Liebe deutschsprachige Hochliteratur. Nimm dir doch bitte manchmal ein Beispiel an der sogenannten „Unterhaltung“.

Ihr wisst, in meinen Kolumnen wie auch in meinem Blog liegt der Fokus auf den herausragenden Werken, sei es neu, sei es alt. Ob die Meisterwerke des französischen Naturalismus oder dessen frühmoderner Spätfolger Thomas Mann, die sprachlichen Experimente von James Joyce oder die radikale Komposition von Virginia Woolf. Oder neuer, unter anderem, von Toni Morrison – man kann mir sicherlich nicht vorwerfen, dass ich ein Werk verwerfe, nur weil die Lektüre einige Anstrengung verlangt.

„This has to be interesting…?“

Und dennoch geht es mir mit neuerer „Literatur“, gemeint im deutschen Sinne, wo das Wort immer noch oft die sogenannte „ernsthafte“ oder „hohe“ Literatur bezeichnet, regelmäßig so, dass ich froh bin, von Rezensionsexemplaren oder Büchereifunden, die noch nicht die Prüfung der Zeit bestanden haben, größtenteils also Neuerscheinungen, zurückzukehren zu in erster Linie „unterhaltend“ gemeinten Texten, die es braucht, um sich von den Wüsten zu erholen, durch die man allzu oft lesend wandert, wenn man neuere „Literatur“ besprechen möchte.

“You know we have to approach this book from a completely different angle from all of our previous writings, our dissertations, out theses…“ –
„Hmm, that’s right. Yeah, this has to be interesting!”

So ein kurzer Dialog zwischen Frazier & Niles in der Show „Frasier“, als die beiden entscheiden, erstmals ein populärwissenschaftliches Buch zu schreiben. All zu oft scheint mir, moderne LiteratInnen, besonders wiederum deutschsprachige, haben die gegenteilige Herangehensweise verinnerlicht.

Wann genau hörte es auf, dass die Anstrengung, die es bedeutet, ein literarischen Text zu lesen, Ergebnis durchaus zahlreicher befriedigender Aspekte des Werkes ist: Etwa der virtuosen Balance zahlreicher ausgearbeiteter Figuren, oder einer Sprache, die sich so auf das Erzählte einlässt, das sie zu einer ganz neuen Form findet? Regelmäßig stoße ich stattdessen auf zweierlei Textsorten: solche, die wirken, als habe das sprachliche bzw. formale Gimmick festgestanden, ehe eine Handlung entworfen wurde, um es zu transportieren, oder solche, die tatsächlich in erster Linie ihre Bedeutung behaupten, indem sie darauf insistieren, Bedeutung zu haben. Etwa durch eine Lebensgeschichte, die uns interessieren soll, weil die Figuren und ihr Leben uns Bedeutendes zu heutigen „Diskursen“ zu sagen hätten. Nicht, dass es solche Texte nicht geben sollte, aber bitte – gestaltet die Lektüre doch bitte interessant.

Stattdessen scheinen sich neuere AutorInnen oft geradezu zwanghaft von allen klassischen Mitteln des Spannungsaufbaus fernzuhalten. Bloß nicht am Ende in die gleichen Gefilde eingeordnet werden, wie diese Hollywood-Drehbuchschreiber oder der Pöbel, der Unterhaltungsromane schreibt für das einfache Volk.

Ich verfasse diesen Text, nachdem ich in Reihe einen Roman hinter mir habe, der sich aus unerfindlichen Gründen an „Of Mice and Men“ anlehnt, mit einer „unerhörten Begebenheit“ beginnt und dann über 450 Seiten erst einmal in gemächlichster Weise die Vorgeschichte zur Vorgeschichte dieser Begebenheit herunter betet. Dann einen Roman, in dem praktisch alle Sätze gleich gebaut sind, und der die Dreiecksbeziehung, mit der der Text beginnt, so sehr an den Rand drängt, dass man tatsächlich glauben könnte, es ginge nur um Alltagsbeobachtungen und es sei sonst gar nichts geschehen. Und die durchaus interessante Geschichte einer jungen Frau, die sich mit der Herkunft und dem Erleben ihrer Eltern beschäftigt, wobei allerdings auch darauf vertraut wird, dass es reicht, dass diese fiktiven Biografien rund um Identität und Integration so interessant sind, dass man sie chronologisch und ohne Spannungsmoment herunterrattern kann.

Flucht in Pulp oder Klassiker

Es ist wirklich eine Offenbarung, sich aus solchen Texten dann wieder flüchten zu können. Zuletzt etwa in die mit so viel Witz und Auge fürs Detail erzählten Geschichten der Autoren der modernen jiddischen Literatur, oder aber in die Welt der reinen „Spannungsromane“, wo ich zuletzt einige Texte aus dem BattleTech Universum gelesen habe. Erstere begeistern mit Sprache, Details, unerwarteten Wendungen und, wiewohl es sich um überzeichnete Satiren handelt, vor allem einem Auge für die Verbindung von Individuellem und Gesellschaftlichem, das den meisten modernen „hoch“-literarischen Romanen abgeht. Die anderen durch eine tatsächliche Beherrschung des Plots, durch einen Aufbau, der an den richtigen Stellen Fragen stellt, Probleme aufwirft, wegen denen wir weiter lesen, der weiß, wie die „Payoffs“ gesetzt werden müssen, und wie man ein Finale gestaltet, damit man zum Schluss sagen kann: Das war eine befriedigende Lese-Erfahrung. Und ja: Selbst erstere ältere „hoch“-literarische Romane haben noch mehr von zweiteren, als das Gros etwa jener Texte, die heute auf Wettbewerbsshortlist stehen.

Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ ist eben auch hochspannend. Früh werden die Konflikte aufgebaut, der zurückgekehrte Liebhaber, die Frage, ob sich Ehemann und Liebhaber auf dem Fest begegnen, Die Spannungen zwischen Tochter, Eltern, Lehrerin, und die Nebenhandlung um den kriegsversehrten Septimus Warren Smith. Ebenso das kompositorisch noch komplexere „To the Lighthouse“. Lilly Briscoes Gemälde, der unterschwellige Sexismus, der ihr entgegenschlägt, der Drang der Kinder zum Leuchtturm, die Schwierigkeiten der Eltern. All das wird eben nicht aufgezählt, sondern als dynamische Handlung durch die virtuose Komposition mit agierenden Figuren hindurch entfaltet, bis zum doppelten Kulminationspunkt: Der erste Weltkrieg, der alle Pläne zerschlägt, und die traurige Fahrt zum Leuchtturm nach dem Krieg mit der dezimierten Familie, während Lilly endlich ihr Bild fertiggestellt.

Ich könnte das noch für zahlreiche weitere Klassiker und moderne Klassiker so zeigen, aber das Entscheidende: viel zu oft bei heutigen „hoch“-literarisch gemeinten Werken fehlt eben diese Dynamik. Da ist einE Ich-ErzählerIn, im besten Fall vielleicht noch eine Fokus-Figur aus der dritten Person, und die macht chronologische oder assoziative Beobachtungen oder erzählt Biografien herunter. Ich weiß, es gibt Ausnahmen, ich weiß, in der internationalen Literatur ist das Problem nicht so groß, obschon auch hier die Zahl der biographischen Romane mit sprachlich leicht (verdaubar) poetischem Einschlag massiv anwächst, und ich weiß, allein ob der schieren Masse der Texte, die mittlerweile täglich veröffentlicht werden, erblickt wahrscheinlich jeden Tag irgendwo ein Meisterwerk das Licht der Welt, das man nur finden müsste. Aber die Masse an Texten, die wirken, als seien sie mit Absicht so geschrieben, dass sie einerseits anstrengend sind, andererseits aber bloß Keine Gründe aus dem Text schöpfen, dass man diese Anstrengung tatsächlich auf sich nehme, macht das Finden schwer. Ich wollte der deutschen LiteratInnenschaft so gern raten, sich doch einfach das ein oder andere Beispiel an den reinen Unterhaltungsromanen oder auch bei Drehbüchern zu nehmen. Aber das wird ja auch wieder nur in die Hose gehen. Es entstehen dann, fürchte ich, einfach noch einer dieser überfrachteten deutschen Krimis, bzw. Romane mit kriminellen Handlungselementen, die uns anhand irgendeines Verbrechens auf dem Land die Welt erklären wollen. Und denen es sogar gelingt, damit zu langweilen.

Bild: Pixabay.

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