Erzählerisch schwache Dystopie als weiterer Innenschau-Roman. „Auf See“ von Teresia Enzensberger.

Aus der ZEIT habe ich gerade gelernt, Literaturkritik könne einen Roman wie „Auf See“ von Theresia Enzensberger gar nicht mehr kritisieren, da dieser derart sein Publikum zur Identifikation einlade, dass man höchstens noch beschreiben können was ist (welchen Markt hat der Roman? wer identifiziert sich? usw. usf.). Zumindest habe ich das gelernt, falls ich den etwas verqueren Gedanken richtig verstanden habe. Herrje. Als wären Identifikationsromane etwas Neues. So sehr bestimmte Formen des identifikatorischen Lesens Zeitgeist sein mögen – Kinderbücher für Erwachsene haben Paulo Coelho und Haruki Murakami erfolgreich gemacht, und die Literaturkritik hat immer wieder gezeigt, dass man sich durchaus kritisch mit solchen Werken auseinandersetzen kann.
Aber mag sein, die heutige Literaturkritik kann das tatsächlich nicht mehr. Zumindest die professionelle, bei der man vielleicht auch in erster Linie beschreiben müsste, was ist (welche Märkte bestimmen sie, wer ist ihre Zielgruppe, mit welchen Schriftstellern und Verlagen möchte man es sich für die nächste Party oder zwecks Anschlussverwertung als Journalist/Romancier nicht verderben, wer ist mit wem befreundet usw. usf.).
Nun, die Kritik kann dann halt nicht, ich aber kann, und ich werde: kritisieren. „Auf See“ ist ein relativ kurzer dystopischer Roman, der dennoch knapp zwei Drittel überflüssigen Text enthält, und dabei aus dem eigentlich interessanten Drittel nichts macht. Dieses Drittel hätte nämlich das Potential, die Infodumps aus den anderen beiden überflüssig zu machen. „Auf See“ ist derweil meines Erachtens gar nicht unbedingt so ein reines Identifikationsangebot an ein bestimmtes (ich unterstelle einmal, progressiv gedachtes) Milieu, also sollte doch auch die professionelle Literaturkritik eigentlich mit dem Kritisieren zurande kommen.

“…ein relativ kurzer dystopischer Roman…”

Nun gut. Worum geht’s? Yada lebt in der Seestadt, die ihr Vater mit errichtet hat und gewissermaßen regiert. An Land soll es eine Katastrophe gegeben haben, hier soll eine neue Welt aufgebaut werden. Die Seestadt hat eine Vorgeschichte irgendwo zwischen radikal kapitalistischem Libertarismus, zu dem der Vater sich bekennt und kollektivistischeren Utopien, wobei sich ersteres durchgesetzt hat. Yada gefällt der Weg nicht, den die Seestadt genommen hat, erst recherchiert sie und bekommt mit, dass die Arbeiter dort unzufrieden sind, dann helfen die ihr, zu fliehen. Sie kommt an Land an und stellt fest, dass die Katastrophe so groß nicht gewesen sein kann, zwar lebt die Mutter in einer Art Lager im Tiergarten, doch insgesamt scheint die Infrastruktur Europas weiterhin zu bestehen, es gibt Staaten, es gibt Polizei, es gibt einen wie immer leidlich funktionierenden Kapitalismus und sogar eine Startupkultur (natürlich).

“…der dennoch knapp zwei Drittel überflüssigen Text enthält…”

Das Insel-Szenario böte alles, was es bräuchte, um eine hochinteressante Geschichte zu erzählen, die alles enthält, was der Roman wohl vermitteln möchte. Doch „Auf See“ erzählt stattdessen noch eine zweite Geschichte, die der Künstlerin Helena, die in einer Welt die der unsrigen gleicht als Kunstprojekt eine Sekte gründet und sich plötzlich als Anführerin einer echten Sekte wiederfindet. Lange ist überhaupt nicht klar, wo sich dieses Erzählung hin entwickeln soll, außer dass sie der Autorin viel Platz liefert für die leidlich bekannten Invektiven gegen und Abhandlungen über Neoliberalismus, Gentrifizierung, Manipulierbarkeit von Menschen, Religion et cetera, sowie verdiente, doch ebenfalls ausgelutschte, Witze über den modernen Kunstbetrieb. Gegen Ende wird klar: Helena ist die Mutter von Yada, und das ist sozusagen die Vorgeschichte, wobei allerdings die Entstehung der Insel in höchstens einem Zehntel dieser Vorgeschichte abgehandelt wird. Der Rest: s.o. Wie leicht hätte man das mit viel mehr Kraft in kurzen Erinnerungen Yadas oder Gesprächen auf der Insel in die erste Erzählung integrieren können.
Und dann ist da noch ein dritter Strang, der sich „Archiv“ nennt und von verschiedenen Versuchen ähnlicher Staatsgründungen spricht, Leicester Hemingways Inselprojekt, die vielleicht fiktive, vielleicht reale Piraten Gesellschaft Libertatia und einige mehr. All diese Passagen sind reine Infodumps, Sie gleichen noch mehr als die Invektiven und Abhandlungen im Helena-Plot Wikipediaartikeln. Was nicht heißen soll, dass nicht auch der Yada-Plot selbst genügend ähnliche reine Infopassagen enthalten würde. Auch hier: Wie viel intensiver, wie viel ästhetisch integrierter ins Ganze hätte man solche früheren utopischen Projekte in Gesprächen auf der Seestadt abhandeln können, und den Leserinnen und Lesern das Nachschlagen auf Wikipedia überlassen.

“…und dabei aus dem eigentlich interessanten Drittel nichts macht…”

Ach, diese verschwendete Seestadt. Wirklich ein Bild vor Augen von diesem Ding hat man auch nicht, wenn man durch die knapp 200 Seiten oder 6 Stunden Hörbuch durch ist. Das plastischste Bild der Seestadt stammt aus dem Klappentext: „In den Jahren seit ihrer Gründung ist ihr Glanz vergangen, Algen und Moos überwuchern die einst spiegelnden Flächen.“
Denn während sich Yada auf der Seestadt befindet, macht sie das, was heute fast alle braven ProtagonistInnen moderner bildungsbürgerlicher Romane machen. Sie schaut kaum nach außen, gibt uns keine Bilder von Aussehen, Gerüchen der Seestadt, vom Gefühl, auf dem Meer zu leben, von den Menschen, die dort miteinander in alltägliche Interaktion treten. Sondern sie schaut in sich hinein. Sie reflektiert über ihre psychischen Zustände, macht Therapie, und denkt nach über Neoliberalismus und Gentrifizierung und solche Dinge. Nach einer Naturkatastrophe, von der sie glaubt, dass die halbe Welt vernichtet sei und die Seestadt einer von wenigen, wenn auch fehlerhaften, Resten von Zivilisation! Selbst wenn es mal zu Gesprächen kommt, laufen die meist nach dem Motto „er erzählte mir, dass… → Abhandlung über Thema XY“ ab.
Ich wiederhole es: Wie naheliegend wäre es gewesen, die Infodumps der anderen beiden Teile hier zu integrieren, Fragen von Freiheit und Verantwortung in Konflikten auf der Insel auszuagieren und dabei ältere Utopien in Gedanken und Gesprächen einzuflechten.
Schließlich merkt Yada, dass sie mit ihrem Unmut nicht alleine ist, und stolpert in eine Situation unter den ArbeiterInnen, die durchaus revolutionäres Potential in sich trägt. Welch eine intensive Auseinandersetzung hätte man hier gestalten können, rund um Fragen wie: lässt sich die Kluft zwischen den Angestellten und der Tochter des Chefs überwinden? Wer hat wirklich die Macht in einem libertären Staatskonstrukt, das, wenn überhaupt, schwach gesichert ist bezüglich Bewaffnung und andere Vorkehrungen gegen den Aufstand derer, die die alltägliche Arbeit verrichten. Man überlege nur mal, was George Eliot, die in Silas Marner so lebendig aus einem Kneipengespräch ein ganzes Dorf vor Augen führt, mit dieser Situation veranstaltet hätte. Aber nein, die unzufriedenen Angestellten sind ein Vehikel zur Flucht, sodass Yada im Berliner Tiergarten dann mehr über Gentrifizierung und Neoliberalismus nachdenken kann.

“… kein reines Identifikationsangebot…”

Und das ist dann auch einer der Gründe, warum ich „Auf See“ nicht für einen Roman mit klarem Identifikationsangebot halte. Die Hauptfigur dürfte den Teil des progressiven Spektrums abstoßen, der immer stärker auf Aktionen drängt, darauf, wirklich etwas zu verändern. Selbst nach scheinbarer Apokalypse und in einer definitiv revolutionären Situation ist diese Figur stattdessen mehrfach auf Absicherung bedacht, und wenn dann etwas geschehen soll, hat sie nicht das Proletariat, sondern ihre Künstlermutter an ihrer Seite und selbst dann geschieht nichts, keiner der angedeuteten Konflikte wird entfaltet und aufgelöst. Aber auch, für wen kritische Reflexion mittlerweile eher Selbstzweck geworden ist, kann Yada kaum Identifikationsfigur sein. Viel zu sehr stellt sie einen Menschentypus vor, der eben erst recht unglücklich wäre, würden ihm Mittel zur Hand gegeben, das Unglück zu überwinden. Soweit ist der Roman durchaus (gewollte? ungewollte?) linksbürgerliche Selbstkritik. Und nicht zuletzt macht sich der Roman dann auch noch hier und da über geliebte Steckenpferde des linken Flügels der Bourgeoisie lustig, eben etwa den modernen Kunstbetrieb und den Aktivismus als Hobby.

„Auf See“ ist kein gelungener Roman. Das zieht sich bis in die Sprache hinein, wo man immer wieder über krumme Sätze stolpert, etwa (die Protagonistin befindet sich unter der Dusche): “…das laufende Wasser war gut…”.

Wirklich? Das laufende Wasser war gut? In welchem Sinne denn? Gut wie Jesus, der den Armen half? Gut im Sinne von rein, von hoher Qualität? Warum nicht „das laufende Wasser fühlte sich gut an auf der Haut”, oder besser noch: Eine Qualifikation dessen, was „sich gut anfühlen“ in diesem Moment für die Protagonistin bedeuten könnte (wohltuend? wärmend? belebend? erfrischend?).

Oder auch über seltsame Dopplungen, die nicht wirken, wie zwecks poetischer Emphase gesetzt, sondern eher, wie durchs Lektorat gerutscht. Etwa hier:

“Ihre einzige Bedingung k l a n g wie ein Mantra, wie ein Sinnspruch, der immer sinnloser k l a n g , je länger er in meinem Kopf nachhalte”

Kein gelungener Roman also, was schade ist, da das Setting durchaus Potenzial hat. Auf sehr viel weniger Raum findet man etwas ähnliches deutlich stärker umgesetzte bei Myra Çakan im Roman „When the Music’s over“, und auch der Film „Die Roseninsel“ behandelt Konflikte, wie sie Enzensberger vorschweben. Bzw.: Der Film behandelt sie, „Auf See“ dagegen referiert vor allem.

Bild: Pixabay.

3 Kommentare zu „Erzählerisch schwache Dystopie als weiterer Innenschau-Roman. „Auf See“ von Teresia Enzensberger.

    1. Ja, die Klappentexte lesen sich wieder größtenteils nach dieser immergleichen sensibel-gutbürgerlicher Selbstbespiegelungsliteratur, aber eine interessante Prämisse macht ja auch noch keinen guten Text. Daher – 2,3 gute Titel werden wohl drunter sein. Aber eigentlich sollte so ein Preis davon schon 20 zusammenbekommen…

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