Biller, Schulz & Zimtläden

Dass ich auf Bruno Schulz kleines Büchlein Die Zimtläden stieß, verdankt sich einem Zufall. Ehe ich mich angesichts der heftigen Debatten um das Werk dann auch an Billers Biografie machen werde, wollte ich zumindest mal irgendetwas von diesem Autor gelesen haben, dem ich seine Unfähigkeit, die Bernardschen Wutkompositionen auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, nie wirklich vergeben habe. Was liest man also? Das Kürzeste: Im Kopf von Bruno Schulz. Und das ist tatsächlich eine nette kleine Novelle, sauber auskomponiert, geschickt changierend zwischen Momentaufnahmen des kleinstädtischen Drohobycz und einem fiktiven Brief Schulz‘ an Thomas Mann – ein wenig gewänne das Werk vielleicht noch, hätte man nicht doch alle paar Seiten das Gefühl Biller schiele mit dieser oder jener Formulierung vor allem auf die Provokation des verhassten deutschen Literaturbetriebs. Darin ist Biller dem Bernhard seiner Vorstellung unglaublich nahe. Trotzdem: Ein starkes Buch. Aber nichts gegen die Schulzschen Erzählungen, las man auf Amazon. Und tatsächlich sind dessen Zimtläden … Nein, ich möchte hier nicht zwei Bücher in einem Text besprechen, und da Schulz einer dieser Autoren ist, die zwar schreibend sehr unsicher sein mögen, was sie schreibend eigentlich tun, aber wenn es erstmal gelungen ist ein relativ genaues Gefühl dafür haben, was ihnen gelungen ist, lassen wir ihn in seinem „Expose über das Buch ZIMTLÄDEN“ einfach einmal selbst zu Wort kommen:

„EXPOSÉ über das Buch ZIMTLÄDEN

In diesem Buche wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Familie, eines Provinzhauses nicht aus ihren realen Elementen, aus Begebenheiten, Charakteren und den wirklichen Geschicken heraus zu begreifen, sondern über diese hinaus nach einem mythischen Gehalt, nach einem letzten Sinn jener Geschichte zu suchen.

Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, daß die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äüsseren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategoriedes Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinauswill, auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus. Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre – erschliesst dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.

Hier glaubt der Verfasser sich dem antiken Lebensgefühl nahe, er glaubt aus dem heidnischen Lebensempfinden heraus gestaltet, phantasiert und gesponnen zu haben, wie ja für den antiken Menschen die Genealogie des eigenen Stammes schon hinter der zweiten oder dritten ascendenten Generation ins Mythische sich verlor, der nach rückwärts gewandte Blick die Geschichte der Familie sich in Mythologie auflösen sah.

Was in diesem Buche jedoch geboten wird, ist keine irgendwie kulturhistorisch festgelegte, geschichtlich gemünzte Mythologie. Die Elemente dieses mythologischen Idioms entspringen jenem Dämmerreich der frühen Kindheitsphantasien, den Ahnungen, Ängsten, Antizipationen jener Lebensfrühe, die die eigentliche Wiege des mythischen Denkens bildet. Es galt, diesen mythischen Nebel zu einer zusammenhängenden und sinnvollen Sagenwelt zu verdichten ihn zu einer Art persönlicher und privater Mythologie ausreifen zu lassen ohne dabei den Boden des Autentischen zu verlieren.

Im Mittelpunkt der Handlung sehen wir den Vater eine rätselhafte Gestalt, Kaufman seines Zeichens, der an der Spitze einer Schaar dunkler und rothaariger Commis einem Tuchwarengeschäft vorsteht. Wir sehen ihn sich verzehren in ewiger Unrast, tief beunruhigt in seinem Herzen um das ewige Geheimnis, das Wesen der Dinge durch die gewagtesten Experimente immer wieder bestürmen und bedrängen. Diesem schwergeprüften und schicksalgeschlagenen Mann ist es vorbehalten, allein inmitten einer stumpfen und gleichgültigen, seinen metaphysischen Sorgen unzugänglichen Umgebung den Welterlösungsgedanken zu hegen, unter der Wucht einer metaphysischen Mission fast zusammenzubrechen. Seine fragwürdigen und ketzerischen Experimente rühren an den Kern des Weltgeheimnisses. Unaufhörlich reizt es ihn an den geheimen Knoten des Weltzusammenhangs mit frewlerischer Hand zu nesteln und zu fingern, das Welträtsel an seiner heikelsten Stelle zu kitzeln und zu provozieren,

Stammvater eines zahllosen Vogelgeschlechtes, das er in dem Räumen der einsamen Wohnung herangezüchtet hat, lässt er bunte Vogelzüge von Pfauen, Phasanen und Pelikanen aus den Fenstern in die abendliche Landschaft ziehen – Mittelpunkt ihrer Wanderungen, Wirbel und Kreise, bis Adele, seine Erzfeindin, das Stubenmädchen des Hauses diese wimmelnden Vogelschwärme in alle Winde zerstäuben lässt. Nach dieser Niederlage verkümmert er langsam, verdorrt – täglich kleiner in den einsamen Zimmern unter sorglosem Spiel, unsinnigem Geschwätz und Gezwitscher, kommt allmählich in den Räumen der großen Wohnung seinen Angehörigen ganz abhanden, bewahrt vielleicht eine Art Scheinleben in der Gestalt eines ausgestopften alten Geiers, und erscheint dann eines Nachts zu kurzem Besuch bei der Mutter als Commis voyageur, auf seinen Geschäftsreisen.

In uralter Fehde mit dem Schabengeschlecht, das die Wohnung eines Tages mit seinem schwarzen Gewimmel überflutet, wird er unmerklich durch den verzehrenden Hass in jene Irrgänge des Gefühls hineingezogen, wo der Abscheu in eine unheimliche Anziehung umschlägt und nimmt allmählich die Manieren und Lebensweise des verhassten Gezüchtes an. Der Verfasser lässt ihn immer wieder sich aus seinen Verwandlungen erholen und bald sehen wir ihn dann wieder ein Kolleg über Gliederpuppen, Mannequins und häretische Demiurgie vor einem Auditorium von kleinen Näherinnen halten, eine gelehrte Dissertation, in der er dem Demiurgos sein alleiniges Recht auf Kreation streitig macht und auf abwegige und ketzerische Methoden der Lebensbildung sinnt.

So lässt ihn der Verfasser von Abenteuer zu Abenteuer von Niederlage zu Niederlage seinen sonderbaren Weg ziehen umgeben von anderen Gestalten und Begebenheiten des Buches und von einer farbigen Landschaft umflutet, die in immer neuen Konfigurationen sein Treiben begleitet.“

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