Ein Kurzeck, dem zu viel Struktur fehlt (d.h. noch mehr als sonst) – „Keiner Stirbt“.

Keiner Stirbt ist ein zwiespältiges Werk aus Kurzecks erster Schaffensphase (der, in der er noch Romane schrieb, und nicht Romane über Romane). Mit der Szene von den reifen Pflaumen enthält es sicherlich eine der schönsten, poetisch dichtesten Szenen in der deutschsprachigen Literatur. Und genial die Umkehrung von den Drachen, an denen unten kleine Kinder dran hängen. Und gerade der Anfang ist unvergesslich. Wie die beiden Protagonisten das falsche Dach decken und irgendwie versuchen, mit ihrem betrunkenen Fehler trotzdem durchzukommen. Oder zum Schluss, diese bittere Idylle des 87jährigen auf dem Land, den Horst Meier besucht, und dann dessen Rückblick in ein durch und durch gewalttätig-patriachales Leben als heftiger Kontrapunkt. Und Horst Meiers betrunkene Nachtfahrt und die Überlegungen, welches das beste (alkoholische) Getränk für solche Fahrten sei (Bier natürlich!). Lektüremomente, die man nie vergisst, Passagen, die ganze Romane enthalten und Bilder erzeugen, wie es nur wenigen Werken gelingt.

Aber im Ganzen…? Nun ja. Von Protagonisten zu sprechen ist eigentlich schon zu viel gesagt. Dem Werk fehlt der Rest eines roten Fadens, der etwa Das schwarze Buch gerade noch so zusammenhält. Auf der anderen Seite ist es zu lang, um ohne roten Faden zu funktionieren. Auch wenn „Keiner Stirbt“ thematisch den Erwachsenenromanen Kurzecks, vor allem dem schwarzen Buch, näher steht, nähert es sich damit bedenklich Kein Frühling, das auch mehr wirkt wie eine assoziative Kindheitserinnerung, die aus der Form gegangen ist. Keiner stirbt hat ähnliche Probleme, nicht ganz so sehr, aber man bekommt selten das Gefühl, dass es einen Grund gibt, dass man die einzelnen Szenen gerade in dieser Reihenfolge zu lesen bekommt.

Und dann sind da die Fußnoten. Meines Erachtens sind die in jedem Roman, in dem Fußnoten nicht integraler Bestandteil eines Erzählprinzips sind (wie etwa House of Leaves, so sehr ich dessen Qualitäten ansonsten bestreite), ein Hinweis darauf, dass ein Autor sich selbst seiner Verfahrensweise nicht ganz sicher ist. 90% der Fußnoten im Text sind einfach weitere Erzählung, die man hätte an der Stelle, an der das Sternchen steht, auch einfügen können. Weitere etwa 8 % sind weitere Erzählung, die man nicht hätte einfügen können, und daher besser an anderer Stelle ausgeführt oder gestrichen hätte. 1 bis 2% sind Bemerkungen zum Text und manchmal recht witzig.

Wer einmal Kurzeck wirklich gelesen hat, wird alles von ihm lesen wollen, zumindest aus der ersten Schaffensphase. Entsprechen kommt man auch um Keiner stirbt nicht herum. Dennoch: Dieser Roman hat seine Probleme und zeitweise kann das Weiterlesen fast quälen.

Bild: Pixabay-Lizenz

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