Eine Art Schelmenroman mit düsterem Ende: „Tewje, der Milchmann“ von Sholem Alejchem.

„Tewje, der Milchmann“ ist wahrscheinlich der bekannteste Roman von Sholem Alejchem. Sowohl für sich allein, als auch als Vorbild des Films und des Musicals „Fiddler on the roof“. Der kurze Roman gilt als beispielhaft auch für das, was der Autor im Vorwort zum bereits besprochenen Stempenju „jüdischen Roman“ nennt. Allerdings halte ich jenes für das deutlich stärkere Werk.

Dabei ist „Tewje, der Milchmann“ durchaus unterhaltsam. Erzählt wird die Geschichte von Tewje, der Titel sagt es, dem Milchmann. Der wendet sich in mehreren Kapiteln zuerst mündlich, zuletzt schriftlich an Scholem Alejchem, und seine Ergüsse sind der gesamte Roman. Ein interessantes Beispiel einer Rahmenhandlung, die nur impliziert wird, aber nie selbst ausgestaltet. Oder ist es das Beispiel eines Briefromans mit nur einem Teilnehmer?

Tewje ist ein einfacher Mann, der mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Jedes Kapitel behandelt grob eine davon und führt uns vor, wie die Hauptfigur in meist schelmenhafter Weise ihr Glück macht oder auf die Nase fällt. Das Zentrum bilden die Kapitel, in denen es um die Verheiratung mehrerer Töchter geht, wobei die einem relativ klaren Muster folgen: der Brautwerber tritt an Tewje heran, um eine oft vorteilhafte Heirat zu vereinbaren, doch die Tochter überrascht den Vater mit einer ganz anderen Wahl. Tewje dreht durch, ist am Boden zerstört, fleht den Himmel an und akzeptiert am Ende doch die Entscheidung der Tochter, woraufhin er seine Frau meist mit irgendeinem Trick, der an deren Aberglauben appelliert, überzeugt, der Ehe zuzustimmen. Eine Tochter zum Schluss akzeptiert die Wahl der Eltern, und ausgerechnet die trifft am Ende, zumindest das Tewjes Perspektive, das Schlimmste Schicksal: sie wird reich und überheblich und der Familie entfremdet. Wenn man bedenkt, dass eine andere Tochter mit dem Geliebten und Ehemann in die sowjetische Verbannung geht, kann man sich vorstellen, wie sehr Tewje die Überheblichkeit reicher Menschen verabscheut.

„Tewje, der Milchmann“ ist eine oft amüsante Geschichte, die auch zu überraschen vermag, indem die Episoden in etwa der Logik der Episoden von Schelmenromanen folgen, doch im Gegensatz zu diesen überrascht der Ausgang oft und bleibt auch regelmäßig ambivalent. Wer aber glaubt, es insgesamt mit einem heiteren Romanen zu tun zu haben, wird zum Schluss noch einmal besonders überrascht. Denn der Text endet mit einem Brief Tewjes aus Israel. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs werden heftige Pogrome gegen die Juden der heutigen Ukraine, damals ein Teil des zaristischen Russland, verübt, und Tewje ist geflohen. Viele andere sind gestorben. Alejchem lässt seinen Tewje von den Pogromen weiterhin in seiner charakteristisch witzigen Weise erzählen, und doch macht es aus dem Roman eine sehr ernste Geschichte:

“Kurz und gut, sie haben wohl gemerkt, daß sie mit Tewje nicht fertig werden. Da sagt der Bürgermeister, Iwan Poperile mein ich, zu mir, mit diesen Worten: »Die Sache«, sagt er, »ist die. Eigentlich haben wir gegen dich, Tewje, überhaupt nichts. Du bist«, sagt er, »zwar ein Jude, aber kein schlechter Mensch. Aber das eine hat«, sagt er, »mit dem anderen nichts zu tun. Verprügeln muß man dich; die Gemeinde hat das so beschlossen, da kann man nichts machen! Wir werden dir«, sagt er, »wenigstens die Fenster einschlagen. Das«, sagt er, »müssen wir. Denn vielleicht«, sagt er, »fährt jemand vorbei, dann soll er«, sagt er, »sehen, daß man dich verprügelt hat. Sonst«, sagt er, »wird man uns noch bestrafen …« Genau die Worte und die Ausdrücke, wie ich es Ihnen erzähle, so möge mir Gott helfen in allem, was ich unternehme! Nun frag ich Sie jetzt, Herr Scholem-Alejchem, Sie sind doch ein Mann, ein Weltreisender, hat Tewje nicht recht, wenn er sagt, daß wir einen starken Gott haben?”

Man merkt, denke ich, schon an dieser Passage, dass Tewje sprachlich noch einmal ein anderes Werk ist als Stempenju. Die fingierte Mündlichkeit, die unter anderem auch schon den älteren Text ausgezeichnete, wurde hier ins absolute nur denkbare Extrem gesteigert. Es gibt kaum einen Satz, in dem Tewje nicht entweder aus der Tora oder dem Talmud zitiert, nach Sprichworten klingende Lebensweisheiten in die Welt hinaus schleudert oder sich auf vorangegangene Generationen beruft:

„»Kinder?« sage ich. »Ich kann mich nicht beklagen! Wenn jedes meiner Kinder«, sage ich, »wirklich eine Million wert ist, wie es mir meine Golde einreden will, so bin ich reicher als der reichste Mann von Jehupez. Leider«, sage ich, »ist aber arm nicht reich, und verschieden nicht gleich, wie es auch geschrieben steht: ›Der da unterscheidet zwischen heilig und alltäglich.‹ – Wenn einer das Geld hat, so geht es ihm gut. Geld haben aber die Brodskij’s, und ich habe Töchter. Und wenn man hat Töchter«, sage ich, »so vergeht das Gelächter. Aber es macht nichts, Gott ist doch der Vater. Er regiert uns, das heißt, er sitzt oben, und wir quälen uns unten. Man rackert sich ab und schleppt Baumklötze – hat man denn die Wahl? Das ganze Unglück kommt vom Essen. Wie meine Großmutter, sie ruhe in Frieden, zu sagen pflegte: ›Wenn das Maul in der Erde läge, könnte sich der Kopf in Gold kleiden!‹ … Nehmt es mir nicht übel«, sage ich, »es gibt nichts Geraderes als eine schiefe Leiter, und nichts Schieferes als ein gerades Wort; besonders«, sage ich, »wenn man einen Schluck Branntwein auf den nüchternen Magen genommen hat.«“

Das macht er so gern, und dass es sogar seinen Gesprächspartnern manchmal zu viel wird. Der Stil liest sich witzig, überzeugt aber nicht in der gleichen Weise wie das besser dosierte Stempenju. Das gilt auch für die Geschichte, die sich im Falle der Töchter mehrfach nach einem sehr ähnlichen Muster wiederholt. Atmosphärisch stellt der Roman einmal mehr sehr dicht ein Leben in Dorf und Stetel vor Augen, doch hat man hier noch stärker als in Stempenju den Eindruck, einer deutlichen Überzeichnung beizuwohnen.

Bild: Wikiart, gemeinfrei

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