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kathaStrophen erschienen. Nicht googeln, kaufen ;) !

Da zuletzt einige Leser über die Suchanfrage „Sören Heim Gedichtband“ auf diese Seite kamen, hier nochmal die Pressemeldung. Das Ding heißt kathaStrophen und ist überall im Handel erhältlich. Da zB über Amazon aber genau 0 (NULL) Euro bei mir oder dem Chili-Verlag ankommen, bezieht man ihn am besten direkt beim Verlag oder bei mir:

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„Experimente in Rhythmus und Melodie“

„Experimente in Rhythmus und Melodie“, so lautet der Untertitel des Lyrikbandes „KathaStrophen“ von Sören Heim, der Anfang April im Chiliverlag erschienen ist. Heim wurde 2014 in der Binger Partnerstadt Prizren (Kosovo) mit dem Preis für moderne Lyrik „Pena e Anton Pashkut“ ausgezeichnet und erhielt 2015 den Binger Kunstförderpreis. Nach der Veröffentlichung des „Romans in 24 Bildern“ „Kleinstadtminiaturen“ kehrt er mit „KathaStrophen“ zu seinen lyrischen Wurzeln zurück.
– unter den Fotos geht es weiter –

Der Begriff des literarischen Experimentes habe sich mit der Zeit einen immer fragwürdigeren Ruf erworben, erklärt der Autor, weil man dazu tendiere, alles was irgendwie chaotisch, formlos hingeworfen werde, als Experimentell zu bezeichnen. Dem solle der Band kontrollierte Experimente entgegensetzen, die herauszufinden suchen, wie sich schön, ansprechend, durchaus auch zugänglich schreiben lässt, ohne dabei sich durch rein traditionelle Formen zu binden. „Das Experiment als Versuch auf gelungene Kunst“, so Heim, „mit dem Anspruch dann auch wirklich nur das gelungene Werk zu präsentieren.“ Von mehreren hundert Texten hätten es am Ende entsprechend nur 40 ins Buch geschafft. Wichtig ist festzuhalten, dass auch der Lyrikneuling keine Angst haben muss, überfordert zu werden: „Mein Ziel ist es durch klingende Sprachbilder Brücken zu den Texten zu bauen, die Komplexität lauert dann sozusagen in der Tiefe.“

Kritik der PoMo-Kritik. Zur sogenannten „Verschwurbelten Sprache“

Ich habe übrigens in meiner Foucault-Kritik vom Wochenende mit gutem Grund auf den Vorwurf komplizierter oder gar „verschwurbelter“ Sprache verzichtet.

In den fließt fast immer, wo von einem Text nicht mit Recht Schönheit verlangt werden kann, in der Belle-Lettristik also, das Ressentiments gegenüber komplexen Gedanken ein, gegenüber Gedanken, deren sprachliche Fassung daran erinnert, dass Sachverhalte selbst oft komplexer sind als die bornierte Sprache des „Das und Das ist Fakt“.

Bis heute bin ich noch auf keinen Text gestoßen, den nicht verstehen könnte, wer wollte (was etwas andres ist als ihn dann auch für richtig zu halten), und so wie auch die Begriffe vermeintlich „einfacher“ Autoren weder mit der Umgangssprache in eins fallen noch sich mit den Begriffen anderer einfacher Autoren decken, ja, so wenig gar die Begriffe in der Umgangssprache bei jedem Redner dasselbe bedeuten, so wenig sind die Begriffe und ihre Relationen bei Hegel, Heidegger, Foucault, selbst Derrida, wirklich unverständlich, was nichts anderes hieße als beliebig. Was Hegel meint, lässt sich begreifen, lässt sich nachvollziehen. Oder, wenn man polemisch werden möchte, entschlüsseln. Und erst wenn das geleistet ist kann ein Urteil etwa dergestalt gefällt werden, dass die „Verschlüsselung“ keine dem Gegenstand, der Denkanstrengung geschuldete sei, dass womöglich sprachlich gedankliche Schwächen gedeckt werden sollen usw.

Wer sich über verschwurbelte Sprache beschwert und nicht fähig ist die zentralen Gedanken sowie den Gedankengang eines Textes wiederzugeben spricht für gewöhnlich vor allem über sich und sein Verhältnis zum Text. Deutlich zeugt davon auch die Abwärtsspirale, die in dieser Form der Sprachkritik regelmäßig eintritt. Man achte nur darauf, welch sprachlich „einfache“ Autoren das Verdikt der komplizierten Unverständlichkeit mittlerweile in Amazon-Besprechungen trifft.

Die Malereien des George W. Bush… Kunstkritikkritischer Rückblick

Dieser Artikel ist einige Jahre alt. Weil ich vor kurzem wieder über künstlerisches Bush-Bashing stolperte, poste ich ihn nochmal. Hat sich ja nichts geändert.

… und die Heuchelei der Alles-Ist-Kunst-Relativisten

„George Bush macht „Kunst““ – so titelte voller Hähme das Nachrichtenportal eines großen deutschen E-Mail-Providers. Mit dieser Variante des allseits beliebten Bush-Bashings ist man nicht alleine. Manche stellen es gewitzt und elegant an wie Jon Stewart in der Dailyshow, andere nehmen eben den Hammer zur Hand und hauen immer feste drauf.

Eins weiß man aber zumindest auf dem Boulevard: Was der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten da fabriziert hat ist alles, aber keine Kunst.

Mal abgesehen davon, dass Bush von den Malereien, mit denen er sich im Ruhestand vergnügt, meines Wissens nie behauptet hat, sie seien große Kunstwerke, fällt mir zum kunstkritischen Presseecho nur eines ein:

Wtf? Ernsthaft Leute? WtF?

Wir leben in einer Zeit, in der die Aussage „Alles ist Kunst“ zum beinahe unhintergehbaren Credo des Bildungsbürgertums geworden ist, wir haben Joseph Beuys akzeptiert, man zahlt Millionen für bunte Keramiken von Koons und eingelegten Fisch von Hirst, und ein Altholz und Metall Zweitverwerter, dessen größte künstlerische Leistung bis heute darin besteht von der VR China derart brutal verfolgt zu werden, dass er es bisher nur zum mehrfachen Millionär gebracht hat, wird in einer Art und Weise hofiert, die jegliche kritische Distanz vermissen lässt. Und ausgerechnet bei ein paar behutsam verfremdeten Porträts bedeutender Persönlichkeiten aus der zeitgenössischen Politik ziehen wir die Grenze und sagen: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Geht es noch bigotter?

Gewiss, im heutigen Kunstbetrieb ist der Künstler alles und das Werk nichts. Da darf es nicht verwundern, wenn jetzt alle, die ihn schon als Präsidenten nicht leiden konnten, dem Maler Bush sein neues Hobby zerreden. So unglaublich toll malt er ja auch wirklich nicht, oder? Aber sehen wir mal für einen Moment davon ab, dass Bush ein spät Lernender ist, der gar keine geringen Fortschritte gemacht hat, und stellen uns vor ein hipper Künstler hätte seine Bilder gemalt. Wäre es dann nicht ohne weiteres denkbar, dass wir über dieses Porträt von Angela Merkel so etwa das Folgende zu lesen bekämen?

„Durch geschickte, vorsichtige Verfremdung vermittelt Mr. Bush-Ido dem Betrachter seine ganz eigene Perspektive auf die deutsche Kanzlerin. Dabei scheint sich deren Regierungsstil in ihr Gesicht einzuschreiben. Der Mund hart, verkniffen. Die Haut unter der Nase ergraut. Deutet sich da ein Bartschatten an? Männliche Härte im Weiblichen, deutsche Tugend mit Eleganz, so blickt uns Bush-Idos Merkel an. Und doch wieder nicht. Da ist eine innere Zerrissenheit spürbar, die Augen im wahrsten Sinne ver-rückt, ein Hauch von Kubismus, Brüche im scheinbar so Klaren und Sicheren…“

Und würde dann womöglich nicht auch über die Tatsache, dass alle Porträts nach Fotografien gemalt sind ganz anders berichtet?

„… Dabei bricht der Künstler die Vorgabe des Realismus schon in der Wahl seines Gegenstandes. Obwohl er in der Regel direkten Zugang zu den Porträtierten hatten malt er nach dem je ersten Bild, das die Google Bildersuche ausspuckt. So schafft er Abbilder digitaler Abbilder, deren Festigkeit eine Lüge ist. Damit begreift er das moderne Individuum in all seiner gleichzeitigen Fragilität und Banalität“

Bild: Painting by Noj Han unter cc-by-sa-2.0, zugeschnitten

Realismus und Fantasik: Falsche Feinde

In der Welt ist vor einiger Zeit ein Artikel erschienen, der großmundig versucht, für Fantasy zu werben. Vor dem Hintergrund meiner Fantastischen Reise finde ich den wenig überzeugend: Er verfestigt vor allem die falsche Dichotomie von realistischer Echtwelt-Literatur und nicht realistischer Halb-/Anderwelt-Literatur.

Es schockt ja kaum noch, dass ein Literaturredakteur übersieht, dass spätestens seit Joyce eigentlich alle Literatur, die es verdient „modern“ genannt zu werden nichtrealistische und dabei meist (aber nicht immer) zugleich nichtfantastische war. Vor allem sieht er auch die Möglichkeit „realistischer“ fantastischer Literatur nicht und verpasst damit (nebenbei gesagt) den Gegenstand meines Artikels im European: Die Tendenz zum „fantastischen Naturalismus“ der im Erfolg von GOT kulminiert (aber schon mit Harry Potter ganz groß wurde und in vielen RPGs angelegt ist):

Texte die stilistisch, strukturell und in ihrer Art sich auf die vermittelten Inhalte zu beziehen gerade damit zu protzen versuchen, schonungslose Realität abzubilden. Texte, die, was Ihr Verständnis von Literatur betrifft, eins zu eins aus dem 19. Jahrhundert herübergebeamt sein könnten. Hätte der Autor ein Auge dafür, er müsste eingestehen, dass wohl eher nicht „die Gruppe 47, die seit ’47 mit der Wucht eines alten Patriarchen unseren Literaturbegriff verengt, die deutsche Literatur immer noch mit ihrem Realismusdiktat belastet und die offiziell längst abgeschaffte Trennung zwischen U und E klammheimlich aufrechterhält“ an HP, GOT und den Nacheiferern „schuld“ ist, sondern ein Weltzusammenhang der praktische Vernunft so über alles stellt, dass auch die „fantastischste“ Fiktion für die Massen den Regeln eines Großraumbüros zu gehorchen hat.

Für den Welt-Autor ist nun Literatur wieder so etwas ähnliches wie ein Wandschrank. Etwas bei dem ich frage: was ist drin? Obst oder Drachen? Und wenn es Obst ist, ist es ein normaler Schrank, sonst ein fantastischer. Dass auch Obst dezidiert antirealistisch präsentiert werden kann ohne dass man von Fantastik reden muss, wird verdrängt.

Als Merksatz: „Fantastisch“ und „Realistisch“ (besser: „naturalistisch“) taugen nicht als Gegensätze, weil ersteres primär auf Inhalte abziehlt, zweiteres auf Form.

Bild: The Fire Dragon. johanferreira15 CC BY 2.0

Pop & die Maschine: Mitchel vor & Nach Blue

Joni Mitchel in die „jazzige“ (bzw. poppigere) Zeit nach Blue bzw. For the Roses nicht mehr folgen zu wollen ist vielleicht mehr als nur eine Geschmacksfrage. Es ist eine Frage des Verhältnisses von „Kunst“ und „Freiheit“.

Wie kaum eine andere Musikerin (oder Musiker) nach ihr hielt Mitchel auf ihren größtenteils arkustischen Songwriter-Alben Melodieführung und Rhythmik in einer fragilen Schwebe. Im Zweifel zwingt die Stimme die moderaten, meist selbst eigentlich melodischen Rhythmuselemente von Gitarre, Klavier oder Dulcimer, ohne jedoch ganz auszubrechen. Und selbst wo dann doch die Rhythmik wieder die Melodie einfängt geschieht das nicht schematisch, sondern abgestimmt auf den jeweiligen Ausdruck. Musik als sanftes Ringen mit selbstgegebenen Grenzen.

Ab Court and Spark und sogar noch bei dem so hoch geschätzten The Hissing of Summer Lawns dagegen wird der Beat der alldominante und schematisch äußerliche Taktgeber. Dagegen kämpft die Stimme mittels ungewöhnlicher Stauchungen ganzer Liedzeilen in wenigen Noten und gewaltigen Streckung auf der anderen Seite,die nun allerdings kaum noch Eigendynamik entfalten können. Oder sie schwebt über den Beat & am Beat vorbei. Der monotone Rhythmus der Außenwelt ist immer schon da. Selbst wo der Text dagegen protestiert marschiert die Musik.

Ein individualistischer emphatischer Freiheitsbegriff oder die Sachzwanglogik der freiwilligen Konformität (Hayek)? 1974 hatte sich nicht nur die (westliche) Welt, auch die Musik einer der ganz großen Ikonen des antiautoritären Aufbruchs hatte sich entschieden. Und sei’s auch folgerichtig, weil eben Kunst allein nicht das ganz Andere schafft, und der mit der Welt fremdelnde Idealismus auch des besten Singer-Songwritertums längst notwendig zum Kitsch erstattet war.

Entscheidend: Es gibt gute Gründe – wenn auch nostalgisch – an der „frühen“ Mitchel festzuhalten, die nichts mit fragwürdigem Authentizitätsfetisch zu tun haben, obwohl Mitchels weitere Entwicklung wohl durchaus konsequent war.

Zu Gunsten der späteren Alben freilich ließe sich einwenden, dass Pop genau davon ausgemacht werde, dass die strukturellen Bedingungen der Massenproduktion ganz tief ins Werk eindringen und die dennoch produktive Auseinandersetzung damit die Hürde ist, die ein großes Stück Pop zu nehmen hat. Doch das wiederum gelang anderen wohl unstreitig besser als Mitchel.

Keine Romantikerin

Anna Laetitia Barbauld. Diesen Namen werden wohl die wenigsten deutschsprachigen Leser kennen. Im englischen Sprachraum gilt die Dichterin als eine der Begründerinnen der Romantik, was mir allerdings wiederum vor allem Verniedlichung scheint.

An Barbauld fasziniert nicht nur die von jeder romantischen Affektiertheit freie Eleganz der Verse, sondern auch die Art und Weise wie darin naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf Höhe der Zeit mit poetischen Bildern verknüpft werden. So etwa in A Summer Evening’s Meditation der zeitgenössische Stand der Astronomie produktiv mit den Zuordnungen der griechischen Mythologie zu Sternen, Planeten und Trabanten. Romantisch ist daran wenig. Eher schon wollte man, im Sinne der Weimarer, von Klassik sprechen. Aber diesen Begriff behält die Anglistik ja dem fröhlichen Positivismus der Satirendichter aus der Generation Pope vor.

Von einer deutschen Übersetzung ist mir nichts bekannt, hier erst einmal der englische Text. Eine Übertragung meinerseits ist in Planung.

A Summer Evening’s Meditation

‚t is past ! The sultry tyrant of the south
Has spent his short-liv’d rage; more grateful hours
Move silent on; the skies no more repel
The dazzled sight, but with mild maiden beams
Of temper’d light, invite the cherish’d eye
To wander o’er their sphere ; where hung aloft
DIAN’s bright crescent, like a silver bow
New strung in heaven, lifts high its beamy horns

Impatient for the night, and seems to push
Her brother down the sky. Fair VENUS shines
Even in the eye of day ; with sweetest beam
Propitious shines, and shakes a trembling flood
Of soften’d radiance from her dewy locks.
The shadows spread apace ; while meeken’d Eve
Her cheek yet warm with blushes, slow retires
Thro‘ the Hesperian gardens of the west,
And shuts the gates of day. ‚Tis now the hour
When Contemplation, from her sunless haunts,
The cool damp grotto, or the lonely depth
Of unpierc’d woods, where wrapt in solid shade
She mused away the gaudy hours of noon,
And fed on thoughts unripen’d by the sun,
Moves forward ; and with radiant finger points
To yon blue concave swell’d by breath divine,
Where, one by one, the living eyes of heaven
Awake, quick kindling o’er the face of ether
One boundless blaze ; ten thousand trembling fires,
And dancing lustres, where th‘ unsteady eye
Restless, and dazzled wanders unconfin’d
O’er all this field of glories : spacious field !
And worthy of the master : he, whose hand
With hieroglyphics older than the Nile,
Inscrib’d the mystic tablet; hung on high
To public gaze, and said, adore, O man !
The finger of thy GOD. From what pure wells
Of milky light, what soft o’erflowing urn,
Are all these lamps so fill’d ? these friendly lamps,
For ever streaming o’er the azure deep
To point our path, and light us to our home.
How soft they slide along their lucid spheres !
And silent as the foot of time, fulfil
Their destin’d courses : Nature’s self is hush’d,
And, but a scatter’d leaf, which rustles thro‘
The thick-wove foliage, not a sound is heard
To break the midnight air ; tho‘ the rais’d ear,
Intensely listening, drinks in every breath.
How deep the silence, yet how loud the praise !
But are they silent all ? or is there not
A tongue in every star that talks with man,
And wooes him to be wise ; nor wooes in vain :
This dead of midnight is the noon of thought,
And wisdom mounts her zenith with the stars.
At this still hour the self-collected soul
Turns inward, and beholds a stranger there
Of high descent, and more than mortal rank ;
An embryo GOD ; a spark of fire divine,
Which must burn on for ages, when the sun,
(Fair transitory creature of a day !)
Has clos’d his golden eye, and wrapt in shades
Forgets his wonted journey thro‘ the east.

Ye citadels of light, and seats of GODS !
Perhaps my future home, from whence the soul
Revolving periods past, may oft look back
With recollected tenderness, on all
The various busy scenes she left below,
Its deep laid projects and its strange events,
As on some fond and doating tale that sooth’d
Her infant hours ; O be it lawful now
To tread the hallow’d circles of your courts,
And with mute wonder and delighted awe
Approach your burning confines. Seiz’d in thought
On fancy’s wild and roving wing I sail,
From the green borders of the peopled earth,
And the pale moon, her duteous fair attendant;
From solitary Mars ; from the vast orb
Of Jupiter, whose huge gigantic bulk
Dances in ether like the lightest leaf;
To the dim verge, the suburbs of the system,
Where chearless Saturn ‚midst her watry moons
Girt with a lucid zone, majestic sits
In gloomy grandeur ; like an exil’d queen
Amongst her weeping handmaids: fearless thence
I launch into the trackless deeps of space,
Where, burning round, ten thousand suns appear,
Of elder beam ; which ask no leave to shine
Of our terrestrial star, nor borrow light
From the proud regent of our scanty day ;
Sons of the morning, first born of creation,
And only less than him who marks their track,
And guides their fiery wheels. Here must I stop,
Or is there aught beyond ? What hand unseen
Impels me onward thro‘ the glowing orbs
Of inhabitable nature ; far remote,
To the dread confines of eternal night,
To solitudes of vast unpeopled space,
The desarts of creation, wide and wild ;
Where embryo systems and unkindled suns
Sleep in the womb of chaos; fancy droops,
And thought astonish’d stops her bold career.
But oh thou mighty mind ! whose powerful word
Said, thus let all things be, and thus they were,
Where shall I seek thy presence ? how unblam’d
Invoke thy dread perfection ?
Have the broad eye-lids of the morn beheld thee ?
Or does the beamy shoulder of Orion
Support thy throne ? O look with pity down
On erring guilty man ; not in thy names
Of terrour clad ; not with those thunders arm’d
That conscious Sinai felt, when fear appall’d
The scatter’d tribes; thou hast a gentler voice,
That whispers comfort to the swelling heart,
Abash’d, yet longing to behold her Maker.

But now my soul unus’d tostretch her powers
In flight so daring, drops her weary wing,
And seeks again the known accustom’d spot,
Drest up with sun, and shade, and lawns, and streams,
A mansion fair and spacious for its guest,
And full replete with wonders. Let me here
Content and grateful, wait th‘ appointed time
And ripen for the skies: the hour will come
When all these splendours bursting on my sight
Shall stand unveil’d, and to my ravished sense
Unlock the glories of the world unknown.

Einfluss ungleich Qualität – Notiz

Ein oft zu beobachtendes Unsinns-Phänomen: Die Gleichsetzung literarischer Qualität mit literarischer Bedeutung. Nun wird man kaum leugnen können, dass etwa Ulysses einflussreicher war als das unter anderem ohne diesen nicht denkbare „Gespräche der >Kathedrale<„. Künstlerisch konsequenter ausgeführt ist aber (fast unbestreitbar) Letzteres. Oder 100 Jahre Einsamkeit. Oder Barockkonzert. Radikaleres Beispiel: Der Einfluss der Charlie Hebdo Attentate auf die zeitgenössische Satire dürfte nicht zu unterschätzen sein. Dennoch zwingt das uns nicht, uns Stockhausen anzuschließen, und den 11.9.2001 als „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt“ zu bezeichnen.

Ein schwächlicher Hool…

Nein, auch Hool von Philipp Winkler überzeugt mich nicht. Leider. Ist nicht so, dass ich per se gern verreiße. Es tut durchaus weh, wie viel Mittelmaß gerade im Bereich der von Anfang an als „hohe Literatur“ vermarkteten Werke sich tummelt. Generell fallen viele Texte auf, die auf der Ebene des klassischen Handwerks, sprachlich im Kleinen, in der Werkanlage, also dramaturgisch im Großen weit weit hinter geschmähter Genreliteratur zurückbleiben. Also zB weder eine saubere (interne) Drei/Fünf oder vivielauchimmer-Akt-Struktur aufweisen, die das Ganze trägt, ein ordentliches Hinschreiben auf die Klimax oder Ähnliches aus dem Krimi&Abenteur 101 hinbekommen, die allerdings auch nicht ernsthaft nach einem eigenen, autonomen tragenden Organisationsprinzip (etwa nach musikalischem Muster, über Leitmotivik oder von mir aus auch rein klanglich, was auf Romanebene mE noch nie gelungen ist, aber den Versuch wäre es wert) suchen. So eben auch Hool. Das ist eine Aneinanderreihung von mehr oder minder interessanten Erlebnissen und Rückblenden, bei denen in vielen Fällen noch nicht einmal ersichtlich ist, warum sie in dieser Reihenfolge erzählt werden. Da gibt es keinen roten Faden, kein Ziel, aber auch nichts im Text was die Abwesenheit des roten Fadens zum „Feature“ machen würde. Ein Roman, der sich darin gefällt wie eine knallharte Millieustudie rüberzukommen, der dabei allerdings vor allem plätschert. Plätschert! Und der nicht nur als Roman nicht funktioniert sondern eben auch als Milieustudie: Denn einem Studiencharakter steht wiederum das aufs Besondere gebürstete Ensemble entgegen. Einfach nur Alltag unter Hooligans, das ist wohl nicht genug. Und so kauft der Vater des Protagonisten zB uA ernsthaft einen Tiger…

Voll und ganz stimmt auch was David Hugendick in der Zeit kritisierte:

„Denn so genau die Milieuechtheit des Ich-Erzählers auf den ersten Blick auch wirkt: Oft lässt Winkler Heiko Sätze sagen, in denen er so etwas wie Schönheit erzwingen möchte, die nicht so recht hineinpasst. Auf Stellen wie „Im Zapfhahn schütten wir uns noch schnell ein Bier vom Fass in die Hälse“ kommen aufgespreizte Beschreibungen: „Der weichgezeichnete Umriss der Stadt baut sich im bläulichen Morgenlicht vor uns auf.“ (…) Da stehen Volvos im „fahlen, indirekten Lichtschein“ an „langen baumüberspannten Feldwegen“ (…)“

Das ist alles ganz hübsch. Aber: Wer spricht hier? Heiko, der meistens Worte wie „affenfotzenverhurte Pissscheiße“ für das findet, was um ihn herum vorgeht? Oder nicht doch der Autor dahinter, den der Kunstwille ergriffen hat?“

Für gewöhnlich spricht nichts dagegen, das Banale oder das Hässliche mit morbider Schönheit zu überformen. Aber aus der sonst höchst naturalistisch präsentierten Ich-Perspektive funktioniert das nunmal nicht, wenn man nicht irgendwie etabliert wie der Erzähler zeitweise zu solchem Stilgefühl und Wortschatz kommt.

Bild: Kill von Hooligan. cc-by-2.0, zugeschnitten

Nochmal: House of Leaves

Oder: Aus drei mittelmäßigen Geschichten wird kein großer Roman.

Ich habe schon einmal skizziert warum ich von dem vielfach gehypten und schon fast wieder vergessen House of Leaves so viel nicht halte. Zu bemüht das Ganze, zu wenig handwerkliche Vollendung im Kleinen. Dass ein Autor alle Register der postmodernen Trickkiste (Geschichte in der Geschichte. Geschichte in der Geschichte der Geschichte. Intertext. Gaaaaanz viel Intertext. Fußnoten. Nicht Ernstnehmen des eigenen Werkes) zieht ist erstmal allein kein Ausweis von Qualität. Ja, es scheint mir sogar Hinweis darauf, dass dem Autor die Mängel des Textes allzu bewusst sind.

Schwacher Bukowski, schwacher Borges, schwaches Blair Witch

Aber beginnen wir mit den einzelnen Handlungen. Es kann mir niemand erzählen, dass er/sie, so der betreffende jemals eine meisterhaft ausgearbeitete Outsider/Drifter/Trinker-Story wie etwa einige der Texte Bukowskis, Kerouacs, Hunter S. Thompsons und anderer Größen des Fachs genossen hat, nicht irgendwann den Impuls verspürt das stilschwache mäandernde Geschwätz des Exegeten Truant in House of Leaves einfach zu überblättern (nebenbei: tatasächlich einer der Hauptkritikpunkte online). So wenig Mühe wurde darauf verwandt die einzelnen Saufeskapaden, Ficks und Fieberträume, die sich über hunderte Seiten ziehen, in einen auch für sich halbwegs interessanten Plot zu verarbeiten, dass man beim Lesen regelrecht spürt, wie sich hier etwas aus den Fingern gesaugt wurde um die nur aufgrund ihrer Kürze etwas stärkere Geschichte des blinden Filminterpreten Zampano (talk about Klischee) besonders edgy zu umrahmen. Während an das große Kunstwerk doch der Anspruch zu stellen wäre, dass jedes Wort an dieser und nur dieser Stelle zu stehen habe, wären hier komplett andere (und KÜRZERE, mein Gott!) Plotlines leicht denkbar, die als ähnlich gute oder deutlich bessere Kontrapunktik zum Filmplot fungieren könnten. Der Truant-Plot ist unglaublich schlecht geschrieben. Bandwurmsätze und Listen machen noch keine Fucked-up-Gossenpoetik, die trägt.

Die Beschreibung des Navidson Record selbst ist etwas besser gelungen, wobei die Drucktechnik doch im Großteil der Fälle Spielerei bleibt und auch vor der Frage warum gerade so ver-rückt und nicht anders wohl kapitulieren müsste. Die Probe als Exempel einmal mehr die Frage, ob man nicht vieles einfach weglassen könnte. Warum werden auf Seite 65f. genau so viele Fotografen zitiert, und nicht halb so viel oder doppelt so viele Namen gelistet? Hat die mehrseitige Liste der Architekturstile von S.120 bis 134 (!) und genau dieser Architekturstile ernsthafte Relevanz? Hätte man sie kürzen können? Oder durch einen Verweis auf Gympels Geschichte der Architektur ersetzen?1 Möchte mir irgendein Leser (nächste Probe aufs Exempel), der dieses Werk, wie es bei einem großen Kunstwerken möglich sein sollte, zum wiederholten Male liest, verklickern, er ging jedes Mal all diese redundanten Seiten akribisch durch? I dont think so. Es sei denn man nimmt, siehe Fußnote, das Buch als fettes Kreuzworträtsel. Doch auch als solches befriedigen weder Fragestellungen, noch Antworten.
Und fühlt man sich als Leser, wenn man mal ganz ernsthaft in sich geht, nicht doch etwas sehr für dumm verkauft, wenn das Gimmick des House of Leaves in House of Leaves, das den Holzhammer-Stunt vorbereitet, Navidson im Haus genau das Buch lesen zu lassen, das der Leser liest, gerade erst wenige Seiten vorher überhaupt als Liber ex Machina in die Handlung eingeführt wurde? Man könnte endlos weitermachen, aber ich kann mich kurz fassen.

Das gehört doch alles zur Vorstellung!

Aber in House of Leaves geht es doch darum, was das Haus BEDEUTET – 1Elf! Deshalb darf da jeder anders durch! Muss sogar! Das gehört doch zum Konzept! Deshalb ist es ja so geeeeeeenial!

Genau. Danke. Dass das Haus eine elaborierte Metapher für Laienpsychologie ist, wird ja zum Glück nicht bereits im Buch ungefähr hundertmal ausbuchstabiert und die naheliegenden Interpretationen nicht etwa ebenso oft unerträglich ausgewalzt. Es sind nicht die ungewöhnliche Form, die Fußnoten oder die Selbstreflexivität, die an House of Leaves per se nerven. Sondern die Tatsache, dass das ganze Brimbamborium offenkundig als Ersatz für gelungenes Storytelling und Subtilität der Reflexion herhalten muss. Danielewski erklärt und erklärt, weil es da eigentlich nichts gibt was erklärt werden müsste. Der Konflikt im Navidson Record ist generisch, eine Klischeefamilie die klischeehafter nicht sein könnte, die Auslegung wird von einer Alptraumhaften Borgesfantasie besorgt, wobei ich voraussetze dass Borges Albträume von langweiligen Buchhaltern handeln. Sogar die Gedichte in House of Leaves sind schlecht. Und der dunkle Ort Truants enpuppt sich, meine Güte, schlecht-freudianisch als Mutterkonflikt

Ja das weiß Danielewski doch!, wird mir jetzt der Freund des Machwerks entgegenbrüllen. Deshalb wird doch sogar das noch in House of Leaves reflektiert.

Dieses Lied scheiße, iss mir egal

Jepp. Und es sind genau diese Failsafe-Devices, die den letzten Nagel in das Totenhaus (huhuhu, ein Hauswortspiel, jetzt bin ich Teil des Kosmos!) kloppen. Stimmt. Danielewski wählt bereits seine Protagonisten so, dass es „unrealistisch“ wäre, auch nur eine literarisch sauber gearbeitete Passage im gesamten Buch vorzulegen. Das ist zumindest auf Schülerniveau ein geschickter Kniff, um Lesern 800 Seiten mittelmäßigen Text vorzulegen und das ganze als konsequent zu verkaufen. Aber „dieses Lied scheiße, iss mir egal“ mag in der Komik manchmal einen kathartischen Effekt haben, tragische Literatur macht sich dadurch eher lächerlich. Es handelt sich dabei vor allem auch um tumbesten Naturalismus. Ein Textverständnis, dass exemplarisch für stockkonservative Anlage von House of Leaves stehen kann. Und so ist House of Leaves dann eben, wie ich es an anderer Stelle (s.o.) schon postuliert habe, kein formal avancierter oder gar experimenteller Roman, sondern innerlich ein Werk des 19. Jahrhunderts mit einem äußerlich zugegeben manchmal ungewöhnlichen Drucksatz, der auf Sprache und Ideenwelt allerdings nie ernsthaft übergreift.

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1Zugegeben, Fans haben aus solchen Fußnoten die verschiedensten codierten Nachrichten destilliert. Diese allerdings sind ähnlich banal wie die Psychologie der Fabel. Einige machen sich offenkundig über die postmoderne Geilheit aufs Verweisejagen lustig, und wenn das das Ziel von House of Leaves sein sollte ist das Ganze gelungen. Das Verarscht werden dann aber von akademischer Seite zum großen Kunstwerk hochzujazzen ist nicht als verzweifelte Realitätsverweigerung. Der Versuch das längst erfolgte Abdanken des Geistes in der Geisteswissenschaft doch wieder zum geistreichen Gewinn zu verbrämen. Zumal es Danielewski eben nicht gelingt, die banalen „Codes“ in story-relevantem Material zu verbauen. Er muss sich dafür arbiträre Namenslisten aus dem Hintern ziehen, bis es passt.

Der Friedhof in Prag von Umberto Eco

Und: Überschätzt man den Autoren nicht womöglich, oder schätzt ihn aus falschen Gründen?

Über Umberto Ecos Der Friedhof in Prag urteilt die Kritik fast einhellig: Es handele sich um einen gescheiterten Roman. Die einen meinen, das sei weil Eco das gesellschaftliche Phänomen Antisemitismus personalisiere, indem er seinen Protagonisten, den Fälscher Simonini, unter anderem als Urheber der Protokolle der Weisen von Zion vorstelle. So verfalle Eco selbst dem Verschwörungsdenken, das der Roman kritisiere. Andere monieren, das aus zahlreichen Quellen und einer Vielzahl historisch verbürgter Protagonisten schöpfende Werk sei ein Zettelkasten, der vor allem dazu diene die Gelehrsamkeit des Autos zu unterstreichen. Beides ist falsch, obschon Der Friedhof in Prag durchaus im Großen und Ganzen als gescheitert gelten darf.

prag

Zum Vorwurf der Verklärung des Antisemitismus schrieb ganz richtig die Taz:

„Das ist absurd. Es erfordert viel Mut- und Böswilligkeit bei der Lektüre, um zu übersehen, wie Simonini seinen Hass aus der Luft greift und sich in Widersprüchen à la Juden seien „erektionsfreudiger“, Juden hätten „lahme Lenden“ verfängt. Wer diese Auslassungen für bare Münze nimmt, stellt sich nur das Armutszeugnis aus, auf das Eco seinen Finger legt bei allen, auch bei der Kirche: „Und bitte, wie hätte sich denn die Kirche fast zweitausend Jahre lang halten können, wenn es nicht diese allgemeine Leichtgläubigkeit gäbe?“ Nein, Eco führt Vorurteile klar als willkürliche „Übereinkünfte“ vor.“

Eben. Und nur weil Eco die Schaffung einiger großer Erzählungen des Antisemitismus in einem Protagonisten verdichtet leugnet er mitnichten die Allgegenwart der Judenfeindlichkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Simonini schöpft für seine Fälschungen selbst aus einer Vielzahl von Quellen und persönlichen Gesprächen, das kann er, weil alle Romancharaktere zumindest eines gemeinsam haben: Sie hassen die Juden. Der Friedhof in Prag ist sicher vereinfachend, kondensierend wie es gute Literatur sein sollte, keinesfalls aber verharmlosend.

Schon immer Zettelkasten!

Und was den Zettelkasten, der vor allem die Gelehrsamkeit des Autos unterstreicht, betrifft: Mir ist absolut unverständlich wie man das für eine negative Eigenschaft halten kann und dennoch einen Roman Umberto Ecos in die Hand nehmen. Die sind alle mehr oder minder Zitat- und Anspielungskonvolute, und wenn das am Friedhof in Prag besonders ins Auge sticht, verweist das zwar auf die große Schwäche des Romans, begreift sie aber nicht.

***

Denn wenn Der Friedhof in Prag scheitert, dann bereits in der Anlage der Erzählung. Ecos Erzähler ist so aberwitzig konstruiert, dass es schon einer gehörigen Portion „willfull suspension of disbelief“ bedarf, um den Roman nicht nach wenigen Seiten für immer zu schließen. Da haben wir Simonini, den Fälscher und Antisemiten, der auf Anraten eines Herrn Froids an seinem Tagebuch schreibt, um sich verlorener Erinnerungen zu vergegenwärtigen. Und da haben wir, im selben Hause lebend, den Pater Da Picolo, der sich wie ein Gewissen in dieses Tagebuch einmischt, ergänzt, korrigiert. Dass beide ein und dieselbe Person sind ist so offenkundig, dass sich Eco diese Pointe gegen Schluss des Romans auch hätte sparen können. Als sei das aber nicht genug gibt es noch einen dritten Erzähler, der regelmäßig eingreift, zusammenfasst, wertet.

Simonini und Da Picolo im Dialog, quasi als Briefroman, das hätte vielleicht funktionieren können. Oder ein allwissenden Erzähler der die ganze Erzählung in der dritten Person wiedergibt. Beides zusammen wirkt lächerlich, überkonstruiert, manchmal beinahe unerträglich. Zudem sind die Erinnerungen Simoninis, die doch an die freie Assoziation der Psychoanalyse gemahnen sollen (Froid = Freud, nudge nudge) erstaunlich chronologisch aufgebaut und konsistent. Doch selbst wenn man bereit ist über diese Konstruktionsschwächen hinwegzusehen (und man bekommt dafür durchaus eine spannende, informative und interessante Geschichte) verstören die moralisierenden Einwürfe, die dummerweise noch nicht einmal vom auktorialen Erzähler kommen, viel zu selten vom Pater, und viel zu oft dafür von Simonini selbst. Welcher Teufel Eco geritten hat überraschend klare Analysen der psychologischen Beweggründe des Antisemiten ausgerechnet dem Antisemiten in den Mund zu legen, der von Ressentiments spricht als habe er nicht nur Freud sondern auch gleich Adorno gelesen, der Verschwörungstheorie Verschwörungstheorie nennt und genau weiß, an welche gesellschaftlichen und psychologischen Dispositionen seine Fälschungen andocken, vermag man nur spekulieren.

Angst vorm eigenen Text?

Mir will es scheinen, als sei Eco die eigene Erzählung unheimlich geworden, als habe der Autor nachträglich einzugreifen versucht, um die Geschichte, die sich zu verselbstständigen drohte, zu entschärfen. Wer dieses Unheimliche nachempfinden möchte, der höre sich die Hörbuch-Version von Der Friedhof in Prag einmal im Garten bei voller Lautstärke an, und versuche nicht darüber nachzudenken was die Nachbarn wohl gerade tuscheln.

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Soviel zum Friedhof in Prag. Ich muss sagen, ich habe das Buch trotz seiner Schwächen in zwei Tagen ausgelesen, und halte es mitnichten für Ecos schlechtestes. Machen wir uns nichts vor: So sprachlich dicht, so spannend Eco auch zu erzählen vermag, die Konstruktion einer überzeugenden Erzählsituation war noch nie seine Stärke. Schon die Protagonisten im viel gelobten Der Name der Rose präsentierten sich dem Leser wie Menschen unserer Zeit, sie standen dem Hochmittelalter ebenso fern wie der Erzähler selbst, was dann auch im Einstieg „natürlich eine alte Handschrift“ gleich zugegeben wird. Auch Die Insel des vorigen Tages hat ihre Schwierigkeiten neobarocke und moderne Passagen auszubalancieren, und das Folgende schreibt die Wikipedia über Baudolino:

„Der Roman beginnt mit einem selbstverfassten Bericht des jungen (…) Der Text reproduziert den von Baudolino eigenhändig niedergeschriebenen Bericht (…) Da er gerade erst lesen und schreiben gelernt hatte und in seiner heimatlichen Mundart zu schreiben versucht, ist sein Bericht in einer zunächst gewöhnungsbedürftigen, dann aber sich als sehr plastisch und farbig erweisenden Sprache und Orthographie geschrieben (…) Nach dieser sehr persönlichen Einleitung wird das Leben Baudolinos zwar in der dritten Person und in normaler heutiger Sprache erzählt, aber so, wie er selbst es im April 1204 als bereits über Sechzigjähriger in Konstantinopel dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates erzählt (…)“

’nuff said.

Wie kommt es dann aber, dass Der Friedhof in Prag soviel harscher kritisiert wurde als das restliche Werk Ecos? Womöglich so: Der Friedhof in Prag lädt dazu ein, ihn mit Das Foucaultsche Pendel zu vergleichen. Hier kann er nur verlieren. Das Thema Antisemitismus lockte wohlmeinende Kritiker auf den Plan, die allerdings meist zu faul sind genau zu lesen. Ihnen hat im Voraus Hannes Stein treffend geantwortet. Und, das vielleicht eine ganz persönliche Leseerfahrung: Eco ordnet Der Friedhof in Prag zeitlich und auch literarisch durch Querverweise ziemlich genau zwischen Hugos großartigem Les Misérables und Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein. Zu beiden Werken nimmt er nicht nur thematisch Bezug, sondern weist ihren Autoren auch noch kleine Nebenrollen zu. Vor Hugo und Proust aber verblasst Der Friedhof in Prag.