Dichter spannender Text, der auch sprachlich überzeugt. „Eine Liebe in Pjöngjang“ von Andreas Stichmann.

„Eine Liebe in Pjöngjang“ von Andreas Stichmann hat einen großen Vorteil. Der kurze Roman spielt in Nordkorea. Wieso ist das von Vorteil?

Nun, die Bildungsbürgerinnen-Handlung (Claudia, Nähe Rentenalter, ist seit 8 Jahren Präsident des Verbandes europäischer Bibliotheken, und überlegt, Mangels Sinn ihre Karriere an den Nagel zu hängen), ist, so unspannend sie klingt, durchweg spannend, da sie sich vor dem Hintergrund von Claudia letzter Nordkoreareise entfaltet. Und hier kann jeder Fauxpas zum ernsthaften Problem werden.

Und dann lernt die Protagonistin auch noch eine jüngere Nordkoreanerin (Sunmi) kennen, die dazu abgestellt ist, sie freundlich zu überwachen. Und die sich ihr öffnet… Oder doch nicht?

Das ist sehr geschickt gestaltet. Denn obwohl Sunmi ebenfalls zu Fokus-Figur wird, und wir somit Teile ihres Innenlebens kennen, bleibt bis zum Schluss unklar, ob der Fluchtversuch, zu dem sie Claudia überredet, ein ernstgemeinter Versuch ist, oder ob sie vorhat, die „Freundin“ damit ans Messer zu liefern. Denn Sunmi selbst hält sich beide Optionen offen.

Auch sprachlich überzeugt der Roman, der zwischenzeitlich seine Hauptfigur, nachdem sie eine eskalierte Doktorarbeit von Sunmi gelesen hat, die zu so einer Art großen literaturtheoretischem Poem geworden ist, sagen lässt:

“Anders als zu Goethes Zeiten fürchte man in der BRD den hohen Ton […] Diese Verzwergungstendenz des Gegenwartsdeutschen sei ihr ein Graus.”

Der Text versucht eine Balance zwischen beiden notwendigen Welten. Der des kühlen faktischen Beschreibens, die das Szenario nahelegt, und der der poetischen Ausgestaltung, die die Innenperspektive der Figuren verlangt.

“Pjöngjang war die Stadt der wenigen Farben. Über einem Feld ungeheuer symmetrischer Wohnriegel stand die stumpfsilberne Sonne. Die schraubenförmigen Bauten des Wissenschaftlerviertels schimmerten in einem unaufgeregten Marzipanrosa. Keine Musik. Keine Sitzgelegenheiten. Keine Menschengruppen. Keine Teenie-Trauben. Keine als solche zu erkennenden Geschäfte oder Restaurants, keine Aufschriften, keine Cafés, kein Lärm. Immer nur: Plattenbau, breite Straße, einfarbige Wand. Schneekugelstille herrschte unter der aufblendenden Sonne.”

Dabei werden auch immer wieder sprachliche Eigenheiten der Figuren in Beschreibungen in der dritten Person mit hinein genommen. Etwa sich einschleichendes Denglisch:

“Den Ginsengschnaps liebte sie inzwischen. Eine scharfe Egalness lag darin.”

Es gibt eine knappe Handvoll Momente, in denen das etwas zu gezwungen wirkt. Aber man findet doch lieber ein paar solche, als einen Text, der nichts wagt. Ein Fremdscham-Moment ist schnell vorbei, ein belangloser Text zieht sich ewig.

Also: Dicht, sprachlich über weite Strecken gelungen, und auch noch thematisch mitreißend. Eine „Eine Liebe in Pjöngjang“ darf von mir aus ruhig von der Longlist auf die Shortlist wandern und wäre Stand jetzt, nach fünf Büchern, mein Favorit auf den Preis. Bonuspunkte, weil anders, als der Titel befürchten ließ, der Roman keine Schmonzette ist, sondern tatsächlich subtil eine Freundschaft mit möglicherweise erotischen Untertönen behandelt, bei der sich beide Seiten und selbst wir als Lesende nicht einmal über den Aspekt der Freundschaft wirklich sicher sein können.

Bild: Pixabay.

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