Eine Geschichte von Klasse, Liebe und Musik. „When Voiha wakes“ von Joy Chant.

„When Voiha wakes“ ist weniger die Fortsetzung von Joy Chants „Der Mond der brennenden Bäume“, als der dritte Roman in der gemeinsamen Welt Vandarei dieses Vorgängers und des noch früheren „Red Moon and Black Mountain“. Der Roman spielt in dem relativ kleinen Reich Halilak, das von Frauen regiert wird und das man, wenn man möchte, matriachal nennen kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass solche Labels den Blick auf Details verstellen könnten.

Ein paar Fragen zur Gesellschaftsstruktur

– kurzer Einschub: Dass hier erstmal ein paar kritische Fragen kommen, heißt nicht, dass der Roman schlecht wäre, im Gegenteil. Es ist einer der besseren Fantasy-Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich habe versucht, die Reihenfolge umzustellen, aber so funktioniert der Text besser. Da es aber Leute geben soll, die sich von Kritik abschrecken lassen, dieser Einschub –

Ich hätte mir durchaus gewünscht, dass die Art und Weise, wie diese Herrschaft gesichert wird, noch ein bisschen stärker ausgebreitet wird. Denn es ist keinesfalls so, dass die Autorin einfach klassische Geschlechterrollen vertauscht hätte oder ein existierendes Matriachat nachgebaut. Zwar füllen Frauen Regierungspositionen aus und nehmen sich in relativer libertiner Art Liebhaber, wie man es besonders von Teilen des viktorianischen männlichen Adels (und durchaus, wenn sie geschickt waren, auch eines kleineren Teils des weiblichen Adels), kennt, und sie scheinen den Handel zu kontrollieren, doch werden alle handwerklichen Position von Männern besetzt, Männer kontrollieren die Zünfte, sie messen sich aneinander in allerlei Formen von Wettkampf und es wird mehrfach angedeutet, dass sie zumindest in der Breite körperlich überlegen seien. Auch die Arbeiterklasse, sozusagen, da wir in einer noch nicht stark industrialisierten Welt leben, eine Form des Prä-Proletariats, scheint durchweg männlich zu sein (das erfahren wir, als der Protagonist aus seiner Zunft zu fliegen droht). All das hat mir beim Lesen zwei Fragen aufgedrängt: Ist in dieser Gesellschaft etwa die Hälfte der Bevölkerung (also alle Frauen) so etwas ähnliches wie der Adel in unserem Spätmittelalter? Wie wird diese gigantische Klasse dann versorgt? Oder werden viel mehr Männer als Frauen geboren? Und wenn tatsächlich die Gesellschaft aus 50 oder 90 Prozent Männern besteht, die sich in körperlicher Ertüchtigung üben und für die verschiedenen Formen des Wettkampfes Teil ihres Alltags sind, wieso sind die nie auf die Idee gekommen, mal eine kleine Revolution anzuzetteln? Nicht falsch verstehen, das ist keine Frage nach dem Motto „Männer sind Frauen doch sowieso überlegen, die könnten die doch locker platt machen.“ Ich würde mich das ebenso fragen, hättet Chant eine Situation ausgemalt, in der eine kleine männliche Oberklasse eine scheinbare Masse weiblicher Untertanen regieren würde und diese von wichtigen Sphären der Gesellschaft ausschließen, insbesondere wenn diese weiblichen Untertanen in Wettkämpfen geschult werden und die Produktionsmittel kontrollieren. Interessanterweise verliert der Text auch niemals ein Wort darüber, wer eigentlich das Kriegshandwerk ausführt, wenn es ein solches gibt. Läge das in Frauenhand, hätten wir eine zufriedenstellende Antwort auf meine Fragen. Mehrfach angedeutet wird, dass es den Frauen gelungen ist, bis heute vor den Männern zu verbergen, wie Kinder eigentlich entstehen. Ein wichtiges Datei, denn die relative Vatersicherheit beim Wechsel von nomadischen zu sesshaften Gesellschaften wird mW als ein entscheidender Grund angesehen, warum Patriarchate Matriarchate ablösen konnten. Ansonsten erklärte der Roman die Gesellschaftsstruktur vor allem mit Religion und Erziehung, doch auch das wird kaum ausgeführt.

Eine starke erwachsene Geschichte

Zum Glück bedeuten gewisse Inkonsequenzen beim Worldbuilding nicht, das ein Roman misslungen ist. Man grübelt dann und wann ein wenig darüber, und das muss nichts schlechtes sein. Das gedankliche Engagement mit der Romanwelt mag sogar ein größerer Erfolg sein als ein einfaches Schulterzuckendes „okay, so ist die Welt also.“
Und „When Voiha wakes“ ist sogar ein richtig starker Roman. Es ist einer dieser Texte, die viel öfter im fantastischen Setting erscheinen müssten. Denn selbst die gemeinhin als herausragend anerkannten Texte sind bis heute doch meist erweiterte Abenteuerromane. Die Frage „wer ist der Böse?“ ist relativ leicht zu beantworten, was sich entgegen einer anscheinend verbreiteten Vorstellung auch nicht dadurch auflösen lässt, dass nun die Figuren öfter „grau“ sind. Kriege, Rettungsmissionen, und oft genug noch immer gleich die Rettung der Welt stehen im Mittelpunkt. Ganz ehrlich, wie viele Romane etwa des bürgerlichen Realismus kennt ihr, die wirklich hoch gehandelt werden und bei denen das so ist? Dass wir in der Fantasy einfache Geschichten lesen, etwa von der Dienstmagd, die nicht irgendwann zu einer mächtigen Magierin wird, von der Händlerin, die vor allem ihr Geschäft im Kopf hat, usw. bleibt äußerst selten. „When Voiha wakes“ aber ist genau so eine Geschichte. Hier wird nicht eine Schlacht geschlagen, hier wird nicht mal ein Schwert gezückt. Die „junge Herrin“ Rahiké verliebt sich in Mairilek, der eine Töpferlehre macht. Anfangs denkt man, sie habe sich nur endlich wieder einen Liebhaber genommen, die Tochter ist immerhin schon seit einigen Jahren auf der Welt. Auch Rahiké mag das denken, doch bald wird ihr klar, dass sie diesen jungen Mann wirklich liebt. Der aber wiederum ist nicht zufrieden mit seiner Töpfer-Zukunft und kann sich auch keine andere Handwerkskunst vorstellen. Die Musik hat es ihm angetan, seit vor langer Zeit einmal Musiker durchs Land gezogen sind. Rahiké will ihn nicht ermutigen, und ermutigt ihn doch, und das sorgt in ihrem Umfeld für Unmut. „When Voiha wakes“ ist ein Roman der Liebe und der Musik, und geht in beiden Themenfeldern, die er verschränkt, durchaus in eine gewisse Tiefe. So hat Rahiké nicht mal wirklich ein Verständnis für Musik, und es braucht lange, bis sie zumindest geistig nachvollziehen kann, was Mairilek vorschwebt. Und der, unbeleckt vom musikalischen Zunftwesen, das es irgendwo, doch außerhalb seiner Reichweite, wohl geben muss, entdeckt einige Dinge, die diesem wahrscheinlich unbekannt sind. Etwa etwas, das man als eine frei fließende Kontrapunktik bezeichnen könnte. Das Setzen mehrere Melodien gegeneinander, das man der Beschreibung nach vielleicht am ehesten mit Renaissance-Vorläufern der Stücke Bela Bartoks vergleichen könnte. Und dieses Konzept wiederum hilft Rahiké und Mairilek ihre Liebe zu verstehen, und als Rahiké die Liebe aus Musik heraus verstanden hat, sieht sie endlich auch die Musik von Mairilek mit anderen Augen.
Mairilek ist durchaus gewissermaßen ein Revolutionär, er rüttelt am System, aber nicht so, wie man es in den meisten ähnlichen Texten erwarten würde, indem er entweder die Männer gegen die Frauen führt oder durch die Beziehung von Rahiké und Mairilek eine andere Art von Gesellschaftsform entsteht. Mairilek bringt, ohne politisches Bestreben könnte man sagen, einen neuen Ton in die Gesellschaft, der von Rahiké gefördert wird und verstärkt. Doch, ohne zuviel „spoilern“ zu wollen, sorgt das nicht dafür, dass Rahiké das System, über das sie zu herrschen ausersehen ist, verwirft, sondern vielmehr dafür, dass sie als Herrscherin reift und lernt, schwere Entscheidungen zu treffen, sowohl gegen ihre unmittelbaren Bedürfnisse als auch gegen das unmittelbare Nase rümpfen der „Gesellschaft“, doch nicht gegen diese, sondern mittelfristig gedacht in deren Sinne.

Vielleicht sollte man noch den Begriff „junger Herrin“ klären, mit dem Rahiké immer wieder bezeichnet wird. Auf den ersten Seiten könnte es scheinen, es handelt es sich um die Nachfolgerin der uneingeschränkten Herrscherin dieser matriachalen Gesellschaft. Doch so ist es nicht, und dann würde die Geschichte auch kaum funktionieren. Vielmehr scheint das größere Land in viele kleine relativ autonome Regionen gegliedert, die ähnlichen, aber nicht vollkommen gleichen Gebräuchen folgen. Rahiké hat, wenn sie als Herrscherin aufrückt, vielleicht ein paar hundert, vielleicht ein paar tausend Menschen unter sich, ist also nicht dem gleichen strengen Protokoll unterworfen, dem die Königin eines Reiches unterworfen wäre. Innerhalb dieses Rahmens ist die Erzählung sehr plausibel, zumal es zwar eine Art Zentralregierung gibt, die aber mit großer Distanz, eher dem Ideal nach, zu regieren scheint.

Gelungene stilistische Gestaltung

„When Voiha wakes“ ist ein stark erzählter Roman. Sowohl seine zentrale Geschichte als auch die Gestaltung ihrer Haupt und Nebenfiguren ist gelungen. Niemand ist einfach nur ihre Funktion, alle Figuren, die etwas mehr Raum bekommen, wirken wie „echte Menschen“, mit Bedürfnissen, die nicht einfach in den gesellschaftlichen Gepflogenheiten aufgehen, ohne dass Abweichungen zugleich sofort ein Akt der Rebellion wären. Auch stilistisch gibt es viel Schönes zu lesend, Beschreibungen von Landschaft, Dorf bzw. Stadt, Jahreszeitenwechsel und natürlich Musik. Das „Wortbuilding“ hat wie gesagt ein paar Lücken – (eine weitere: hat Halilak eigentlich keinen Kontakt zu den anderen Gesellschaften in Vandarei, die ja als relativ kriegerisch und definitiv nicht matriachal beschrieben wurden? Wenn nein, wie gelingt das? Wenn ja, sollten von dort nicht ständig Ideen eines anderen Lebens hereinschwappen?) – Aber es gibt Schlimmeres. Man bastelt sich eben entweder eine Erklärung zurecht oder ignoriert es einfach. Wir ignorieren ja auch, dass Gareth, die größte Stadt des DSA Universums, nicht einmal in der nähe eines Flusses liegt und dennoch irgendwie ihre 100.000 Einwohner versorgt und dass Tolkiens Mittelerde eigentlich gar keine Ökonomie hat, die der Rede wert wäre. Bei dem, worauf es wirklich ankommt, glänzt „When Voiha wakes“ noch mehr, glaube ich, als „Der Mond der brennenden Bäume“ (dessen Lektüre bei mir zugegeben schon wieder so weit zurückliegt, dass ich die Hand dafür nicht ins Feuer legen kann). Beides sind in jedem Fall sowohl ungewöhnliche, als auch ungewöhnlich starke phantastische Romane.

Bild: wikiart, gemeinfrei

PS: Auch bei Alessandra, die mich ursprünglich auf Joy Chant hingewiesen hat, gibt es einen Text zum Roman.

2 Kommentare zu „Eine Geschichte von Klasse, Liebe und Musik. „When Voiha wakes“ von Joy Chant.

  1. 30 Jahre Begeisterung für DSA – aber das mit Gareth ist mir nie aufgefallen. :-) Wenigstens liegt es ja quasi zwischen zwei Flüssen bzw. Seen, vielleicht erklärt das irgendwie, wie … keine Ahnung.

    Fantasy-Romane, die nicht die einundrölfzigste Weltrettungsgeschichte durch „the chosen one“ erzählen, erzeugen immer mein Interesse. Inwieweit ist denn die Kenntnis der anderen Romane hilfreich?

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    1. Hatte das ursprünglich auch aus 2. Hand in einem langen Thread über Aventurische Inkonsistenzen. Ich finde mittlerweile tatsächlich Karten mit und ohne (größeren) Fluss. In Wiki Aventurica steht „Die Siedlung Gareth wird am Zusammenfluss von Gardel und Wirselbach gegründet.“
      Nunja. Dass eine Großstadt an einem Rinnsal liegt, ist zumindest recht unwahrscheinlich, auch wenn es Ausnahmen geben mag, wobei mir keine einfällt.

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