Auch Kurzecks „Kein Frühling“ fehlt etwas…

Kein Frühling, gewissermaßen das literarische Gegenstück zum mündlich arrangierten Ein Sommer der bleibt war unter den Texten der ersten Werkhälfte Kurzecks (warum es sich dabei um die bessere Hälfte handelt, habe ich im Artikel zu Keiner stirbt schon einmal angedeutet), der Text, auf den ich mich am meisten gefreut hatte. Meine Gedanken vor der ersten Lektüre vor vielen Jahren gingen in etwa so: Kurzecks Verfahren ist darauf ausgerichtet, detailreich und minutiös zu schildern, eine Welt quasi durch Ästhetisierung zu bewahren. Sollte das nicht noch besser gelingen, wenn der Autor sich nun endlich einmal auf einen ganz engen Raum beschränken kann, man könnte sagen, die Einheit von Ort, Zeit und Handlung sicherstellt, noch dazu den Raum, an dem er die meiste Zeit verbracht hat? „Staufenberg im Kreis Gießen“. Das ist unter Kurzeck-Lesern ja beinahe zum geflügelten Wort geworden.

Doch Leider: Die Rechnung geht nicht auf. Schon an Keiner stirbt habe ich bemängelt, dass dem Text im Gegensatz etwa zu Das schwarze Buch etwas fehlt, um die einzelnen Anekdoten zusammenzuhalten und dazu zu animieren, das Ganze von vorne bis hinten durchzulesen. Das gilt auch für Kein Frühling, doch noch einmal in deutlich verschärfter Weise. Es scheint, es braucht bei Kurzeck dieses zwieschlächtige aus Ländlichkeit, ja, Dörflichkeit und verlotterte Urbanität, und das Pendeln zwischen den beiden Polen, um eine Form von Spannung zu erzeugen, die durch den Text trägt. Spannung nicht im Sinne typische Kriminalromane oder Hollywood-Filme nach dem Motto „Was passiert als nächstes, wer tötet wen, wer geht mit wem ins Bett“, sondern im Sinne von Oberflächen- und Tiefenspannung, einem anregenden sich aufeinander Beziehen der einzelnen Momente des Werkes. Hinzu kommt, dass genau diese Pendelbewegungen zwischen verschiedenen Lebens-Schlaglichtern in Stadt und Land auch das sind, woraus ich bei Kurzeck immer zumindest Rudimente einer Geschichte zusammensetzen.

In Das schwarze Buch ist diese am stärksten im Fokus und strukturiert tatsächlich den ganzen Text so weitgehend, dass man von einem Text mit Anfang und Ende sprechen kann. In Keiner stirbt lassen sich eher Binnenerzählungen ausmachen, während man zwischendurch schon ziemlich in der Luft hängt. Es gibt zwar auch einen Anfang und ein Ende, doch wenig Dynamik dazwischen. Im Fall von Kein Frühling ist da praktisch nichts. Es mag gewisse jahreszeitliche Gliederungen geben, und der Erzähler, der halb aus der Kindheitsperspektive spricht, halb wohl eher aus der eines Erwachsenen, der zurückblickt, wird möglicherweise im Verlauf des Buches älter. Die Hand würde ich dafür aber nicht ins Feuer legen wollen. Im Großen und Ganzen jedoch lassen sich die Großkapitel, also jene mit den fetten Satzanfängen und die kleinen, eine halbe bis zwei Seiten langen, Unterkapitel oder Absätze auch fast beliebig in anderer Reihenfolge anordnen. Man bekäme nicht das Gefühl, ein deutlich anderes oder gar ein schlechter strukturiertes Buch zu lesen. Gleichzeitig fehlt mir diese besondere Schönheit der Sprache, die ich in einzelnen Beispielen in meinen bisherigen Kurzeck-Besprechungen immer mal wieder hervorgehoben habe. Auch hier fällt auf, dass das transzendierende Moment bei Kurzeck oftmals genau aus der Poetisierung der Kontrast der entspringt. Natur-Erlebnis, aber mit Blick auf das Trampen und die nächste Jazzkneipe in Frankfurt. Die Poesie des einfachen Lebens, aber mit dem kleinen Sündenpfuhl, dem Teufelslustgärtchen Gießens im Hintergrund. Die Idylle eines Waldes, der aber eigentlich ein Stadtpark ist und gleich die Erinnerung an eine Tour durch Europa aufruft und das jetzige Leben kontrastiert mit der Jugend, in der der Stadtpark schon einmal als Wunderland erschienen. Und so weiter.

Das fehlt Kein Frühling. Das Buch versammelt schöne und dabei doch auch oft leidvolle Szenen aus dem Dorfleben der Nachkriegszeit, es macht den täglichen Kampf zwischen Lohnarbeit und Nebenerwerbslandwirtschaft spürbar, und für Menschen, die auf dem Dorf aufgewachsen sind, und sei es selbst noch in den 90er Jahren, hält es immer wieder Momente bereit, zu denen man sagt: Ja, das habe ich noch ganz ähnlich erlebt. Etwa diese Freiheit des Kinderspiels ohne playdates, stattdessen einfach wenn die Schule vorbei ist und man sich den Eltern entwinden konnte in Wald und Feld und am Fluss, soweit die Füße tragen. Aber das, was Kurzecks sechs Romane so herausragend macht, das hat Kein Frühling eben nicht. Ja, man kann mit Recht an der Bezeichnung „Roman“ zweifeln, die ich ansonsten durchaus möglichst breit appliziert wissen möchte. Wer die erste Werkhälfte Kurzecks schätzt, wird Kein Frühling dennoch lesen und besitzen möchten, einfach weil es Teil des über vier Romane ausgespannten Kosmos ist und gewissermaßen den Hintergrund bildet für alles chronologisch Spätere. Chronologisch begriffen mit Blick auf die Chronologie der Geschehnisse im Werk, nicht auf das Erscheinen der Romane.

Gelungener, ja, ich möchte sagen: auch literarisch gelungener, ist aber die mündliche Improvisation Ein Sommer der bleibt.

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