„Die leuchtende Republik“ von Andrés Barba ist ein dichter Text, der um ein Enigma kreist.

„Die leuchtende Republik“ von Andrés Barba ist ein fesselnder kurzer Roman, der um ein Enigma kreist. In der großen argentinischen Provinzstadt San Cristobal tauchen unbekannte Kinder auf. Sie scheinen in einer Geheimsprache zu kommunizieren, erst betteln sie, dann werden sie auf einmal gewalttätig, plötzlich sind sie verschwunden. Zuletzt verschwinden immer mehr einheimische Kinder der Stadt. Rund um diesen Torso baut Barba eine Erzählung, die sich subtil mit den Mechanismen von Populismus, der Beeinflussbarkeit von Menschen, der Unsicherheit von Erinnerung und dem Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern beschäftigt. Icherzähler und Protagonist ist ein Sozialarbeiter, ursprünglich zugezogen, verheiratet und Vater einer Tochter, die seine Frau aus erster Ehe mitgebracht hat. Ohne dominant zu werden, spielt diese Familiengeschichte auch immer wieder eine wichtige Rolle.

Es ist schwer, die Symbolik des Romans komplett zu entschlüsseln. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass diese Kinder Vorschein einer neuen, einer anderen Art zu leben sein könnten. Aber welcher? Sie stehen sicherlich für kein bekanntes politisches Modell. Anfangs werden sie für entlaufen Kinder indigener Gruppen gehalten, bis man feststellt, dass ihre Sprache keine indigene ist, sondern eine auf dem Spanischen basierende Geheimsprache. Aber ist das mit der neuen Gesellschaft nicht vielleicht auch einfach ein Hirngespinst, eine Projektion des Protagonisten, wo der Roman sich doch in vielfältiger Weise mit solchen Projektionen auf das Kindliche beschäftigt? In jedem Fall treten die Kinder als Bedrohung auf. Zuerst als eingebildete, da die Gemeinde herumstreunende Kinder, die betteln, nicht ertragen möchte. Bald aber als reale. Doch inwieweit schufen die Reaktionen auf die eingebildete Bedrohung die reale erst? Und schließlich scheinen die Kinder zumindest in den jüngeren Bewohnern der Stadt ein Bedürfnis zu wecken, das die Gemeinschaft der Erwachsenen nicht erfüllen kann.

Der Roman erzählt all das in einer zugänglichen, manchmal fast protokollarischen Weise, wobei in die Beobachtung des Protagonisten immer wieder Beobachtungen anderer eingeschaltet sind. Gleichzeitig steht aber auch die Stadt San Cristobal mit ihrem Filz, ihrem Dreck, ihren schönen Momenten und nicht zuletzt ihrem Aberglauben, der manchmal fragen lässt, wie viel von der Geschichte wirklich geschehen ist, sehr plastisch da. Ein gut gemachter dichter Roman, dem für die mehrfache Lektüre vielleicht das letzte Moment an sprachlicher Schönheit oder kompositorischer Besonderheit fehlt, den man aber zumindest einmal mit viel Interesse lesen kann.

Bild: Pixabay.

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