Romanbiografie als Unterweltreise. “Der General in seinem Labyrinth” von Gabriel Garcia Marquez ist stärker, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Ich bin positiv überrascht von meiner zweiten Lektüren von “Der General in seinem Labyrinth”. Das Buch habe ich vor vielleicht 15 Jahren bei meiner ersten Beschäftigung mit Marquez eben so unter anderem auch gelesen, und als höchstens solide Roman-Biografie abgespeichert. Sprachlich nicht so gewaltig wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ oder auch „Der Herbst des Patriarchen“, formal einfach, und nicht so dicht wie beispielsweise „Laubsturm“.

Der Roman ist tatsächlich relativ einfach. Er folgt Simon Bolivar auf seiner letzten Reise von Santa Fé de Bogota bis ins treffend benannte Soledad, nachdem er die Regierungsgeschäfte abgegeben hat, ermüdet von Jahrzehnten des Krieges. Darin eingeschaltet finden sich, recht organisch aus Gedanken und Gesprächen, Rückblenden in die lange Zeit der Befreiungskämpfe, der direkt darauf folgenden Zerfallskriege, in Leben und Freundschaften.

Das aber ist sehr gelungen gestaltet. Die gesamte Reise durchzieht eine starke Note der Melancholie, oft habe ich mich an eine klassische Unterweltreise erinnert gefühlt. Alles Relevante, das vorbereitet wird, wird auch in starker Weise wieder aufgegriffen. Etwa der Gesang auf Seite 118, der Bolivar an einen alten Jungenfreund erinnert und dessen Gesänge; ein Freund, der zum Schluss dann immer mehr Bedeutung erlangt wie überhaupt der Gesang an sich. Bolivar reist durch karge Landschaften, bekommt in Städten opulente Malzeiten aufgesetzt, ringt mit seinem Vermächtnis und führt Gespräche mit vielen seiner Generäle, wobei manchmal die Grenzen zwischen Jetzt und Früher einzureißen drohen. Auch das verstärkt noch den Eindruck einer Unterweltreise.

Zentrales Thema dabei ist die Frage der Einheit Südamerikas, der Roman kann dahingehend als große Klage gelesen werden über deren Unmöglichkeit, darüber, wie aus der Befreiung heraus sofort die Nationalismen erfunden werden, um nach der spanischen Krone sofort einen neuen Feind zu haben, gegen den es sich Krieg führen lässt. Auch auf das lateinamerikanische “Schicksal” – der gefühlt endlose Wechsel von Links- und Rechtsdiktaturen, greift der Roman schon vor in der Art und Weise, wie sich die Generäle an der Macht ablösen.

Sprachlich gibt es nicht diese herausgehobenen zitierfähige Momente, die man alleine hinstellen kann und sagen: Schaut, ist das schön, lest das. Aber der gesamte Text ist schon mal sehr gelungen, vermittelt in seinen ausgreifen im rhythmischen Sätzen, die für Marquez‘ Verhältnisse jedoch kurz und lesbar bleiben, eben diese alles durchziehende Melancholie auch überzeugend sprachlich. Um die historische Akkuratesse sollen sich derweil andere kümmern, ästhetisch ist sie wie immer vollkommen irrelevant. “Der General in seinem Labyrinth” wäre auch ein starker Roman, hätte Marquez mit dem gleichen Blick fürs Detail über einen fiktiven Freiheitskämpfer in einer fiktiven Welt geschrieben. Der Autor hat sich aber wohl bemüht, mit literarischen Techniken einer plausiblen inneren und äußeren Rekonstruktion der letzten Monate Bolivars nahe zu kommen.

Etwas tiefer als andere Romane Marquez‘ setzt sich „Der General in seinem Labyrinth“ übrigens damit auseinander, dass die „Befreiung“ Bolivars ff nur eine sehr exklusive Begfreiung war, etwa hier:

„“General Piar ist bereits in Angostura erschossen worden, und nicht heute nachmittag um fünf, sondern an einem Tag wie heute vor dreizehn Jahren.“
General Manuel Piar, ein eigenwilliger Mulatte aus Curaçao, fünfunddreißig Jahre alt und ruhmreich wie kein anderer in den patriotischen Milizen, hatte die Autoritat des Generals zu einem Zeitpunkt auf die Probe gestellt, als das Befreiungsheer wie nie zuvor alle Kräfte vereint brauchte, um die Vorstöße Morillos aufzuhalten. Piar sammelte Schwarze, Mulatten, Mischlinge und alle Bedürftigen des Landes gegen die weiße Aristokratie von Caracas, die der General verkörperte.“

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