Spannungslose Biographie einer fiktiven Figur. “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” ist vor allem ein Roman, weil es drauf steht.

“Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” (Buch 1 – Ein junger Herr aus Neapel) von Andrea Giovene ist tatsächlich genau das, was der Titel behauptet. Eine Autobiographie. Natürlich müssen wir das ganze als Roman nehmen, wir können nicht einfach sagen: das ist doch kein Roman, weil bis heute es nicht gelungen ist, auch nur annähernd objektiv zu definieren, was das sein könnte, ein Roman. Also: Roman ist, wenn es der Autor sagt. Allerdings kann man sich sicher sein: wenn nicht Roman drauf stehen würde, wenn der Text stattdessen „Die Autobiographie des Andrea Giovene“ heißen würde oder anderweitig nicht bekannt wäre, dass Giuliano di Sansevero eine fiktive Figur in einem fiktionalen Text sein soll, käme niemand auf die Idee, diesen Text als Roman zu bezeichnen. Und eine Autobiografie ist kein guter Roman. Auch eine fiktive Autobiographie ist, selbst wenn wir sie als Roman nehmen müssen, dann eben kein guter.

Der Text hebt an mit dem Protagonisten und seiner Schwester, wie sie einen Stammbaum durchgehen und Bilder anschauen. Gelegenheit, viele kleine Anekdoten über Figuren der Familie auszubreiten, die teils Jahrhunderte weit zurückreichen. Schon das ist ein bisschen lahm, zumal diese Anekdoten später nicht wirklich von Bedeutung sein werden, aber man denkt sich: gut, das ist die Exposition, und es ist zumindest eine Exposition die ein bisschen interessanter ist, als hätte einfach irgendein auktorialer Erzähler 500 Jahre Vorgeschichte zusammengefasst. Der Stil ist der ausgreifende klassischer bürgerliche Romane, die Sprache also zumindest halbwegs angenehm. Dann erleben wir… Nein, ich muss mich korrigieren, erleben ist wirklich absoluter Quatsch. Dann erzählt uns also der Ich-Erzähler Giuliano di Sansevero von seiner Kindheit in dieser offenkundig alten und wohlhabenden Familie. Eines Tages aber wird er in ein katholisches Internat gesteckt. Hey, vielleicht passiert ja jetzt langsam etwas, vielleicht baut sich ja jetzt so eine Art Konflikt auf zwischen Familienleben, Internatsleben, und jugendlichem Freiheitsdrang? Nicht wirklich. Auch wieder praktisch ohne vors Auge gestellte Interaktionen (Handlungen, Dialoge) wird ein langes Internatskapitel heruntergebetet. Der Protagonist findet einen Freund fürs Leben, der verloren geht, sobald er das Internat verlässt und auch der taucht außer als „schade, dass XY nicht da ist“ danach nicht mehr auf. Also wieder Familienleben. Und Schule. Der Jugendliche Giuliano di Sansevero Gerät an Freunde, mit denen er Poker spielt und regelmäßig verliert, wofür er den Eltern verschiedene Gegenstände klaut, um die Schulden zu begleichen. Hey, daraus könnte doch… Ach, vergesst es. Konsequenzen: Fehlanzeige. Das Thema wird wieder fallen gelassen. Der Junge wechselt die Klasse und auch die Pokerfreunde sind weg. Und so weiter. Ich denke, ihr seht was ich meine. Dieser Roman enthält kein Spannungsmoment, weder ein aufs Ende gerichtetes, das aus einem Konflikt des Protagonisten und seiner Umwelt entstehen könnte, noch eine Art von Tiefenspannung, wie sie etwa durch Ideen, die aufeinanderprallen und entwickelt und verhandelt werden, aufgebaut werden kann. Wann immer auch nur die Chance bestünde, einen längerfristigen Konflikt aufzubauen, löst ihn Autor Giovene praktisch noch auf der gleichen Seite auf. Ein letztes Beispiel. Wir erfahren, dass die Schwester eine Liebelei mit einem Kleinbürger hatte, die die Familie in ein schlechtes Licht stellen könnte. Es gibt Briefe, und Giuliano di Sansevero wird die Aufgabe übertragen, sie irgendwie zurückzubekommen. Buchstäblich direkt im Anschluss:

“Ich nahm es also auf mich, die Schule zu besuchen und mich mit dem Präsidenten sehen zu lassen, der auf eine Fördersumme seitens Gian Luigis hoffte. Bei einem zweiten Besuch bot sich mir die Gelegenheit, dem Maler auf einem Treppenabsatz im Bürobereich des Rektors gegenüberzutreten. Wir waren allein. »Sie wissen, wer ich bin«, zischte ich ihn mit konzentriertem Zorn an, denn in diesem Augenblick war mir danach, ihm an die Gurgel zu springen, weil er meine arme Schwester missbraucht hatte. »Und ich weiß, dass Sie zwei Schritt von hier entfernt wohnen. Ich gebe Ihnen eine Viertelstunde, um mir Cristinas Briefe zurückzubringen. Ich warte an der Türe auf Sie!« Ich drohte ihm mit nichts, gleichwohl erschrak er. Ohne etwas zu erwidern, stimmte er zu und biss sich auf die Lippen. Kurz darauf kam er mit dem Päckchen Briefe zurück. Mit einem unsagbaren Gefühl der Beschämung erblickte ich sie: das wunderschöne handgeschöpfte Papier, die Siegel mit violettem Siegellack, ihre d’annunzianische Handschrift. »Lassen Sie sich nicht mehr blicken«, sagte ich mit zusammengepressten Zähnen. Und damit floh ich und fühlte im selben Augenblick, dass mein Mut und meine Energie erschöpft waren.”

Relativ spät im Roman taucht dann auch noch die Erinnerung an eine Jugendliebe auf, über die Giuliano zuerst sagt:

“Nach annähernd drei Monaten der Beharrlichkeit erfuhr ich, dass Nerina wieder in Neapel war, als Gast bei gemeinsamen Freunden in einer Villa nahe Miseno. Als ich sie an diesem einsam gelegenen Strand wiedersehen konnte, vor welchem der blaue Streifen des Meeres sich im Licht auflöste, begriff ich in einem einzigen Augenblick alle unsere Dichter. Als Erbe dieses glorreichen Geschlechts, verwandt im Empfinden und mit der Vielzahl der Stimmen vertraut, erkannte ich Beatrice, Laura, Fiammetta, Eleonora, versammelt in einer einzigen Gestalt: Synthese und Summe all dessen, was der Mensch in der Lage ist, im Absoluten zu erfühlen, doch in mir war es wie in einer ursprünglichen Unschuld des Herzens erneuert.”

Und dann, nur einige Seiten später:

“Mit Nerina starb meine ganze Jugend und zugleich der Mann, der ich war. Der einzige Weg zu überleben bestand in einem Neuanfang”

„Habe ich etwas verpasst?“, dachte ich mir. Kam irgendwann früher im Roman eine solche große Liebe vor, die entfaltet wurde, entwickelt, bei der die Figuren in Interaktion traten und ich sollte das schon wieder ganz vergessen haben, weil der Rest so langweilig ist? Nein, keinesfalls. Tatsächlich handelt es sich um eine junge Frau, die der Protagonist einmal auf einem Ball gesehen hat und mit der er auch gesprochen haben muss, allerdings scheint der Autor zu denken: Einen Dialog, wie die miteinander sprechen, den schreibe ich lieber nicht hin, das weckt meine Leserinnen und Leser am Ende noch aus dem Tiefschlaf, in den ich sie versetzt habe. Zwischen dem Kennenlernen und der tragischen Trennung, die wir dem Autor als solche glauben sollen, einfach nur, weil er ihre Tragik behauptet, liegen vielleicht knapp zehn Seiten!

“Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” (Buch 1 – Ein junger Herr aus Neapel) ist der erste von fünf Romanen, wegen denen Giovene zeitweise sogar für den Nobelpreis im Gespräch gewesen sein soll. Nun ja, der Literaturnobelpreis war noch nie konsistent ein Preis für gelungene Literatur, sondern eine Wundertüte, die mal Literatur auszeichnet, mal Gesinnung, und zwischendurch auch einmal dafür gewonnen wird, dass jemand einen Krieg gegen die Nazis gewonnen hat (Churchill).

“Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” ist kein gelungener Roman, nicht einmal ein durchschnittlicher. Zumindest gilt das für den ersten Teil. Ich weiß natürlich nicht, ob sich die späteren Teile, die sich mit ganz anderen Lebenssituationen beschäftigen, auch stilistisch davon abheben. Es ist ja möglich, dass der erste bräsig-bürgerliche Teil dieser Autobiographie mit voller Absicht stilistisch wie der nur denkbar drögeste bürgerliche Roman erzählt wurde. Allerdings wäre das eine recht dumme Entscheidung. Denn ein absichtlich langweiliger Text ist immer noch ein langweiliger Text. Allein, weil dieser Roman mit seinen insgesamt fünf Bänden lang ist, sollte man Autoren wie Thomas Mann, Marcel Proust oder George Eliot nicht das Unrecht tun, ihn mit den Werken dieser Künstler zu vergleichen. “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” fehlt in allen Bereichen: Im Aufbau einer mitreißenden Handlung, im ästhetisch produktiven gegeneinander Stellen unterschiedlicher Positionen und deren dialektischer Verhandlung, und zuletzt auch als eines dieser Sprachkunstwerke, die vielleicht tatsächlich weder Konflikt noch eine andere Art von Spannung brauchen, weil Rhythmus und Melodie und/oder der strukturelle Aufbau reichen, um durch das Werk zu tragen.

Bliebe als Argument für den Text höchstens noch die historische Bedeutung, denn das erste Buch führt uns in den Faschismus hinein, und dieser wird mit Sicherheit dann auch in den nächsten Bänden eine wichtige Rolle spielen. Allerdings gibt es dafür nun auch gute Geschichtsbücher, und gerade weil sich der Autor entschieden hat, „Roman“ auf den Buchdeckel drucken zu lassen, kann man den Text kaum als verlässliche Quelle ansehen, nicht einmal als persönliche Quelle. Nur so ist überhaupt auch zu entschuldigen, dass für die Tatsache, dass der Faschismus in Neapel schwer Fuß fasste, das „geschichtliche Bewusstsein“ der Neapolitaner genannt wird, als seien Faschismus und Geschichtsbewusstsein, besonders ein nationales Geschichtsbewusstsein, unvereinbar. In Wirklichkeit hatten Neapel und Sizilien einfach schon eine halblegale Struktur starker Männer und sie unterstützender Frauen, zu denen der Faschismus in Konkurrenz stand, und mit der Mussolini dann einen langen Kampf kämpfte. Die Mafia. Von der allerdings kein Wort in diesem Roman. Und das ist nicht die einzige Auslassung.

Bild: Pixabay.

Ein Gedanke zu “Spannungslose Biographie einer fiktiven Figur. “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” ist vor allem ein Roman, weil es drauf steht.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..