Untenstehend eine kleine Auswahl von teils veröffentlichten, teils unveröffentlichten Texten, die ich herausstellen möchte, und die auf Lesungen auch meist beim Publikum besonders gut ankommen.
Da Verlage ungern bereits veröffentlichte Texte drucken, beschränke ich mich auf wenige Proben. Mehr findet sich unter Veröffentlichungen.

***

Das 2012 entstandene téchne. melancholia gehört zu den mit dem Pena e Anton Pashkut ausgezeichneten Texten, liegt auf albanisch vor, und wurde unter anderem in Österreich in Podium Literatur abgedruckt.

téchne. melancholia

geliebte marlene; gestern begegnete
mir dein gesicht im netz, ganz
ohne worte. es rauschte der äther
allein, entgeistert, nur deine lippen
bewegten sich. und in den straßen: gegröle.
da summte’s gerinde mir stumm melodien, alt
in neue stimmen. da stieß ich das fenster
auf, nach vorgestern. da atmete rauch ich
da knarzte der schädel mir links oben.
und in den staßen: brannten maschinen.
sag mir wo die blumen. sag, wo soldaten?
geliebte marlene. magst du nicht sprechen?
stahl zeit dir die stimme, die an drähten
nagt still, und an wohlstand? äther täubt
und in straßen: dichtet menschheit.
geliebte marlene; gestern begegnete
mir dein gesicht im netz. ganz
ohne worte floh ich in vorvorgestern
mit dir. geliebte marlene
vor stimmen und straßen: graut es mir.
denn es ist dort draußen, weiß ich, wie du, keine.

***

2011 in den Ruinen von Anemurion schrieb ich cap: anamur. eXperimenta druckte das Gedicht, und die Stadt Bingen weist darauf auf Ihrer Webpräsenz hin.

cap: anamur

unter nachthelleren himmeln, in versteinerter zeit;
großer zeit.
orientalisches rom, komma
zwischen zwei sätzen des gesprungnen poseidon.
salziges weißes rauschen:

der herbstliche wind prickelt angenehm
die nekropole hallt wider von kehligem gesang.
versprengte
verlieren sich absichtsvoll
zwischen odeum und byzantscher kirche;
hier wurde schon andres verloren.

das schiff schirmt die stimmen
ab von mir. und zirruswolken
verhüllen die götter. versteckt,
zwischen sternen, alte wie neue.
nur ewiggleicher zeus du
schaust herab auf mich, verändert.
zürnst du noch?
zum morgen fällt nebel, von tauris, im norden,
mit deutscher schwere,
vor einen gerade den meeren entstiegnen
altgriechischen mond.
und unter den schleiern, am horizont,
türmt schwarz sich ahnung:

ahnung von zypern. dorthin flogen träume
in bauchigen schiffen. dorthin flogen träume
bevor noch städten, die ruinen wurden,
erstanden. dann folgten schiffe.
eiliger vater, zeus, zürnst du,
weil du mit diesen träumen dich nicht konntest messen?

ich harre benebelt unter ruinen.
ich verabschiede sterne,
die götter waren.
und ich schaue zypern.
und ich folge schiffen, wie bauchigen
träumen.
und ich glaube morgen!

wird ein tag.

***

Vogelzug war 2006 das erste überhaupt von mir veröffentlichte Gedicht in der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte. Hier eine seitdem stark überarbeitete Version:

vogelzug

kraniche schneiden flüchtend in wolken
salzige trauer deckt städte
während der süd lange schatten erwärmt
vor untergehender sonne.

zugvogelschrei verschellt
tieffrequent wie walgesang.
und tagwärme trocknet.
auf fuerteventura reibt, bote ferner wildnis
saharasand
himmelbabyblaue partikel vom putz
der clubhotels

zagtraumnomaden folgen dem spiel der karawane. fatam
organisch haschen der stachelpalmen
krallenbewährte arme nach ausläufern
der wüste.
heute morgen datteln mit sehnsucht

jetlag. klebe im sessel:
noch brennt dein bild auf meinen pupillen.
zelluloid bleicht bald aus hinter ozeantränen,
da nacht einbricht.
abends
auch keine datteln mehr.

im schlummerland flüsterst Du aus der krone
des affenbrotbaumes.
in der welt verwurzelt, heimatlose:
musst reisen

aber träum von zuhause, reite elefanten
mit den antilopen springe.
und vergiss mich nicht

wenn wieder kraniche ziehen bringen sie nachricht

***

Diese beiden Gedichte z.B. warten noch auf Publikation

begränztes

seltsamer haag. so undeutsam
als habe man ihn für die vögel nur
belassen, die dort manchmal ruhn
und von gräsern zehren

einer passiert (das haar zerzaust
der wind) grad diesen fleck
er träumt sich halb, und fällt schon aus
dem blick. dreizehn gänse stieben

seltsamer haag. so triftig doch
als habe man den tag darum
gruppiert. und grenzende häuser
und menschen verlaufen in grün

pitoresque

ein ecklein hinterm übrigen
gehöft. da sitzt ein wichtel
raucht und träumt, und dösend
geht der tag ins land, wies

haus an haus gehaget ward. und
hier mischt dung und blöken sich
der wichtel, und gibt dem gemisch
noch seine eigene metöken,

quarzig dufte note bei. es denkt
da mir dass bald erlösen,
wenn nicht, des ungesagte saat
in diesem ecklein, grad, so, sei.

***

Zum Schluss mit moes taverne (2006?) und versuch über Ares (2012 und/oder ’13) Arbeiten, die Motive aus griechischen Mythen in die Moderne übertragen. Beide Texte liegen mir sehr am Herzen, obwohl, oder vielleicht weil sie ins Monströse gewachsen sind und als womöglich misslungen betrachtet werden können.

moes taverne

grotte

der tag war grau
grau ist der abend

drei scheine werfen leben
kunstrot und leichen bleiben
auf der strecke, sie bleiben
dort immer

werfen schein
grad in jene ecke ohne tag
wo ich mich verstecken mag,
da dringt kein licht.
manchmal, die toten, von
der theke, die toten
pflanzen sich fort,
spinnen weben raum
und spielen poker, alle zeit.

olymp

der tag war grau
wie alle katzen

neunlebig. gestraft, so
schwatzen
sie über
sinn und ziele, miau.

redner gibt es viele
aber keine leichen, nur tote.
eine leiche ist ein toter, der
gefunden wurde. hol das netz ein,
fischer.

nun, redner gibt es viele, und scheine
werfen leben
auf tote

irrlicht

werfen leben
auf tote

schwimm heim,
noch blutest du.
poker, alle zeit. und die pfandleihe.
nicht weit.

ein topf voll gold,
ein topf, am ende des thekenbogens. in meine
ecke dringt kein tag und der war
grau. bekreuzigtes leben, krabbelt
fade. freiheit den hörigen: die pfandleihe
nicht weit.

ich bin der dichter. ich merke mir eure gesichter.
erschöpfte. ge schöpf. der weberknecht
ist selbstbestimmt. er baut sein haus
aus seide und wenn
er müde ist schläft er. schröpfung.
gebt Gott was Gottes und dem dichter
das jahrbuch.

kirke

die theke spricht, schreibst du? ich
schwimme.

einer, gebeugt, knapp 1,80, ‚ich
hab rückenschmerzen‘, der
buckelt vorm vater, ‚ist
hart auf arbeit da streicht man uns
18 minuten am tag
lohn.‘ roll, roll, roll your stone
´till your sixty-five

noch einer, ganz,
steif, heult, ‚hexenschuss‘, ein alter
hypochonder, der kennt seine feinde:
‚1 euro zwanzig und
ich machs noch nicht mal freiwillig‘, neue
besen kehren gut alte hausmeistern
billig. hexenschuss;
´s hotel calypso
stellt jetzt auch gemeinnützig
ein.

ein dritter sagt „5 millionen“, und
da wissen sie im hades bescheid dass
das einer von ihnen ist und aus einer
kehler rufen sie´ „n Bit“und kippen
es in eine kehle.

polyphem, gurgelnd: niemand, niemand sucht
mich mit list und gewalt zu ertränken.

köstlich.
wenn er müde ist schläft er
der weberknecht

grotte

der tag war grau, wie alle tage,
lauf heim, aus deiner ecke, halbseidner
du verfängst dich. noch
blutest du. sprich! und

ich trete ins verworfene licht, fadenscheinig. morgen
auf verklebtem parkett und zwei
von uns müssen dann langsam und ich
bleibe und lasse´s
mir noch mal durch den kopf streichen
mir den lohn, mach´s noch nicht einmal
gerne, sieben
millionen, ja, da
hätte man was, und eine kehle
zu stopfen, schenke ein, niemand hat
mich gefesselt und geblendet mit
zauber für eine kehle, calypso gibt
auch ein Euro zwanzig. der

weberknecht.

wieso wird das verdammte
leichentuch denn nicht
fertig.

feiertag.

 

du riebst mich, ungeheuer, auf; Ich, ungeheuer, schrieb dich auf

versuch über ares.

ich sah Ihn gestern so: beim arbeitsamt
grimmen, leeren blickes, in der rechten hand
(die sehnig, grau – und kantig das gesicht
und rau die haut, die hosen abgetragen
das hemd befleckt, und schief der kragen)
verglühte leise eine zigarette.
ich sah ihn gestern so, ganz reglos stand
er, fest, doch krumm, stattlich gebaut
einst wohl (das: hinter wehn versteckt)
als ob er was zu sagen hätte (doch wer spricht?)
ein denkmal zähen fleischgewichts.
da entriss ich jäh ein bild den moiren,
obschons, mag sein, die federhand entstellt
ein knab’ ihm zur ihm seite, höhlengeboren
dann er allein, suchend auf erdnem feld
von apolls schoße, frucht der unterwelt
bald zeusveredelt. und dabei doch ton
und so verlassen, nie ganz ausgefüllt.
ich denk ihn, eh! gott, mensch, göttersohn!
und dann denke ich: was heißt das heute schon?

er sprach zu mir! ‚was guckst du so?
lass mir doch bitte grad die ruh
ich hatte selten so nen bösen tag
und selten je nen guten tag

naja, zumindest lang nicht mehr
also: glotz nicht!
bitte sehr (fügte ich in gedanken zu)
‚bitte, lass mir grad die ruh’

als wüsste er, was ich ihm plante
als säh er klar mit glasgem blick
als schrieb er gern statt meiner sein stück
als ob er gar, was ich nicht, ahnte.
(ad spectatores)

kennt ihr den Ares? – den Gott? – ja. – eher schlecht
– das ist nicht zufall. vielleicht ungerecht.
man zollte wohl von alters her, noch vor dem altertume
dem großen traker zu land und meer, bei den mykenern ruhme:

dem ewig erhabenem, an ambrosia sich labenden
in rosen gebetteten, an triebe geketteten
verführer und krieger, des hungers besieger
dem manneskräftigen, immer geschäftigen
bezwinger der holden leiblichen zeit.
da fielen titanen, und nach ruhigeren bahnen
schlingert die heut welt (man tauscht gern sich für geld
und glaubt klarere götter denn beben und wetter
glaubt schaffende alter, schicksals gestalter) !

ares, freund den tieren, wusstest dich zu produzieren
noch auf eisnerm thron
O das göttern vergönnt nicht ist elysion!
ich sah Ihn gestern so: beim arbeitsamt
grimmen, leeren blickes, und die rechte hand
zur faust geballt. ich jubiliert: so hab ich
ihn erfunden. hab ihn streng in vers gebunden.
Er sehnig hart, und faltig das gesicht
ein denkmal zähen fleischgewichts.
er ist so einer: höhlengeboren. (ich
entriss sein bild den moren). Unter
späten römern würd mir vor ihm bang
(sagt mancher nicht, wir seien solche?)
ich zähm ihn doch,
mit zarter worte klang. mich dünkt
allein
er hört mich
kaum.

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3 Gedanken zu “Ausgewählte Werke

  1. Hi Sören, ich bin Deinem Post auf Zeit Online begegnet, Kastner usw. Deine Gedichte sind gut, ziemlich gut sogar.
    Von mir erscheint in der eXperimenta-März-Ausgabe eine Geschichte, ich erwähne das, weil ich gesehen habe, dass Du dort auch veröffentlicht hast.
    Schon mal daran gedacht, Gedichte bei manuskripte in Graz einzureichen? Ich glaube, die würden sie veröffentlichen.
    Grüße, rolfsakowski.

    Gefällt 1 Person

  2. Von mir hatte manuskripte auch mal Gedichte bringen wollen, die Redaktion hat sich dann aber doch dagegen entschieden. Immerhin haben sie mir nen liebenswürdigen Brief geschrieben und meine Gedichte von Kollege zu Kollege gewürdigt. Leider paßt, was ich schreibe, nicht zur Konzeption der meisten L-Zeit-
    schriften. Glückwunsch zur anstehenden Veröffentlichung eines Lyrikbandes. Gruß, rolfsakowski.

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