Diese konsequenten Romane, die immer seltener entstehen. „Das Kind“ von Mariella Mehr.

„Das Kind“ von Mariella Mehr ist ein schwer zu greifender Roman. Das beginnt mit dem Erzählstil, eine Art Kinder-Kunstsprache, die einerseits sehr unmittelbar wirkt, andererseits es aber oft nicht einfach macht, sich zu vergegenwärtigen, was genau eigentlich erzählt wird bzw. geschieht. Und auch wenn der Text strukturell auf den ersten Blick chronologisch aufgebaut ist, wird vieles, was für das Begreifen der Handlung wichtig ist, wie nebenbei in kurzen Rückgriffen eingestreut. Ungefähr geht es darum:

Eine Familie in einem eher isolierten Schweizer Dorf hat ein Kind aus dem Waisenhaus aufgenommen. Der Familienvater war zuvor länger als Minenarbeiter in Idaho, und ist damit schon als nicht absolut zum Dorf zugehörig markiert. Das Kind ist die Fokus-Figur (nicht etwa die Ich-Erzählerin), und wird aus der dritten Person meist sehr unmittelbar als „das Kind“ bezeichnet. Wir erleben weite Teile der Handlung (aber wiederum: nicht alles), aus der Sicht dieses Kindes. Das Kind erfährt viel Gewalt. Hat wahrscheinlich schon im Waisenhaus Gewalt erfahren, wird von der Dorfjugend gemobbt und es kommt wohl auch zu sexuellen Übergriffen sowohl von anderen Kindern als auch von Erwachsenen. Das Kind spricht nicht, was im Dorf für verdächtig gehalten wird und es gibt mehrere Versuche, das zu ändern. Solche, die man mit viel Freundlichkeit „therapeutisch“ nennen kann, obwohl sie eigentlich vor allem zu weiteren Gewalterfahrungen führen, bis hin zu solchen, die exorzistisch gemeint sind. Da das Kind ein Innenleben zu haben scheint, das sprachlich vergegenwärtigt wird, sogar recht poetisch, können wir davon ausgehen, dass eher Traumata zu einem nicht sprechen Wollen führten, als dass das Kind nicht sprechen könnte. Im Wald lebt eine Frau, die sich dorthin zurückgezogen hat, und manchmal flieht das Kind sich zu ihr. Später erfahren wir, dass es zwischen dem Ziehvater des Kindes und dieser Frau auch eine interessante Beziehung gibt, doch Details dazu müssen hier nicht verraten werden.

Das Dorf wird immer ablehnender gegenüber der Familie des Kindes und versucht, diese dazu zu drängen, das Kind wieder abzugeben. Schließlich trifft der Gemeinderat hierzu eine Entscheidung, da der Vater sich nicht durchringen kann.

„Das Kind“ ist definitiv ein sehr starker Text. Und seine sprachliche Gestaltung wirkt konsequent aus der Situation heraus entwickelt. Kaum lässt der Roman sich mit einem anderen vergleichen, nur „Ich, Ellyn“ von Nell Leyshon hat mW etwas Ähnliches versucht. Doch während dieser Text quasi ein naturalistisches aus dem Kind heraus Erzählen präsentieren möchte, was uns auf all die in meiner Rezension hier monierten Widersprüche stößt (die sprachliche Gestaltung passt nicht zu einem jungen Kind, das junge Kind wirkt wie ein Mensch aus unserer Zeit ins 17. Jahrhundert verfrachtet usw.), ist „Das Kind“ alles andere als ein naturalistischer Text. Verkauft wird uns eben nicht die Erzählweise des Kindes, sondern aus der Kunstsprache eines Erzählers der dritten Person heraus das Erleben dieses Kindes, an das sich die Erzählweise anschmiegt. Man kommt nie auf die Idee zu sagen „So spricht doch kein Kind“, weil hier eben kein Kind spricht. Vergleicht es mit dem Motiv des Wolfs in „Peter und der Wolf“, wo wir auch nicht auf die Idee kommen würden zu kritisieren, dass ein Wolf solche Musik nicht machen würde.

Schwer fällt mir, das Erzählte zeitlich einzuordnen und einen definitiven Marker habe ich nicht gefunden. Bis wann in der Schweiz der Gemeinderat solch absurde Entscheidungen treffen konnte, oder ob überhaupt, ist mir nicht bekannt. Manchmal wird von einem Krieg gesprochen, aber ob es der erste, der zweite Weltkrieg oder ein ganz anderer Krieg ist, wird nicht ausreichend klargemacht. Das Motiv der Emigration nach Amerika und Rückkehr könnte sogar aufs 19. Jahrhundert verweisen, doch gab es gerade aus den Alpen auch viel solche Emigration in der ersten Hälfte des 20. Auch ob der Text in seiner brutalen Drastik ein glaubhaftes Dorfleben zeichnen soll oder eine Kondensation des Schrecklichen, dass in einem Dorf geschehen kann, kann ich nicht beantworten.

In jedem Fall machen mich solche erzählerisch konsequente Romane immer ein wenig traurig, wenn ich an das denke, was heute größtenteils produziert wird. Ich denke, die Einheitssoße, die selbst noch mit den besseren Texten heute vorgesetzt wird, spricht auch von einer gewissen Hoffnungslosigkeit. Dass Menschen sich sagen, ich schreibe einfach mein Ding, und irgendwie ist das gut und irgendwie wird es LeserInnen finden, geschieht vor allem in bestimmten Zeiten, wenn ein allgemeiner Aufbruch da ist und KünstlerInnen bereit, etwas zu wagen. Ja, wenn es Ihnen sich sozusagen aufdrängt. Da habe ich selbst noch Respekt vor Gestalten wie dem im Ergebnis so schrecklichen Günter Grass, wenn er sich voller Zuversicht an Machwerke wie die gerade noch genießbare Blechtrommel und das Katastrophenkochbuch „Der Butt“ macht. Und noch viel mehr natürlich vor den Arno Schmidts und Else Lasker-Schüler, vor den Adelheid Duvanels und eben auch den Mariella Mehrs dieser Welt. Die Liste zeigt: Es kann immer wieder geben und gab Hoffnung in oder nach objektiv schrecklichen Zeiten. Die Bereitschaft der Menschheit, Sprünge zu machen, und Literatur, oder andere Kunst, die versucht, diesen Geist einzufangen. Das gibt es derzeit, zumindest insofern es breiter veröffentlicht wird, kaum noch. Selbst etwa die beiden stilistisch und erzählerisch wagemutigsten Buchpreis-Romane im vergangenen Jahr, „Freudenberg“ und „Blutbuch“, sind formal konservativ gegen einen Text wie „Das Kind“ oder ja, in seiner ganzen Unerträglichkeit, „Der Butt“. Niemand, der heute durch die Mühlen des Buchmarktes geht, und hofft, ein Publikum zu finden, scheints, kann sich dem stilistischen Angleichungsdrang entziehen. Da ist kein Versuch eines Schreibens, das sich radikal von allen anderen absetzt. Und wo soll das ganz Neue auch herkommen? Der Moment und die Bewegungen sind (noch?), nicht da. Wir taumeln weiter ohne echte große Veränderungen auf die eine riesige Katastrophe zu, und schaffen derweil viele kleinere, deren Größe selbst beträchtlich genug ist. Wie soll sich da jemand aufschwingen, radikal mit Konventionen zu brechen, etwas Neues zu schaffen, das nicht nur Aufguß ist eines Älteren? Man schaut auf den Markt, auf die Mitmenschen, und gibt ihnen je nachdem die Literatur, die sie verdienen oder im besten Fall die, die sie gerade noch zu ertragen fähig sind.

Bild: Eigenes.

2 Kommentare zu „Diese konsequenten Romane, die immer seltener entstehen. „Das Kind“ von Mariella Mehr.

  1. Wohl gesagt, ich teile meinen Eindruck … früher, als ich in meiner eigenen Literaturblase wandelte (Broch, Woolf, Weiss, Bachmann, Simon …), fand ich Grass unerträglich. Heute, da ich einfach aus der Bestsellerliste wahllos herausgreife, nehme ich manchmal selbst Grass zur Hand und denke, ups, … wie interessante Sätze, welche Wortwahl, welche Rhythmik und bin platt, wie der Standard sich doch wandelt. Ich habe noch nicht den Versuch aufgegeben, auch darin noch interessante Aspekte zu finden. Im übrigen, vielen Dank. Auf „Das Kind“ bin ich neugierig geworden, scheint ein Buch für mich zu sein. Viele Grüße!

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    1. Grass bleibt schon schrecklich, vll mit Ausname von Katz&Maus. Aber letztlich ist es mir lieber, es wird etwas versucht & es kommt was schreckliches dabei raus, als diese moderne Massenproduktion, die natürlich ihre Grundlagen hat, hinter die man nun auch nicht einfach zurück kann.

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