Der außergewöhnliche Georg Trakl

Aus eXperimenta 2/2014

Der folgende Text zum zu Unrecht als wegweisender Modernist kaum rezipierten Georg Trakl ist schon vor längerem in der eXperimenta erschienen. Implizit mache ich darin einige Aussagen auch dazu, worauf sich moderne Lyrik heute wieder zu besinnen hätte.

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Sören Heim

Der außergewöhnliche Georg Trakl

Von einem Dichter der sein eigenes Ding machte, und doch vieles so tat, wie die Besten der Anderen.

Bevor in den nächsten Monaten in der eXperimenta Auseinandersetzungen mit den Werken Georges, Benns, Gerhardts, Eliots und Pounds erscheinen werden – eine kleine Serie zum Ästhetizismus – soll für einen Moment an einen Dichter erinnert sein, der dem Anschein nach aus der Reihe fällt, und doch mit den anderen genannt zu werden verdient. Sein früher Tod hat womöglich eines der größeren poetischen Werke in deutscher Sprache abgeschnitten, als es noch nicht wirklich zur Entfaltung gekommen war. Georg Trakl.

Trakl wird in der Schule oft als Expressionist gelehrt. Als ausdrucksstarker Kriegs- und Drogendichter. Und viele seiner in strengen Versen verfassten Gedichte gemahnen wirklich an die Lyrik etwa Georg Heyms. Die Bildsprache beschwört mit aller Gewalt Symbole von Tod und Elend. Dem haftet ein teils pubertärer Gestus an, der Tiefe behauptet, wo am Ende wenig mehr ist als Spektakel. Exemplarisch dafür kann hier das erste Gedicht aus Trakls erster Veröffentlichung, „Gedichte“, stehen:

Die Raben

Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.

O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören

Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.

Schon früh aber in Trakls Werk finden sich auch solche Texte, die in freien Versen verfasst sind, mit einem Wechsel aus langen und kurzen Zeilen operierend, die nicht mehr, wie Trakl seinen Expressionismus charakterisierte „in vier Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck zusammenschmiede[n]“, sondern Gedanken und Sinneinheiten frei durch die Strophen wandern lassen, gestützt von einer Klangstruktur, die, wo nicht auf den Reim, doch zumindest auf den Endreim weitgehend verzichtet. Ein sehr schöner Text dieser Art ist der zweiten Teil des „Helian“:

Gewaltig ist das Schweigen des verwüsteten Gartens,
Da der junge Novize die Stirne mit braunem Laub bekränzt,
Sein Odem eisiges Gold trinkt.

Die Hände rühren das Alter bläulicher Wasser
Oder in kalter Nacht die weißen Wangen der Schwestern.

Leise und harmonisch ist ein Gang an freundlichen Zimmern hin,
Wo Einsamkeit ist und das Rauschen des Ahorns,
Wo vielleicht noch die Drossel singt.

Schön ist der Mensch und erscheinend im Dunkel,
Wenn er staunend Arme und Beine bewegt,
Und in purpurnen Höhlen stille die Augen rollen.

Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung,
Unter morschem Geist, an Mauern voll Aussatz hin,
Wo vordem der heilige Bruder gegangen,
Versunken in das sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns,

O wie einsam endet der Abendwind.
Ersterbend neigt sich das Haupt im Dunkel des Ölbaums.

Man beachte, wie hier kein starkes Metrum, sondern beinahe die Atemstruktur der Rede selbst das Gedicht gliedert. Wie das ausholende Sprechen eine Stimmung erzeugt, die die Stille des verwüsteten Gartens atmet, die sich im Trinken des eisigen Goldes zusammenzieht.

Vieles ist in diesem Schreiben, ohne dass Trakl meines Wissens diese Autoren gekannt hätte, das sich zeitgleich erst Pound und Eliot in der Auseinandersetzung mit chinesischer Lyrik erarbeitet haben. Der Einsatz der geatmeten Langzeile weist gar voraus auf das Programm der amerikanischen Nachkriegsmoderne. Gleichzeitig bleibt etwas ganz Altes in Trakls Sprache aufbewahrt, das doch nicht archaisch wirkt, wie etwa die den geistigen Adel beschwören wollende Kunstsprache eines Stefan George. Soviel zwangsläufige Prägnanz, und gleichzeitig so viel lakonische Ungerührtheit liegt etwa in den Zeilen „Leise und harmonisch ist ein Gang an freundlichen Zimmern hin, / Wo Einsamkeit ist und das Rauschen des Ahorns“, dass die Einsamkeit selbst den Leser zu beschleichen scheint, wie ein kühler Wind in der Nacht.

Doch das Gedicht ist keine Abkehr vom expressionistischen Trakl, vom Dichter der Schrecken des Krieges, wie er uns wegen Grodek in Erinnerung bleibt. Eher stärker und eindringlicher spricht das Grauen der Welt aus dieser stillen Szene, als aus den expressionistischen Schreien und Klagen. Die Idylle – ein verwüsteter Garten, in dem die Möglichkeit des Gesangs der Drossel ist, worauf zu hoffen bleibt. Schön sei der Mensch hier – es wird beschworen, was die Realität des Ersten Weltkriegs längst durchgestrichen hat. Darum erscheint die Schönheit dann auch nicht empathisch, sondern im gedanklich zergliederten Menschen in mit staunend bewegten Armen und Beinen, in Augen, die in purpurnen Höhlen rollen – das gemahnt an Tote, Untote gar? – mindestens aber an Körper, die dem Tode nicht fern sind. Und was ist „Novemberzerstörung“? Warum geht der Fremdling hin „an Mauern von Aussatz“? – Überhaupt diese Parallelisierung zum Hingehen an freundlichen Zimmern – kalt und schneidend wie ein Skalpell. Und was eigentlich trieb den heiligen Bruder zuvor in das „sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns“? Diese Fragen wollen hier nicht erschöpfend beantwortet werden, der interessierte Leser denkt weiter und versteht…

Ein letzter Hinweis sei dagegen noch zur christlichen Symbolik gestattet, die die gespenstische Idylle umspielt, ohne sie versöhnend durchdringen zu vermögen. Sie ist dem ganzen Trakl inhärent, auch in seinen expressionistischen Werken trägt sie jenes Moment von Hoffnung wider die Realität, die Drossel, den Ölbaum – wider die Realität, die formal-inhaltlich auch vordergründig das jeweilige Gedicht ausmacht – in Trakls Verse, die es ihm ermöglichen, so verheißungsvoll und niederschmetternd zugleich zu schließen:

O wie einsam endet der Abendwind.
Ersterbend neigt sich das Haupt im Dunkel des Ölbaums.

Lesen wir zum Schluss noch ein weiteres Gedicht Georg Trakls:

Schweigsam stieg vom schwarzen Wald ein blaues Wild
Die Seele nieder,
Da es Nacht war, über moosige Stufen ein schneeiger Quell.

Blut und Waffengetümmel vergangner Zeiten
Rauscht im Föhrengrund.
Der Mond scheint leise in verfallene Zimmer,

Trunken von dunklen Giften, silberne Larve
Über den Schlummer der Hirten geneigt;
Haupt, das schweigend seine Sagen verlassen.

O, dann öffnet jener die langsamen Hände
Verwesend in purpurnem Schlaf
Und silbern erblühen die Blumen des Winters

Am Waldsaum, erstrahlen die finstern Wege
In die steinerne Stadt;
Öfter ruft aus schwarzer Schwermut das Käuzchen den Trunknen.

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