George Sand und die verpasste Rückbindung an das Gesellschaftliche. „Isidora“.

„Isidora“ von George Sand ist wieder eine eher konventionelle Erzählung von etwa 100 Seiten. Der Bruder einer jungen Witwe ist verstorben, und eine andere junge Frau, die ihn gerade erst geheiratet hat, ist Alleinerbin.

Der Text setzt an mit der Öffnung des Testaments, wobei die gesamte Verwandtschaft die Protagonistin bedrängt, das Testament anzufechten (anscheinend kann nur sie das). Denn die Ehefrau des Bruders soll wohl Prostituierte gewesen sein und man vermutet Erbschleicherei. Die Witwe wiederum hat einen Hauslehrer, für den sie, sie ist sich nicht ganz sicher, tiefe Freundschaft oder Liebe empfindet. Sie möchte nun erstmal die Ehefrau des Bruders kennenlernen. Und Überraschung: Die hatte vor einigen Jahren eine Affäre mit dem Hauslehrer.

Ich denke der Text eignet sich gut, um zu illustrieren, was ich meine, wenn ich sage, dass Sands Texten im Vergleich zu beispielsweise Zola, Balzac oder Hugo bisher eine gewisse Tiefe fehlt, eine gesellschaftliche Verankerung. Wir haben hier mindestens zwei Komplexe, die eigentlich nur gesellschaftlich verhandelt werden können: Das Thema „Erbe und wer hat ein Recht zu erben?“ Und das Thema Prostitution oder weiter gefasst: „Wie wird ein Ruf innerhalb einer Gesellschaft determiniert?“

Sand berührt keines dieser beiden Themen nach der Exposition überhaupt noch einmal. Stattdessen befindet die Witwe die Ehefrau des Bruders auf Basis des rein persönlichen Kennenlernens für gut, keiner der Verwandten kommt noch auf die Idee, dazwischen zu funken (sie tauchen einfach nicht mehr auf), keine Erwägung wird angestellt, wie man diese Akzeptanz einer Prostituierten in den Familienkreis der restlichen hohen Gesellschaft verkaufen kann. Stattdessen entwickelt sich eine rein persönliche Liebesgeschichte, in der zuerst die Protagonistin der Ehefrau des Bruders den Hauslehrer zuschustert, bis diese entscheidet, dass sie doch eigentlich nur der Protagonistin und diesem Hauslehrer im Weg steht und sich verdünnisiert. Auch die Charakterzeichnung ist insgesamt vergleichsweise nachlässig, entscheidende Details über den Hauslehrer erfahren wir erst in einem Epilog, in dem so eine Art Tagebuch von ihm aufgefunden wird.
Gewiss kein langweiliger Text, aber gerade angesichts des sozialen Engagements, dass man Sand nachsagt, voller verschenkter Gelegenheiten. Ein Liebesmelodram aus Adelskreisen. Nun muss man eine Einschränkung machen. Der Übersetzer hat, wohl aus Sorge um seine LeserInnen, eine Passage gestrichen:

“Die frühere Begegnung Jacques Laurents mit Isidora ist in der ersten Abtheilung dieser Erzählung enthalten. Weil aber diese erste Abtheilung mit Ausnahme weniger Seiten aus philosophischen Reflexionen und socialistischen Problemen besteht, so hielten wir die Weglassung derselben im „bellet. Ausland“ für passend, um so mehr, da diese Weglassung das Verständnis der Uebrigen nicht beeinträchtigt. Anm. d. Ueb.”

Ich denke allerdings nicht, dass das das Urteil groß verändern dürfte. Denn was dem Roman fehlt, sind ja nicht zehn Seiten politische Theorie, ist kein Traktat sondern eine Rückbindung der angesprochenen und anfangs durchaus auch als sozial präsentierten Konflikte an die gesellschaftliche Ebene.

Bild: Wikiart, gemeinfrei.

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