie viel wahr ist an der Religion der Liminalen und wie viel Unsinn, und wer daran tatsächlich glauben mag und wer Glauben zum Zwecke politischer Beeinflussung verbreitet – Die Motivation der Figuren auf Seiten von Liminalen und Suchenden sowie in den Bereichen dazwischen sind jeweils plausibel, sowohl auf der pragmatischen Ebene als auf der psychischen/metaphysischen. Es dauert angemessen lang, bis hierzu ein informiertes Urteilen möglich wird und selbst dann bleiben Restzweifel, die sich daran knüpfen mögen, welches Potential man selbst zur Zeit in der Menschheit noch sieht…

Also: Wenn ihr euch auf den ersten 50 Seiten ein wenig überfordert fühlt: Bleibt dran. Wer nicht erwartet, dass alle Konflikte in einem Roman sich einfach nach Gut oder Böse auflösen lassen und dass alle Fragen eine einfache Antwort bekommen, findet hier ein weit überdurchschnittliches Werk der… ja, was eigentlich? Verlag und Autorin bezeichnet „Die Türme von Eden“ als „Space-Fantasy“. Ich denke durchaus, dass sowohl Freunde der Fantasy also auch der Science-Fiction auf ihre Kosten kommen könnten.

Allessandra Reß bloggt selbst auf Fragmentansichten zu Themen rund um phantastische Literatur.

Bild: Pixabay

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