Ein Roman im Geiste des „Wilhelm Meister“. „Teverino“ von George Sand.

Ich denke man kann „Teverino“ von George Sand gut als Roman im Geiste des Wilhelm Meister bezeichnen, ohne der Autorin zu nahe zu treten. Tatsächlich stößt uns Sand selbst mit einiger Vehemenz auf diese Spur, indem sie zu Beginn die Protagonistin mehrfach im Wilhelm Meister lesen lässt und die ein oder andere Situation damit vergleichen. Das soll nicht heißen, dass „Teverino“ ein epigonale Text ist. „Im Geiste“ heißt nicht in Imitation von. „Teverino“ und Wilhelm Meister unterscheiden sich durchaus deutlich. „Teverino“ fehlt einerseits das für den deutschen Bildungsroman typische Biographische Drumherum, das ein Leben von der Wiege bis zur Bahre verfolgt, und andererseits das häufige Theoretisieren. Im Gegenzug ist es ein deutlich dichterer und kürzerer Text. Was an den Meister erinnert sind das Setting und der Verlauf der Handlung.
Sabine und Leonce, zwei Edelleute, wobei Leonce zudem Künstler ist, entscheiden sich zu einer Ausfahrt. Die beiden sind wohl schon lange befreundet, und Leonce ist es wichtig, dass in den Augen der Öffentlichkeit diese Ausfahrt nicht fehlinterpretiert werden könnte. Deshalb nimmt man nicht nur zwei Diener mit, sondern gabelt bei der ersten Gelegenheit auch noch einen Pfarrer auf, um die Gruppe zu begleiten. Der wird immer mal wieder als der „Polterer“ benannt werden, und versucht den Grillen der Hauptfiguren ein moralisches Gegengewicht zu verleihen. Bald trifft man nun auf eine junge Frau, die Wildvögel zähmt und mit ihren zahmen Vögeln als „Vogelmädchen“ Dörfler und Städter begeistert, indem sie vorgibt, einen Zauber zu besitzen, der Vögel anlockt. Und weil Gesellschaft immer etwas Schönes ist, packt man das Mädchen ein und reist weiter. Immer wieder wird Landschaft in starken Bildern beschworen:

„In der That erweiterte sich bei einer Biegung der Steige plötzlich die kahle, enge Schlucht und ein herrliches Thal, gleich einer Oase in dieser Wüste, zeigte sich Sabinas entzückten Blicken. Andere enge und tiefe Gebirgsschluchten mündeten in dieses grüne Amphitheater aus und mischten ihre flach und ruhig fortlaufenden Ströme mit dem Hauptstrom. Ihre grünlichen Wellen waren klar wie Krystall; Smaragdteppiche breiteten sich auf jedem der Ufer aus; das Schweigen der Einsamkeit war jetzt von dem frischen Murmeln und den fernen Glocken der an den Bergabhängen zerstreuten und in einer reichen Vegetation versteckten Kühe lieblich unterbrochen. Die Granitschlünde öffneten die blauen, auf ihrem Grunde durch die Krümmungen der silberhellen Gewässer durchzogenen Perspektiven. Es war ein Ort der Wonne, wo Alles zur Ruhe einlud, und von wo dennoch die Einbildungskraft noch in geheimnißvolle Regionen entschweben konnte.“

An einem Bergsee lernt schließlich Leonce auch noch Teverino kennen, der als Tausendsassa durchs Land zieht. Mal ist er Modell, mal Schauspieler, mal Sänger, und immer kommt er gerade so an sein Auskommen. Nach einer schwierigen Flussüberquerung findet sich die Gruppe unversehens auf der italienischen Seite der Grenze, woraus wir lernen, dass wir uns tief im Süden Frankreichs oder der Schweiz aufgehalten haben müssen. Wie Landschaften zuvor schon ist dieses Italien erst recht ein Italien der Fantasie, und im großen und ganzen ein sehr gültiges. Die Erzählstimme will zudem sicherstellen, dass das so bleibt:

“Es war ein bescheidenes Grenzstädtchen, dessen Namen wir dem Leser nichst nennen wollen, aus Furcht, demselben in seinen Augen den Zauber zu benehmen, wenn er es zufälligerweise einmal an einem Regentag und in übler Laune durchreist haben sollte; aber wie dem auch sei, Sabina war betroffen von dessen italiänischem Charakter und seiner schönen amphitheatralischen Lage am Abhang der Berge, in einer vom Nordwind geschützten und von den Mittagsstralen erwärmten Region, wo es, von den Bergwassern unablässig bespült, ein reinliches, lachendes Aussehen und einen Kranz üppiger Vegetation gewann. Der aufgehende Mond zeigte weiße Mauern, weinlaubbekleidete Terrassen, Treppen mit steinernen Vasen verziert, in welchen die Aloe ihre malerischen, stachligen Blätter ausbreitete, kleine Thürmchen mit runder Kuppel und eine Menge mit Laternen von farbigem Papier erleuchtete Kaufläden voll der schönsten Gemüse und der prächtigsten Früchte, deren reiche Farben und prangende Umrisse sich in dem bunten Geflimmer herrlich hervorhoben. Längs den Straßen liefen massiven Arkaden, unter welche heitere Spaziergänger, ein braves Völkchen, für das jeder schöne Sommerabend eine Feststunde ist und das die Ankunft einer vornehmen Kutsche mit Geschrei und Jubel begrüßte, auf und niederwogte.”

Es folgen noch einige witzige Verwicklungen in der Stadt, bis die Gruppe schließlich in ein Kloster zieht, wo Teverino zeitweilig eine Anstellung findet und sich das hauptsächliche Spannungsmoment der Handlung auflöst.

Dabei handelt es sich natürlich um die Beziehung von Sabina und Leonce. Denn dass deren Freundschaft vielleicht doch mehr sein könnte oder sein sollte, ist Teverino relativ früh klar geworden, und nachdem er einmal ausgetestet hat, ob Sabina nicht an ihm interessiert sein könnte, hat er sich aus unklaren Gründen zum Ziel gesetzt, die beiden zum Paar zumachen. Das gelingt schließlich, während sich zugleich herausstellt, dass Teverino selbst jener geheimnisvolle Liebhaber des Vogelmädchens ist, von dem diese am Anfang erzählt hatte. Interessanterweise versagt Sand beiden Geschichten das vollendete traditionelle Happy End, wie man es von Goethe wahrscheinlich bekommen hätte. Obwohl man sich im Kloster aufhält, heiraten Sabina und Leonce nicht. Wäre auch schwierig gewesen, da die beiden, um überhaupt aufgenommen zu werden, bereits behauptet haben, verheiratet zu sein. Und auch Teverino verspricht dem Vogelmädchen nicht die Ehe, sondern dass er in etwa zwei Jahren zurückkomme, wenn es ihr gestattet sei, zu heiraten. Zumindest vorausgesetzt, er habe sich bis dahin nicht anders ablenken lassen, denn Teverino weiß, dass er relativ leicht abzulenken ist.

„Teverino“ ist meines Erachtens der bisher gelungenste Roman von Sand. Das alles mutet sehr fantastisch an, und wenn ich an den Wilhelm Meister denke, denke ich vielleicht, noch mehr als an den ersten, an den zweiten, da auch eine Landschaft von Allegorien und Lehrmeistern bevölkert wird, die schwierig mit irgendeiner realen Geographie in Deckung zu bringen ist. Doch Sand serviert ihren Handlungsbogen mit einer Leichtigkeit, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Wir bekommen schwelgerisch Landschaftsbilder und ebensolche Stadtszenen. Die skurrilen Figuren sind durchaus ähnlich kraftvoll wie Mignon oder der Harfenspieler, doch während Goethe zumindest im Groben relativ klar macht, welche Lehren wir aus seinen beiden Romanen ziehen sollen, bleibt der Vorstellungsraum von Teverino weit offen. So bleibt der Roman, seiner scheinbaren Leichtigkeit zum Trotz, ein Enigma, dessen Lehren, so sie überhaupt vorhanden sind, sich widersprechen.

„Teverino“ wäre eine uneingeschränkte Empfehlung, doch leider hat der Text ein großes Problem. Die beiden Diener, die ich am Anfang erwähnt habe, sind ein Jockey (wohl die für die Pferde zuständige Person) und eine schwarze Frau, Lele. Und diese wird im Roman durchgängig mit dem (deutschen/französischen) N-Wort bezeichnet. Nun käme ich noch nicht auf die Idee, einen fast 200 Jahre alten Text für die reine Verwendung eines damals historisch gängigen Wortes übermäßig zu kritisieren. Aber ähnlich wie bereits in Klaus Manns „Mephisto“ geht das einher mit einer andauernden Objektifizierung der Frau. Sie tritt eben überhaupt nur als „Die N-Wort“ auf, eine Rolle im Roman, außer da zu sein und Dienerin zu sein, kommt ihr nicht zu, und keine Wendung, aus denen die Hauptfiguren etwas lernen könnten über ihr Verhältnis zur Dienerin, rettet diese Konstruktion in diesem an Wendungen und Lehren ansonsten so überreichen Roman zumindest noch halbwegs. Das ist schade, Zumal Sand, obschon natürlich nicht im heutigen Sinne „politisch korrekt“, ausweislich anderer Texte sehr deutlich auf Seiten des Abolitionismus und der Diskriminierung von Menschen aufgrund von Hautfarbe entgegen stand. Aber diese Figur, deren Name überhaupt nur zweimal erwähnt wird, ist eine total misslungene Konstruktion in einem ansonsten starken Roman.

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