„The White Moon“ und „Valley of the white birds“. Zwei Neuzugänge unter den schönsten Animationsfilmen.

Zwei Neuzugänge in meiner Liste der schönsten Animationsfilme. Über die genaue Positionierung muss ich noch länger grübeln, aber an beiden Werken kommt man eigentlich gar nicht vorbei. In beiden Fällen handelt es sich um Kurzfilme eines kleinen Studios (Wolf Smoke), das sein Geld ansonsten wohl mit der Animation von Kämpfen in Filme anderer Studios verdient. Beides Projekte aus Liebe zur Kunst, und das merkt man ihnen an.

„The White Moon“

„The White Moon“ ist eine dichte Kurzgeschichte über ein Kind, dessen Mutter es zurücklässt, als sie mit ihrem Mann, der nicht der Vater des Kindes ist, in die Stadt geht. Dort muss die Mutter dann irgendwann gestorben sein.
Das ganze wird nicht linear erzählt sondern bewegt sich durch Momente des Verlangens nach der Mutter im „Jetzt“ und andere Momente der Erinnerung an frühere Zeiten. Der Mond zieht sich als dominantes Symbol durch die Geschichte, nach ihm scheint auch das Kind benannt. Diese visuelle ästhetische Gestaltung ist herausragend. Mit starken Anklängen an die Hochzeit der Ink Painting Animation und die klassische Tuschezeichnung. Dabei etwas weniger weich, etwas schematischer als etwa das Meisterwerk „The feelings of mountaind and water“, dafür in sehr effektvoller Weise mit dem Herausstechen einzelner Signalfarben in blau, rot und gelb gearbeitet. Die Produzenten wissen, das Animationsfilme oftmals davon leben, dass sich nicht zu viel gleichzeitig bewegt, dass man Zeit hat, ein Bild auf sich wirken zu lassen und erzählen ihre Geschichte entsprechend kraftvoll in solchen Bildern von großer Ruhe. Und auch die, wieder, wenn ich es richtig verstehe, extra für den Film komponierte Musik, deren Schlusstext auf einem Wiegenlied basiert, fügt sich perfekt in das Ganze und arbeitet seine emotionale Kraft noch einmal heraus.

„Valley of the white birds“

Der zweite Film vom gleichen Studio heißt „Valley of the white birds“, und zumindest was die reine Opulenz betrifft, übertrifft er „The White Moon“ noch einmal bei weitem.

Hier wird der Tusche-Animationsstil in einer Weise mit leuchtenden Farben verbunden, wie das ansonsten in dieser Tradition selten ist. Und das funktioniert. Noch immer ist eine konsequente stilistische Gestaltung auszumachen, die die reine Opulenz weit übersteigt. Manchmal sind nur einzelne Elemente des Bildes im Fokus und der Rest verläuft in Farben, überhaupt lösen sich Wälder und Himmel oft in ein wolkiges Farbenspiel auf. Fast jeder Moment des Films ließe sich anhalten, drucken, und als Bild an die Wand hängen.

Worum es geht derweil ist gar nicht so leicht festzumachen. An der Oberfläche: Ein junger Mann trifft einen Alten oder verabschiedet sich von ihm. Weiße Vögel kommen in ein Dorf, wenn sie sterben, werden sie zu Herbstlaub. Ein Wesen taucht auf, dass anscheinend die Luft verpestet und mit dem Tod der Vögel zusammenhängt. Der Mann kämpft gegen das Wesen, manchmal taucht dabei ein kleiner Junge auf. Der Mann folgt dem Jungen oder der Junge folgt ihm in die Wildnis zu einem alten Baumstumpf. Der hat irgendetwas mit dem Wesen und den Vögeln zu tun, die sich dort in schwarze Vögel verwandeln. Der alte Mann vom Anfang kämpft gegen den jungen. Am Ende, so meine Interpretation, beginnt ein neuer Zyklus.

Unter der Oberfläche vielleicht eine Geschichte, die Lebens- und Jahreszeiten-Zyklen engführt, wobei man den Kampf des jungen Mannes auch als einen gegen sich selbst interpretieren könnte, mit dem Alten und dem Kind als andere Versionen seiner selbst. Dafür spricht auch, dass der junge Mann anfangs das Sterben der weißen Vögel selbst in Gang setzt, indem er einen der Vögel rau beiseite schiebt und damit tötet. Dieser wird das erste Herbstblatt.

Die für einen kurzen Film relativ ausgedehnten Kampfszenen mögen aber meines Erachtens in die sonstige Atmosphäre nicht so richtig passen. Sie sind zu typische „Anime“, mit all den Übertreibungen, Zooms aufs Gesicht, harten Linien, Monstern usw., die auch stilistisch mit dem restlichen Stil kollidieren. Und was sind diese beiden kleinen Waffen, die an Käfer erinnern und beinahe autonom den Kampf des jungen Mannes fechten? Vielleicht gibt es irgendeine Tradition, an die das anschließt, innerhalb des Filmes wirkt es, als würde ein voraussetzungsreiches Element eingeführt, dessen Voraussetzungen überhaupt nicht erklärt werden.

Obwohl auf der reinen Bildebene sicherlich das anspruchsvollere Projekt, und wahrscheinlich auch der Film, den viele präferieren würden, würde man ihnen nur ein paar Screenshots zeigen, kommt für mich „Vallery of the Birds“ aus diesen Gründen dann auch nicht ganz an „The White Moon“ heran. Zur ästhetischen Gestaltung gehört eben auch, wie die Bilder eingesetzt werden, eine Geschichte zu erzählen, und die hektische Momente reißen immer wieder heraus aus der ansonsten stimmigen Ästhetik. Auch die Kombination von Musik und Bildern finde ich im Fall von „The White Moon“ besser gelungen.

Das ist nun kein Appell, nur einen der beiden Filme anzuschauen. Beide stehen kostenlos auf YouTube, beide sind visuell herausragend, und ich frage mich einmal mehr: wenn einige wenige Personen solche Meisterwerke schaffen können, warum entstehen dann trotz all der Technik, die das heute definitiv leichter macht als zB noch in den 80ern, nie größere Filme in solch herausragender klassischer Animationstechnik?

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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