Nachtrag. Serielle Unterkomplexität

Nehmen wir als Beispiel für strukturelle Unterkomplexität doch einfach nochmal die wie ja zugegeben hervorragendsten nicht-comedy Golden-Age Serie Die Sopranos.

Vergessenes Erzählschema

Da wird in den ersten Folgen ein Muster etabliert: Tony erzählt sein Leben in einer jugendfreien Nicht-Mafia-Form („I’m in waste-management“) einer Psychologin. Passagen der äußeren Handlung werden ins Gespräch geschnitten, das Gespräch beeinflusst spätere Handlungen. Das ist an sich schon nicht super-innovativ, es hat was von Zeno Cosini oder Elementarteilchen, aber es ist immerhin der Versuch einer mehrbödigen strukturellen Konstruktion. Rasch wird das dann aufgegeben, die Psychologin wird zu einem von mehreren Handlungsinhalten innerhalb einer frei auf Tony focusierten, tendenziell auktorialen Erzählhaltung. Warum man das macht ist einsichtig: Es wäre schwierig gewesen in das ursprüngliche Konzept Nebenhandlungen, bei denen Tony nicht zugegen ist, ohne weiteres zu integrieren (wir sind ja in Tonys Kopf während der anfänglichen Therapie und erleben sozusagen die „Realität“, was immer das ist, doppelt gefiltert, a) wie Tony sie vor sich selbst rechtfertigt und b) maffiafrei für die Psychologin übersetzt). Nicht unmöglich, aber sicher eine Herausforderung. Doch die Show wählt den einfachen Ausweg.

Vertane Chancen

Immerhin. Dafür können wir jetzt Nebenhandlungen bringen, Erzählstränge aufsplitten, was immer wir wollen! Und da sticht ja anfangs vor allem eines heraus: Chris Bestreben als Mafiafilmautor aus der Mafia herauszukommen, ohne jene vor den Kopf zu stoßen. Da könnte man nun die ganze postmoderne Trickkiste auspacken und macht das auch – allerdings nur beim zitieren von Mafiafilmen in eher mittelmäßigen Witzen der Mobster zwischendurch. Chris steckt dagegen relativ schnell auf und wird zu einem eher durchschnittlichen Mitglied der Familie, bis man sich in der fünften Staffel wieder an die Filmgeschichte erinnert. Vertane Chance. Ähnlich unentschlossen zeigt sich die Serie etwa in der Art und Weise wie sie Meadows Verhältnis zu der langsam gewonnenen Einsicht, dass der Vater wahrscheinlich auch über Leichen geht um die Familie zu versorgen, thematisieren soll. Man entscheidet sich für: Alle paar Folgen mal halbherzig. Mit Ausnahme von Tony und Carmela haben tatsächlich die wenigsten Charaktere eine kontinuierliche Psychologie bzw. ein kontinuierliches Innenleben, das sich in stringenter Weise auf den Verlauf der Serie auswirkt. Man verbleibt auf der Ebene gewisser Charaktermuster, die dann je nach Story mit allen möglichen wechselnden Inhalten gefüllt werden können. All das sind typische Entwicklungen in einem Produkt, an dem viele Autoren mitschreiben, wo vielleicht noch auf Krankheiten/Schwangerschaften/Drogenprobleme/Gefängnisaufenthalt von Schauspielern reagiert werden muss (legendär die vierte Staffel von Ally McBeal, die irgendwie um den eingeknasteten Robert Downey Jr herum aufgebaut werden musste) und wo natürlich immer wieder auf die Reaktionen des Publikums geschielt wird um den optimalen Fortgang zu bestimmen. Das war unproblematisch, solange nicht der Versuch gemacht wurde in Sachen Kontinuität und Geschlossenheit mit Film und Roman zu konkurrieren, solange Serien eine Wiederkehr des immer Gleichen mit Variationen im großen Maßstab inszenierten. Die Sopranos tut es, misst man das Produkt am eigenen Anspruch, weh.

Handwerk: Perspektive, Schnitt

Wenn man aufs Handwerk schaut sind Serien wie Die Sopranos dann natürlich tausendmal besser gemacht als Serien der achtziger oder neunziger Jahre. Das ist, was neben „Wagnissen“ wie Gewalt und Nacktheit von Verfechtern immer wieder als künstlerischer Anspruch besonders hochgehalten wird (auf die oben diskutierten Fragen schaut in Wirklichkeit ja keiner, Komplexität im Zusammenhang mit Serien meint den meisten am Ende eben doch lang, viel, düster und brutal). Aber stimmt das? Das mit dem Handwerk? Klar, es ist deutlich mehr Geld da als für eine Serie wie Eine schrecklich nette Familie. Aber Genreprimus Die Sopranos stinkt doch was den Einsatz der Kamera betrifft gegen jede mittlere Tarantino-Produktion ab. Prägend sind u.a.: Der Wechsel zwischen statischen und Handheld-shots, der Einsatz des Zooms zum Fokussieren der Perspektive auf Personen der Handlung, dazu  ein paar Aufnahmen, die wie voyeuristische Mitschnitte wirken, wie zufällig gedreht. Das ist sicher alles mustergültig, das könnte man als Hochschul-Anschauungsmaterial verwenden. Aber das ist auch alles wiedergekäut, fast schon Cliché. Als Meisterleistung etwa wird noch immer die letzte Sopranos-Szene gerühmt, in der eine Reihe aus Shots & Gegenshots uns nahelegt, dass wir die Szene aus Tonys Kopf mitverfolgen und der letzte schwarze Bildschirm entsprechend beredt von Tonys Tod schweigt. Nun ja, das ist pfiffiger als uns einfach die blutüberströmte Leiche zu zeigen, wie es Game of Thrones wohl gelöst hätte. Aber auch nicht viel. Und spätestens wenn man sich gerade darüber freut, dass wenigstens bei Homosexualität in der Schlussstaffel die gleiche Offenheit an den Tag gelegt wird wie zuvor bei nackten Brüsten, und dann ernsthaft (!?) auf einen Modelleisenbahn geschnitten wird, die in einen Tunnel einfährt, zeigen Die Sopranos, auf welchem Niveau der Schnitt der Serie spielt. Das ist 50er Jahre Stil. Vielleicht soll es ein Witz sein. Aber innerhalb einer Serie, die sonst Schnitt nicht einmal witzig einsetzt ist das ein rechtfertigungsloser Stilbruch.

Künstlerische Limitierung der Serie

Nochmal. Das Ganze unterhält. Weil man wissen will wer mit wem schläft, wer von wem als nächstes um die Ecke gebracht wird und ob die sympathischen Antihelden sich am Ende doch noch behaupten können. Das Konzept funktioniert, wie es in jeder beliebigen Seifenoper funktioniert: Indem es mit Neugier und Voyeurismus spielt. Das macht Spaß, das erzeugt Spannung. Die Sopranos ist eine gute Serie, allein die Serie hat mit künstlerischer Limitierung zu kämpfen (Massenmarkt, direktes Zuschauerfeedback, prinzipiell eher auf Konsum ohne zu viel Anstrengung ausgelegt, Offenheit, bis der Sender den Geldhahn zudreht), die sie wahrscheinlich nicht überwinden wird ohne wiederum als Serie zu scheitern. Thats the long & short of it.

James Gandolfini at the 2011 Toronto International Film Festival. Von gdcgraphics unter CC BY-SA 2.0

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